Der leere Hörsaal hatte drei Türen.
Eine führte zurück zum Hof, eine in den Nordgang und eine zu den Kräuterräumen. Mara wusste das, weil sie dort im ersten Studienmonat gelernt hatte, Flutresonanz von gewöhnlicher Feuchtigkeit zu unterscheiden.
Heute zeigte ihr Körper in alle drei Richtungen zugleich.
Sie öffnete die zweite Duftkammer. Wacholder. Der Geruch gab ihr keinen Weg, aber einen Zeitpunkt. Jetzt. Akademie. Flucht.
Die Tür zum Hof bebte unter den Kronenwachen.
Mara nahm den Kräutergang. Dort roch die Luft nach getrocknetem Salbei und bitterer Wurzel. Sie konnte sich von Regal zu Regal orientieren, ohne Magie zu benutzen. Am Lieferhof führte eine niedrige Pforte zur Straße der Händler. Sie war für Wagen geöffnet worden, bevor Severin die Zeremonie sperrte.
Zwei Akademiewachen standen davor.
„Mara“, sagte Cassian hinter ihr.
Sie fuhr herum. Er trug keinen Mantel mehr, nur das dunkle Hemd unter seiner ehemaligen Dienstkleidung. In der Hand hielt er kein Siegel, sondern einen Stapel Abschriften.
„Wie sind Sie aus dem Hof gekommen?“
„Durch den öffentlichen Ausgang, als die Zeugen die Öffnung verlangten. Severin kann nicht gleichzeitig behaupten, es gebe keinen Anlass zur Evakuierung, und alle Zuschauer einsperren.“
„Sie sollten nicht hier sein.“
„Ich weiß.“
Er trat nicht an ihre Hand und berührte den geschlossenen Ring nicht. „Die Lieferpforte wird in weniger als zwei Minuten königlich gesperrt. Der Kräuterwagen aus Tannwald steht noch draußen.“
Mara hörte Schritte im Nordgang. „Kommen Sie mit?“
Cassian sah zu den beiden Akademiewachen. „Wenn ich mitgehe, folgen die Kronenreiter dem Wagen sofort. Wenn ich bleibe und die schriftliche Sperre anfechte, muss jede Suche erst als königliche Maßnahme protokolliert werden.“
„Sie können nicht darauf vertrauen, dass Severin sich daran hält.“
„Nein. Aber ich kann dafür sorgen, dass die Akademiewachen sehen, wenn er es nicht tut.“
Mara wollte sagen, sie brauche ihn. Der Satz wäre wahr und trotzdem kein Recht auf seine Entscheidung.
„Was wählen Sie?“, fragte sie.
„Ich bleibe.“
Sie nickte. Der Kuss auf der Brücke änderte nichts daran, dass er selbst über sein Risiko entschied.
Cassian gab ihr die Abschriften: Joris’ Nein, Maras Rangänderung, seine Eintragung und Abschnitt vierzehn. Keine geheime Akte, kein Name ohne Freigabe.
„Yara hält die Schlüssel“, sagte er. „Elin und Joris halten die Zeugenfolge. Die Projektion ist nach Ihrer Flucht zusammengebrochen, aber genügend Kopien sind draußen.“
„Und Lena?“
„Hat den Gang geschlossen. Elias sagt, sie lebt. Mehr hat er nicht freigegeben.“
Die Schritte kamen näher.
Cassian ging zur Lieferpforte und zeigte den Wachen seine leeren Hände. „Mara Falk steht unter einer unvollständig festgestellten Notfallmaßnahme. Es liegt kein veröffentlichter Haftbefehl vor.“
Eine Wache sah über seine Schulter direkt zu Mara.
„Der Kanzler hat ihre Festsetzung befohlen.“
„Dann verlangen Sie den schriftlichen Umfang.“
„Sie behindern königliche Sicherheit.“
„Ich verlange, dass Sie wissen, welchen Befehl Sie ausführen.“
Die ältere Wache kannte Cassian offenbar noch als Siegelrichter. Vielleicht war es Gewohnheit, vielleicht Zweifel. Sie hob die Hand und forderte vom königlichen Melder eine schriftliche Ausfertigung.
Diese wenigen Atemzüge reichten.
Mara schlüpfte durch den Kräuterlagerraum, öffnete die Wagenklappe von innen und legte sich zwischen Säcke mit getrockneter Rinde. Sie musste keinen Fahrer zwingen: Das Zeichen am Wagen gehörte Nele Kranz, einer Händlerin aus Tannwald, die Mara seit ihrer Kindheit kannte. Nele sah sie zwischen den Säcken, erschrak und fragte nur: „Willst du hier weg?“
„Ja.“
„Steig tiefer.“
Nele entschied selbst. Erst danach zog sie eine Plane über Mara.
Der Wagen setzte sich in Bewegung.
An der Pforte verlangte eine Kronenwache die Durchsuchung. Cassian fragte laut nach dem schriftlichen Durchsuchungsgrund. Während der Melder und die Akademiewachen stritten, prüfte jemand die oberen Säcke, nicht den Hohlraum darunter.
Mara hielt den Atem an. Der achte Ring flüsterte ihren Namen in das Holz. Sie drückte ihn nicht magisch stumm. Sie wickelte die Hand in das Duftband und hoffte, dass Wacholder und getrocknete Rinde das Echo brachen.
Der Wagen rollte weiter.
Erst am unteren Brückentor hörte Mara die königlichen Glocken.
Eine Stimme verlas den ersten Befehl:
Mara Falk werde wegen Entziehung aus dem Notfalldienst gesucht.
Der zweite folgte kurz darauf:
Cassian Dorn werde wegen Behinderung königlicher Maßnahmen und Pflichtverletzung suspendiert.
Nicht entführt, dachte Mara. Nicht gerettet.
Zwei Menschen hatten zwei Entscheidungen getroffen und würden zwei verschiedene Preise tragen.
Der Wagen bog auf die Straße nach Tannwald.
Hinter Mara blieb Cassian in der Akademie, ohne Amt und ohne sicheren Ausgang.
Vor ihr hing an der ersten Wegsäule bereits ein frisch bemalter Steckbrief.
