Kapitel 119: Elias wählt

Elias folgte Mara aus dem Lager.

Sie hörte seine Schritte erst am Steinbruchrand. Er trug eine Mappe und denselben grauen Mantel wie am Vortag.

„Hat Lena Sie geschickt?“, fragte Mara.

„Nein.“

„Will sie, dass Sie gehen?“

„Das ist nicht ihre Entscheidung.“

Er sagte es ohne Schärfe. Eine Grenze, keine Anklage.

Mara wartete.

„Ich will den Wall verlassen“, sagte Elias. „Ich unterstütze das Ende der dauerhaften Verbindungen. Ich unterstütze keinen Schnitt, bevor wenigstens die drei Türme bereit sind.“

„Warum?“

„Weil ich zwölf Jahre lang als Begründung benutzt wurde. Von der Krone für die Mauer. Von meiner Familie für ihre Schuld. Ich werde nicht zur Begründung für Tote in Kiesrain.“

Mara fragte nicht, ob er Cassian vergeben hatte. Das gehörte nicht zu dieser Entscheidung.

„Was können Sie beitragen?“

Elias öffnete die Mappe. Er hatte Wartungspläne des südlichen Unterarchivs, freigegeben von den Menschen, deren Wege darin sichtbar waren. Die alten Türme besaßen eine gemeinsame Warnlinie. Der Kronenwall hatte sie nicht zerstört, sondern in seinen Kern aufgenommen.

„Der fünfte Schlüssel kann sie trennen“, sagte er. „Nicht dauerhaft. Für einen Test.“

„Wie wissen Sie das?“

„Ich habe zwölf Jahre Leitungen gehört.“

„Das ist Erfahrung. Wir brauchen eine zweite Prüfung.“

Elias gab ihr die Mappe. „Deshalb sind die Randwerte markiert.“

Mara fand drei Stellen, an denen seine Erinnerung und die erhaltenen Wartungszeichen voneinander abwichen. Elias hatte sie nicht geglättet.

„Der nördliche Turm könnte sieben oder neun Schläge verzögert sein“, sagte er. „Ich erinnere sieben. Der Stein zeigt neun.“

„Dann planen wir mit neun.“

„Cassian hätte den Widerspruch früher als Fehler gegen mich benutzt.“

„Und heute?“

Elias sah zum Pass. „Das weiß ich nicht.“

Elias’ Mund verzog sich. „Sie klingen wie Cassian.“

„Ist das ein Einwand?“

„Heute nicht.“

Sie gingen nach Tannwald. Oda hatte Bram und Sanna bereits gerufen. Ralf Eder kam aus Kiesrain, begleitet von der dortigen Heilerin. Der südliche Pass schickte einen Windmeister namens Joen Arl.

Mara stellte Elias nicht mit seiner Geschichte vor. „Er bringt Leitungsdaten, deren Weitergabe begrenzt freigegeben ist.“

Elias nannte sich für die Sitzung selbst.

Die drei Orte prüften den Plan. Jeder Turm erhielt ein eigenes Abbruchsignal. Kein Ort durfte die Last auf einen anderen erhöhen, ohne dass dort ein Warnwert sichtbar wurde. Freiwillige sollten zunächst nur Beobachtung und mechanische Klinken übernehmen; die Steinreserven trugen die kurze Prüfung.

Sie führten einen trockenen Ablauf ohne Mauerlast durch. Der südliche Zeitgeber blieb zwei Schläge zurück. Joen brach ab, obwohl die anderen beiden weiterlaufen wollten. Damit bewies der Ablauf wenigstens, dass ein einzelner Ort seinen Ausgang tatsächlich benutzen konnte.

Beim zweiten Versuch lösten alle drei innerhalb derselben Spanne. Erst danach erlaubten die Orte die begrenzte Verbindung mit dem fünften Schlüssel.

„Und wenn die Reserven nicht reichen?“, fragte Ralf.

„Dann brechen alle drei ab“, sagte Bram.

„Gleichzeitig? Das war der alte Fehler.“

Elias zeigte auf die gemeinsame Warnlinie. „Deshalb trennt der Schlüssel sie für den Test aus dem Kronenkern, aber nicht voneinander.“

Mara sah die Gefahr. Wer die Warnlinie kontrollierte, konnte drei Orte zugleich beeinflussen.

„Keine zentrale Person“, sagte sie.

Sie legten drei mechanische Zeitgeber fest. Zwei von drei Orten mussten jede Verlängerung bestätigen. Ein einzelner Ort konnte seinen eigenen Turm jederzeit verlassen.

Elias bot an, die Unterarchivseite zu halten. Das hätte ihn erneut an eine Leitung gesetzt.

„Für wie lange?“, fragte Mara.

„Zwölf Minuten.“

„Abbruch?“

„Jederzeit durch mich oder die medizinische Wache.“

„Erholung danach?“

„Mindestens einen Tag.“

Sanna schrieb die Bedingungen. Elias unterschrieb mit dem Namen, den er heute gewählt hatte.

„Cassian hat ein Dokument von Ihnen“, sagte Mara, bevor sie fortfuhren. „Die Tonspur mit Ihrer Ablehnung. Er hat nur den Verfahrensinhalt geteilt.“

Elias hielt die Feder still. „Gut.“

„Er ist suspendiert. Ich weiß nicht, wo er jetzt ist.“

„Das ändert meine Entscheidung nicht.“

„Sollte es auch nicht.“

Elias schloss die Mappe. „Wenn er an die Grenze kommt, bestimmen Sie kein Treffen für mich.“

„Nein.“

„Sie können ihm sagen, dass ich lebe. Mehr nur mit meiner Zustimmung.“

„Verstanden.“

Der fünfte Schlüssel wurde in der Dreifachkapsel gebracht. Ralf erhielt als betroffener Nachbar ein zusätzliches Abbruchrecht für Kiesrain. Joen verlangte dasselbe für den Süden. Oda akzeptierte beide.

Kurz vor Mittag waren die drei Türme nicht repariert. Aber ihre Warnlinien waren auffindbar, die Zustimmungen verzeichnet und die Risiken offen.

Mara sandte Lena die Daten.

Die Antwort kam über Tavi:

Zwölf Minuten reichen nicht für den ganzen Schnitt.

Elias las sie. „Dann schneidet sie nicht heute.“

„Sie hat die letzte Stimme im Kreis.“

„Und ich habe meine.“

Er nahm einen schwarzen Stein aus Lenas Plan und legte ihn neben den fünften Schlüssel.

„Meine Verbindung bleibt heute“, sagte Elias. „Freiwillig für einen Tag. Damit sie den südlichen Punkt nicht als Grund zur Eile benutzt.“

Mara spürte, wie teuer diese Entscheidung war. Sie machte sie nicht edel.

„Verzeichnen wir Beginn und Ende“, sagte sie.

Sanna verzeichnete auch, dass die Entscheidung unter äußerem Zeitdruck fiel. Freiwillig bedeutete nicht frei von Umständen. Elias bestand trotzdem darauf, dass das Ja als seines galt.

Elias schrieb:

Bis morgen Mittag. Nicht länger.

Zum ersten Mal bestimmte er selbst die Dauer einer Verbindung, die zwölf Jahre lang andere für ihn bestimmt hatten.