Kapitel 111: Durch den Pass

Tavi wollte allein mit Mara gehen.

Oda ließ es nicht zu.

„Der Nachtbruch kam durch meinen Wachbereich“, sagte sie. „Wenn es einen Weg auf die Außenseite gibt, muss ich sehen, was dort geschieht.“

Tavi stand am Beginn des Geröllpfads und betrachtete ihr Wachzeichen. „Sie könnten den Weg später sperren.“

„Das könnte ich.“

„Oder Severin melden.“

„Das muss ich. Mara hat meinen Bereich verlassen.“

Mara trat zwischen die beiden, nicht um ihre Entscheidungen aufzulösen. „Tavi muss das Lager nicht zeigen. Oda muss keinen unbekannten Mauerspalt ignorieren. Wir gehen nur bis zur Außenseite und danach getrennt.“

Bram Ort schloss sich als Steinmetz an. Oda nahm den Grenzwächter Iven Saar mit, sechsundzwanzig und erfahren genug, nicht jeden Befehl für eine Erklärung zu halten. Alle fünf waren erwachsen. Niemand führte Kinder oder unvorbereitete Dorfbewohner in den Pass.

Tavi verlangte, dass sie königliche Ortungsmetalle zurückließen. Oda gab ihr Meldesiegel nicht ab.

„Dann bleibt es in einer Steinbüchse“, schlug Bram vor. „Versiegelt von uns beiden. Sie nimmt es auf dem Rückweg wieder.“

Oda stimmte zu. Tavi erst, nachdem Mara die Büchse nicht selbst verwahrte. Sie sollte nicht Richterin über jeden Streit werden.

Der Geröllpfad endete an einer Felsspalte, die von der Straße aus wie ein Schatten aussah. Dahinter verlief ein schmaler Wartungsgang durch den äußeren Wallstein. Tavi öffnete keine magische Tür. Er löste zwei alte mechanische Riegel und wartete, bis Bram ihre Tragfähigkeit geprüft hatte.

„Die Krone kennt diesen Gang“, sagte Tavi. „Sie hat nur vergessen, dass Menschen ohne ihre Karten lesen können.“

Auf der Außenseite änderte sich die Welt.

Der Himmel war nicht dunkler, aber zu nah. Wind kam aus drei Richtungen. Moose wuchsen in spiralförmigen Linien über den Fels, und jeder Schritt hinterließ für Sekunden ein zweites Geräusch. Mara hörte ihren Namen im Echo, obwohl niemand ihn sprach.

Iven warf einen kleinen Kiesel vor sich. Er fiel zuerst nach unten, hob sich dann eine Handbreit und blieb an einer unsichtbaren Kante liegen.

„Außerhalb der Mauer gelten nicht überall dieselben Richtungen“, sagte Tavi. „Tretet nur auf Stellen, die zwei Menschen geprüft haben.“

Oda ordnete Zweierbestätigungen an. Tavi prüfte mit dem Eisenstab, Bram mit Steinklang. Wo beide Ergebnisse voneinander abwichen, gingen sie nicht weiter. Die Vorsicht kostete Zeit, aber keine einzelne Wahrnehmung konnte die Gruppe in eine falsche Tiefe führen.

„Nicht antworten“, warnte Tavi. „Der wilde Strom gibt zurück, was er hört, aber nicht immer an dieselbe Person.“

Sie banden sich an ein Seil. Oda führte die Reihe nicht automatisch; Tavi kannte den Weg. Bram ging hinter ihm, Mara in der Mitte, Iven und Oda am Ende.

Außen zeigte der Kronenwall sein wahres Maß. Keine geschlossene Fläche, sondern Schichten aus Licht, Stein und Namenresonanz zogen sich über den Pass. In den hellen Bereichen liefen die Verbindungen gleichmäßig. Am westlichen Abschnitt hing eine dunkle Tasche.

Mara berührte sie nicht. Schon aus zwei Schritten Entfernung verlor sie den Geschmack des Wassers in ihrem Mund.

„Verblassen“, sagte sie.

Iven reichte ihr ein Wacholdertuch. „Richtung?“

Mara zeigte talwärts. Ihr Finger wies tatsächlich zum Himmel.

„Falsch“, sagte Iven. „Wir bleiben stehen.“

Niemand drängte sie weiter, bis ihre Orientierung zurückkehrte.

Bram untersuchte die äußeren Steinanker. „Die Last ist nicht nur erhöht. Sie wird an den alten Ableitungen vorbeigeführt.“

„Wo sind die Ableitungen?“, fragte Oda.

Er zeigte auf niedrige Türme, die zwischen den Felsen kaum höher als Bäume waren. Drei standen sichtbar, zwei nur als Ruinen. Keiner trug Gold.

„Auf unseren Karten gibt es hier nur den zentralen Messturm“, sagte Iven.

Tavi lachte bitter. „Weil die Krone nur zählt, was ihr gehört.“

Sie näherten sich dem ersten alten Turm. Auf halber Strecke brach der Wind plötzlich ab. Stille fiel wie Wasser über Mara. Im selben Augenblick hörte sie Dutzende Namen aus dem Boden.

Nicht gelöschte Namen. Freiwillige Einträge mit Beginn und Ende.

„Hier haben Menschen den Wall gehalten“, sagte Mara. „Aber ihre Verbindungen wurden wieder gelöst.“

Bram fand in einem Sockel ausgewaschene Zeilen. Jede nannte eine Dauer: eine Stunde, eine Nacht, bis zur nächsten Wache. Keine jährliche Bindung.

Iven fand daneben eine Reihe kleiner Kerben. „Ablösungen.“

Oda zählte sie. Manche Wachen hatten nur eine halbe Stunde gedauert. Neben mehreren stand ein Zeichen für medizinischen Abbruch.

„Und der Turm hat sie gehen lassen“, sagte Mara.

Die wilden Echos flüsterten die alten Namen, doch sie hingen nicht mehr an der Leitung. Der Unterschied war kaum hörbar und trotzdem entscheidend: Erinnerung ohne Besitz.

Oda ließ Iven Abschriften anfertigen. „Beweis erst, Deutung später.“

Ein grüner Blitz lief über die Außenseite. Die dunkle Tasche im Wall schwoll an.

Tavi zeigte auf die Felsspalte. „Zurück.“

Mara blickte zum nächsten alten Turm. In seinem geborstenen Dach glomm etwas Dunkelgraues, das auf den achten Ring antwortete.

Kein Name.

Ein Stein-Schlüssel.

Dann traf die nächste wilde Welle den Pass, und das Seil zwischen ihnen spannte sich bis zum Reißen.

Iven verlor den Halt. Oda fing das Seil an ihrem Hüftgurt, Bram verkeilte den Stiefel im Sockel. Mara griff nicht nach Ivens Namen. Sie packte das Hanfseil mit beiden Händen, obwohl der geschlossene Ring schmerzte.

Gemeinsam hielten sie ihn auf dem Fels.

Als die Welle nachließ, sagte Oda: „Die zehn Minuten beginnen erst, wenn alle wieder Richtung fühlen.“

Niemand widersprach.