Nele fuhr nicht in den Wald.
Sie nahm die gepflasterte Handelsstraße nach Tannwald, hielt an den vorgeschriebenen Zollstellen und schimpfte über jedes Schlagloch. Zwischen den Rindensäcken lag Mara so still, dass ihre Knie taub wurden.
„Eine heimliche Abkürzung wäre auffälliger“, sagte Nele, als sie außerhalb der Akademiestadt die Plane hob. „Jeder Wagen, der heute vom Weg abkommt, bekommt Reiter hinterher.“
Mara setzte sich auf. Der achte Ring an ihrer linken Hand war weiterhin geschlossen. Ohne die zentrale Leitung leuchtete er nicht mehr, aber in seinem Silber saß ein goldener Faden wie ein Haar unter der Haut.
„Haben Sie meinen Steckbrief gesehen?“
„Drei.“
Nele zeigte auf die nächste Wegsäule. Dort hing keine gedruckte Zeichnung. Jemand hatte mit roter Farbe einen Namen auf ein Brett gemalt:
Mara Falk. Entzieht sich notwendigem Mauerdienst. Melden, nicht ansprechen.
Darunter stand in kleinerer Schrift Cassian Dorn. Behinderung königlicher Sicherheit.
„Das Bild kommt später“, sagte Nele. „Die Namen waren schneller.“
Mara stieg nicht wieder unter die Säcke. Wenn eine Kontrolle den Wagen vollständig öffnete, machte ihre Anwesenheit Nele zur Lügnerin. Sie erklärte ihr die Möglichkeit, am nächsten Dorf auszusteigen.
„Willst du aussteigen?“, fragte Nele.
„Ich will nicht, dass Sie wegen mir festgenommen werden.“
„Das war nicht meine Frage.“
Mara sah auf die Handelsmarke am Wagen. Nele war zweiundvierzig, führte ihre eigenen Bücher und hatte schon vor Maras Geburt Kräuter zwischen Tannwald und der Akademie transportiert. Sie brauchte keine Schülerin, die für sie entschied.
„Nein. Ich will bis Tannwald.“
„Ich auch. Dann bleibst du.“
Am ersten Kontrollhaus standen keine Kronenrichter, sondern zwei Straßenwachen und ein Schreiber. Sie prüften Warenlisten. Nele reichte ihre gewöhnlichen Papiere. Mara saß offen auf dem Kutschbock und trug eine grobe Kapuze.
„Ihre Begleitung?“, fragte der Schreiber.
„Hilft beim Abladen.“
„Name?“
Mara hörte ihren eigenen Namen vom Warnbrett an der Wand. Der goldene Faden in ihrer Hand spannte sich.
Nele antwortete nicht für sie.
„Mara“, sagte Mara.
Der Schreiber blickte auf. Für einen Moment sah er von ihr zum Brett. Dort stand kein Bild, nur ein Auftrag. Er betrachtete den Kräuterwagen, die dunklen Wolken im Westen und Maras silberne Hand.
„Familienname?“
Ein dumpfes Donnern lief über die Straße. Nicht aus dem Himmel. Der Boden antwortete.
Die zweite Wache ging zum Mauerzeiger. Seine Nadel schwankte zwischen Grün und Gelb.
„Falk“, sagte Mara.
Der Schreiber wurde blass. Er hätte rufen können. Stattdessen fragte er: „Sind Sie gebunden?“
„Gegen meinen Willen begonnen. Nicht abgeschlossen.“
„Können Sie die Mauer halten?“
„Nicht allein. Und nicht so, wie die Krone behauptet.“
Die Wache am Zeiger verlangte, das Tor freizugeben. Mehrere Wagen mussten vor der nächsten Warnstufe durch. Der Schreiber stempelte Neles Liste.
„Ich habe Sie gesehen“, sagte er zu Mara. „Wenn sie fragen, werde ich nicht lügen.“
„Das verlange ich nicht.“
„Aber ich schicke keine Meldung, bevor wir wissen, ob die Straße offenbleibt.“
Es war keine Treue. Nur eine eigene Entscheidung unter unvollständigen Angaben.
Nele fuhr weiter.
In jedem Dorf hing ein neues Brett. Manche nannten Mara eine Deserteurin, andere eine ungeklärte Kandidatin. Auf zwei Brettern war Cassians Name übermalt, als hätte die lokale Verwaltung nicht entschieden, ob seine Suspendierung ein Verbrechen war.
Am zweiten Kontrollhaus mussten alle Reisenden aussteigen. Ein königlicher Reiter war bereits dort und verglich linke Hände. Nele hätte wenden können; eine Umkehr direkt vor der Kontrolle wäre jedoch fast ein Geständnis gewesen.
Mara zog keinen Handschuh über den silbernen Kreis. Das Suchblatt erwähnte das achte Siegel noch nicht. Als der Reiter zu ihr kam, hielt sie die Hand offen.
„Beruf?“
„Kräuterkundige.“
„Ausbildung?“
„In Tannwald und an der Akademie.“
Sein Blick blieb an dem Silber hängen. „Welches Haus?“
„Flut.“
Er nahm das Suchblatt vom Tisch. Noch bevor er den Namen fand, schlug der Mauerzeiger auf Gelb. Die Straßenwachen mussten die Reisenden in Gruppen über die schmale Brücke bringen, weil ein Halt unter freiem Himmel gefährlicher war als eine unvollständige Kontrolle.
Mara rannte nicht. Sie half einer älteren Händlerin, deren Wagenrad sich verklemmt hatte. Der Reiter sah sie dabei und prägte sich ihr Gesicht ein.
„Beim nächsten Posten wartet ein Bild“, sagte er.
„Dann kennen Sie meinen Weg.“
Er hätte sie trotzdem festsetzen können. Stattdessen entschied er, die Brücke zuerst zu räumen. Mara wusste nicht, ob er später Reue oder Stolz empfinden würde. Sie machte aus seiner Priorität keine geheime Unterstützung.
Die Straße verlief sichtbar durch Felder und Wachposten. Mara besaß keine Karte, die sie unsichtbar machte. Sie wechselte nicht den Namen und legte keine falsche Erinnerung über ihr Gesicht. An jeder Kreuzung konnte jemand sie erkennen.
Kurz vor Tannwald begann der achte Ring zu flüstern.
Nicht Mara.
Lena.
Der Klang kam aus dem Westen, schwach und unruhig. Mara griff nach dem Kräuterbuch. Zwischen den Seiten vibrierte der alte Falkeintrag.
Nele hielt den Wagen an. Vor ihnen war die letzte Wegsäule umgestürzt.
Auf ihrer Rückseite stand eine Nachricht, frisch in die Farbe geritzt:
Westpass geschlossen. Mauerwert fällt.
Unter dem Satz zeichnete jemand drei kurze und zwei lange Striche.
Lenas Takt.
