Kapitel 110: Der Bote ohne Siegel

Der Fremde nannte sich Tavi.

„Nur Tavi“, sagte er, als Oda nach dem Familiennamen fragte. „Den Namen habe ich gewählt. Der andere steht in einem Archiv, das mich nicht mehr führt.“

Er war ungefähr dreißig, trug gute Bergstiefel und eine schlecht verheilte Narbe am Hals. Kein Siegel zeigte Haus, Amt oder Verbindung.

Oda hielt das Schwert gesenkt, aber bereit. „Wie bist du durch den Wall gekommen?“

„Durch einen alten Wartungsspalt. Ich zeige ihn nicht, solange königliche Leitungen mithören.“

„Dann kann ich deine Geschichte nicht prüfen.“

„Doch.“ Tavi sah zu Mara. „Lena sagt: Die Minze starb nicht im Frost. Mara goss sie mit der falschen Tinktur und gab drei Jahre lang dem Wetter die Schuld.“

Maras Vater machte ein ersticktes Geräusch. „Das klingt nach dir.“

Mara erinnerte sich an verbrannte Minze und an Lenas verlorene Stimme, die sie damals ausgelacht hatte. Die Einzelheit bewies, dass der Bote Kontakt zu jemandem mit Lenas Erinnerung hatte. Sie bewies nicht jede weitere Behauptung.

„Was soll ich tun?“, fragte Mara.

„Zum Lager kommen. Lena beginnt den Schnittplan.“

Der Wind am Pass wurde kälter.

„Welchen Schnittplan?“

Tavi sah zu Oda. „Das ist keine königliche Information.“

„Dann ist dieses Gespräch beendet“, sagte die Hauptfrau.

Mara hob die rechte Hand. „Sie hat mich für die örtliche Prüfung unter Aufsicht gestellt. Wenn der Plan den Wall betrifft, betrifft er Tannwald.“

Tavi schwieg lange. Schließlich sagte er: „Die Namenlosen sind an mehreren Abschnitten mit dem Wall verbunden. Lena will die Verbindungen gleichzeitig trennen. Kurz fällt die Last auf die leeren Leitungen. Danach kann die Krone uns nicht mehr als lebende Knoten benutzen.“

„Wie lange ist kurz?“

„Minuten.“

„Was passiert am Pass?“

„Ein Bruch ist möglich.“

„Wie groß?“

„Das hängt von Severins Gegenlast ab.“

Oda steckte das Schwert nicht weg. „Also wisst ihr es nicht.“

„Wir wissen, was geschieht, wenn wir bleiben. Jedes Jahr werden weitere Menschen angeschlossen.“

Mara sah den schwarzen Frost unter ihren Stiefeln. Lena hatte recht, dass der bestehende Zustand nicht weitergehen durfte. Ein unbekannter Bruch über Tannwald war trotzdem kein Preis, den sie für andere festlegen durfte.

„Wann will sie beginnen?“

„Sobald die Gruppen bestätigt haben. Vielleicht in drei Tagen.“

„Warum jetzt?“

„Weil Severin die westliche Last erhöht und deinen Namen in den Kern zieht. Wenn er dich vollständig bindet, kann er die Unterarchivverbindungen neu verriegeln.“

Der goldene Faden in Maras Hand zuckte. Sie war der Ersatz und zugleich ein möglicher neuer Verschluss.

„Hat Lena dich gebeten, mir all das zu sagen?“

„Sie hat mich gebeten, dich zu holen. Die Einzelheiten sollte sie selbst erklären.“

„Dann war der Rest deine Entscheidung.“

Tavi nickte. „Ja. Ich führe niemanden in einen Plan, ohne wenigstens die Art des Risikos zu nennen.“

Das unterschied ihn von Severin. Es machte den Plan nicht richtig.

Bram fragte, ob die alten Steintürme Last aufnehmen könnten. Tavi kannte nur einen in seinem Abschnitt; er galt als tot. Mara dachte an den abgeschafften lokalen Turm aus den Halbfinaldaten und an die versiegelten Protokolle des vierten Schlüssels.

„Es gab früher mehrere“, sagte sie.

„Früher ist keine Mauer“, antwortete Tavi.

„Aber vielleicht eine Möglichkeit, den Schnitt nicht auf ein Dorf fallen zu lassen.“

Oda verlangte, den Wartungsspalt zu sehen. Tavi verweigerte es. Sie hätten sich festfahren können: Wache gegen Namenlosen, Befehl gegen Geheimnis.

Mara schlug einen begrenzten Tausch vor. Tavi führte nur sie bis zu einem Treffpunkt außerhalb des Lagers. Oda behielt die Abschriften und setzte eine örtliche Suchgruppe an die alten Türme, nicht an den Spalt. Mara sollte bis zum nächsten Abend zurückkehren oder eine freiwillige Nachricht senden.

„Und wenn ich den Treffpunkt verlasse?“, fragte Mara.

„Dann halte ich dich nicht fest“, sagte Tavi. „Ich zeige dir den Rückweg, soweit er das Lager nicht offenlegt.“

Er versprach keine Freiheit, die Lena ihm später nehmen könnte. Mara verlangte deshalb, dass er ihre Bedingung vor dem Aufbruch über eine Namenslosenkette weitergab. Die Antwort kam als drei klare Schläge im Wall: Zuhören ohne Bindung akzeptiert.

„Du stehst unter meiner Aufsicht“, sagte Oda.

„Dann müssen Sie entscheiden, ob Aufsicht bedeutet, mich an Severin zu liefern oder eine unmittelbare Gefahr zu prüfen.“

Oda sah zum falschen Mauerzeiger. „Bis morgen Abend. Danach melde ich, dass du meinen Bereich verlassen hast.“

Keine von ihnen nannte es Erlaubnis. Oda setzte eine Grenze für ihre eigene Entscheidung; Mara trug die Folgen ihrer.

Tavi führte Mara nicht durch Magie. Sie gingen über einen Geröllpfad, der auf keiner königlichen Karte markiert, aber an alten Meißelspuren erkennbar war.

Vor dem Abstieg legte Mara die Hand auf das Kräuterbuch.

„Sag Lena, dass ich komme, um zuzuhören“, sagte sie. „Nicht um zuzustimmen.“

„Das weiß sie.“

Tavi blickte zum Wall.

„Deshalb schickt sie jemanden ohne Siegel.“