Kapitel 138: Das gestohlene Siegel

Der Lederbeutel lag noch auf Maras Tisch.

Er war geschlossen, der Knoten so gebunden, wie Cassian ihn am Abend dokumentiert hatte. Das Papier darunter trug keine Spur von Bewegung. Trotzdem hörte Mara keinen Wind mehr.

Sie blieb in der Tür des Turmzimmers stehen und lauschte. Die sechste Schlüsselresonanz hatte immer wie Luft in einem engen Flaschenhals geklungen, kaum hörbar, aber beständig. Nun war da nur das Knacken des Kohlebeckens.

Cassian kam hinter ihr die Stufen herauf. „Was ist passiert?“

Mara berührte den Beutel nicht. „Hol Joris als Zeugen.“

Er stellte keine weitere Frage. Wenige Minuten später standen sie zu dritt am Tisch. Joris prüfte den Knoten, dann die Steinplatte unter den Papieren.

„Nichts aufgebrochen“, sagte er. „Keine Verschiebung im Gewicht.“

Mara öffnete den Beutel.

Darin lag die schmale Windfassung. Ihre Form war unverändert, doch die silbernen Linien waren stumpf. Als Mara sie anhob, blieb das sonst übliche Kribbeln in ihren Fingerspitzen aus.

„Eine Hülle“, sagte Cassian.

„Eine freiwillig überlassene Kopie“, erwiderte Mara. „Lena hat die Resonanz herausgelöst.“

Joris fluchte leise. „Kann sie das?“

„Sie kennt die Unterseite der Schlüssel besser als wir.“

Cassian trat zum Fenster. Im Lager bewegten sich die ersten Menschen zwischen den Zelten. Niemand rannte. Noch hatte niemand bemerkt, dass die einzige nachgewiesene Austrittsstruktur auf dem Weg zu Lena war.

„Der Knoten war unversehrt“, sagte er. „Sie war nicht im Raum.“

Mara zog das Kräuterbuch hervor. Zwischen den verkohlten Seiten verlief die alte Echoverbindung wie ein feiner Zug in ihrem Handgelenk. Sie öffnete das Buch bei Lenas Schrift.

Die Buchstaben waren da. Aber als Mara ihren Namen dachte, antwortete nichts.

Sie versuchte es noch einmal, nicht mit Macht, nur mit der Erinnerung an den Bach. Der rote Strumpf. Tinte an Lenas Fingern. Das Versprechen, jeden zweiten Tag zu schreiben.

Stille.

Dann zerfiel die silberne Spur am Seitenrand zu grauem Staub.

Mara zog die Hand zurück.

„Sie hat die Verbindung getrennt“, sagte Joris.

„Nur den Weg im Buch“, antwortete Mara. Ihre Stimme klang fremd. „Nicht die Erinnerung.“

Cassian nahm sein kleines Protokollheft hervor. „Zeitpunkt?“

Mara sah ihn an.

Er hielt inne. „Entschuldige. Das kann warten.“

„Nein. Schreib es auf. Kurz vor der zweiten Morgenglocke. Die äußere Hülle blieb zurück. Keine sichtbare Gewalt, keine Verletzten.“

Joris beugte sich über die Windfassung. „Warum die Kopie?“

„Damit wir glauben, der Schlüssel sei noch hier, bis sie den Kern erreicht.“

Mara ging zum Fenster. Auf dem Weg zum nördlichen Pass fehlten vier graue Mäntel aus dem Lager. Lena hatte nicht alle Namenlosen mitgenommen. Vielleicht hatte sie den anderen keine Wahl gelassen, vielleicht hatte sie ihnen eine angeboten und nur wenige hatten zugestimmt. Mara durfte nicht raten.

Cassian stellte sich neben sie. „Die sechste Resonanz gehört zur Beweiskette gegen Severins Plan. Wenn Lena sie in den Kern bringt, kann sie nicht nur die Verbindung lösen. Sie könnte den Zugang zur siebten Resonanz blockieren.“

„Das weiß sie.“

„Dann hat sie uns bewusst geschwächt.“

Mara presste die Fingerspitzen gegen die Fensterkante. Wut war einfacher als Trauer. Sie konnte Lena eine Diebin nennen, Cassian einen Haftweg suchen lassen, die Namenlosen zwingen, ihre Route offenzulegen. Für einen Moment verstand sie die Verlockung eines Befehls.

„Sie glaubt, sieben Schlüssel in einer Hand würden mich wieder zum Ziel machen“, sagte sie. „Damit hat sie nicht völlig Unrecht.“

„Das rechtfertigt es nicht.“

„Nein.“

Das Wort tat mehr weh als am Bach.

Mara wandte sich an Joris. „Wir brauchen Abschriften der Liste in jedem Dorf am Pass. Keine magischen Einzelstücke. Papier, Namen, mündliche Zeugen.“

„Und den Schlüssel?“

„Wir holen ihn nicht zurück, indem wir die Menschen ungeschützt lassen.“

Cassian klappte sein Heft zu. „Lena ist auf dem Weg zu einem sicherheitskritischen Knoten. Ich kann die Grenzwache warnen.“

„Warnen, ja. Einen Haftbefehl hast du nicht.“

Sein Gesicht wurde hart. Nicht gegen sie, sondern gegen die alte Gewohnheit in ihm. „Ich habe kein Amtssiegel mehr.“

„Und selbst wenn du eines hättest, wäre sie nicht nur ein Ziel.“

Mara schob die leere Windfassung in den Beutel. Das Kräuterbuch ließ sie offen liegen. Die Seiten waren wieder bloß Seiten, endlich sichtbar für das, was sie nie hatten sein sollen: kein Seil zwischen Schwestern, kein Mittel zur Verfolgung.

Draußen rief jemand nach einem Boten.

Mara hörte hin. Der Ruf trug keinen magischen Widerhall, nur eine menschliche Stimme.

Zum ersten Mal seit drei Jahren konnte sie Lena nicht mehr finden.