Kapitel 120: Die geteilten Namenlosen

Lenas Kreis zerbrach nicht an Mara.

Er zerbrach an einer Abstimmung.

Elias’ Entscheidung nahm den südlichen Punkt aus dem unmittelbaren Risiko. Die drei Turmdaten zeigten eine mögliche Entlastung, aber keine Garantie. Als der neunköpfige Kreis erneut zusammenkam, verlangten fünf Gruppen Aufschub.

Andere wollten nicht warten.

Kelm stand im Versammlungszelt. „Jeden Tag kann die Krone unsere früheren Namen wieder als Haken benutzen. Ich gehe nicht zurück in eine Leitung, weil Grenzorte erst ihre Regeln ordnen.“

Rika widersprach. Ihr Sohn lebte nahe Kiesrain. „Du darfst deine Verbindung lösen. Du darfst nicht so tun, als wäre die Welle nur eine Zahl.“

„Und dein Sohn darf geschützt bleiben, weil ich unsichtbar trage?“

„Nein. Deshalb will ich die Türme.“

Die Stimmen wurden laut. Lena ließ niemanden durch ein Siegel zum Schweigen bringen. Sie verlangte nacheinander Redezeit und ließ Tavi jede Position protokollieren.

Mara saß als Gast am Rand. Sie hatte keine Stimme.

Der erste Antrag lautete: Schnitt um drei Tage verschieben und die drei Türme vorbereiten.

Vier Stimmen.

Der zweite Antrag lautete: nur Verbindungen trennen, deren angrenzende Orte bereits Schutz zugesagt hatten.

Zwei Stimmen.

Der dritte Antrag lautete: den ursprünglichen gleichzeitigen Plan am nächsten Tiefpunkt beginnen.

Drei Stimmen.

Keine Mehrheit.

Vor der vierten Fassung verlangte Asche eine Pause. Jede Gruppe prüfte erneut Verletztenzahlen, Abbruchrechte und die Möglichkeit, den eigenen Punkt zu entfernen. Kelm wollte die Abstimmung sofort. Rika bestand auf der vollen Stunde.

Lena gewährte sie. Eile blieb, aber sie ersetzte nicht jede Beratung.

Lena schlug eine vierte Fassung vor. Gruppen durften austreten oder später schneiden. Der Kernplan begann jedoch beim nächsten Tiefpunkt mit den verbleibenden Punkten. Die drei Türme wurden einbezogen, soweit sie bis dahin bereit waren.

„Das ist früher als dein eigener Termin“, sagte Mara.

„Severin reagiert bereits auf unsere Laständerungen. Wenn der Kreis öffentlich geteilt bleibt, wird er zuerst die schwächsten Gruppen verriegeln.“

„Oder du beschleunigst, weil du Kontrolle verlierst.“

Lena sah sie direkt an. „Beides.“

Die Ehrlichkeit machte den Satz nicht weniger gefährlich.

Rika fragte, ob sie mit ihrer Gruppe das Lager verlassen könne, ohne Vorräte oder Karten zu verlieren.

„Ja“, sagte Lena.

„Auch wenn wir den Weg nach Kiesrain nehmen?“

„Ja.“

Kelm warf ein, Ausgetretene könnten den Ort verraten.

„Freiheit, die nur bei Zustimmung gilt, ist keine“, antwortete Lena.

Sie gab Rikas Gruppe Vorräte und einen Weg, der keine anderen Lager zeigte. Drei weitere Menschen schlossen sich an. Niemand musste den alten oder gewählten Namen abgeben.

Kelm verlangte, dass die Austretenden wenigstens ihre Holzmarken zurückgaben. Der Versorgungskreis widersprach. Die Marken bewiesen keine Zugehörigkeit, sondern bereits erhaltene Rationen; ihr Entzug würde die Vergangenheit umschreiben.

Rika behielt ihre Marke.

Mara half beim Packen, ohne sie für ihre Entscheidung zu gewinnen. Rika wollte in Kiesrain warnen und ihren Sohn über einen freiwillig zu öffnenden Brief erreichen.

„Kannst du den Brief tragen?“, fragte sie Mara.

„Ja. Ich verspreche nur die Übergabe, nicht dass er ihn liest.“

„Mehr will ich nicht.“

Im Zelt stimmte der verbleibende Kreis über Lenas vierte Fassung ab. Fünf dafür, drei dagegen. Ein Sitz war durch Rikas Austritt leer.

Der Schnitt begann nicht in zwei Tagen.

Er begann in achtzehn Stunden.

Für jeden verbleibenden Punkt wurde eine neue Bestätigung angesetzt, zwei Stunden vor Beginn. Ein Nein strich ihn ohne Ersatz. Lena ließ die Regel in großer Schrift über die Karte hängen.

Mara las sie laut. „Und wenn dadurch der ganze Plan unwirksam wird?“

„Dann wird er unwirksam“, sagte Lena. „Ich beschleunige die Frist, nicht die Zustimmung der Beteiligten.“

Mara stand auf. „Die Türme sind nicht bereit.“

„Dann macht sie bereit.“

„Das ist keine Antwort auf das Risiko.“

„Doch. Es ist eine Frist, die du nicht kontrollierst.“

Mara erinnerte sich an Severins rote Zeitlinie im Hof. Sie hasste die Ähnlichkeit.

„Du benutzt Eile, um eine Entscheidung zu verengen.“

Lena wurde blass. „Und du benutzt Verfahren, um einen Zustand zu verlängern, der dich erst seit Wochen trifft.“

Beide Sätze hatten Wahrheit in sich.

Elias trat zwischen sie, nicht körperlich, sondern mit seiner eigenen Erklärung. „Mein Punkt wird nicht geschnitten. Wer bleiben will, bleibt bis morgen Mittag. Wer geht, geht. Keine Seite benutzt meinen Namen als fehlende Stimme.“

Lena nahm den schwarzen Stein aus ihrer Karte. „Akzeptiert.“

Tavi entfernte auch das Kontaktzeichen der drei Menschen im südlichen Schacht. Niemand sollte sie aufgrund der alten Position doch noch einbeziehen.

Mara sah, dass Lena selbst im Beschleunigen Grenzen einhielt. Das machte sie nicht zu Severin. Es machte sie zu einer Gegnerin, die Mara liebte und ernst nehmen musste.

Rikas Gruppe verließ das Lager. Kelm und Tavi begannen, die verbleibenden Punkte zu prüfen. Asche bat um eine neue Schadensspanne für achtzehn statt achtundvierzig Stunden.

Lena arbeitete weiter.

Mara ging zur Tür.

„Wohin?“, fragte ihre Schwester.

„Kiesrain warnen. Drei Türme koppeln. Deinen Plan überleben.“

„Und danach?“

Mara hielt Rikas Brief fest.

„Danach streiten wir darüber, wer den Wall kontrolliert.“

Draußen schlug der Wind um.

Der nächste Tiefpunkt würde vor Sonnenaufgang kommen.