Kapitel 21: Der Mann vor dem Café

Jana Mertens erreichte das Café elf Minuten nach Noras Anruf.

Bis dahin hatten Eva und Nora ihre Plätze nicht verlassen. Sie hatten die Rechnung bezahlt, aber die Tassen stehen lassen, damit der Tisch so aussah wie auf dem Foto. Nora hatte die Uhrzeit der Nachricht notiert. Eva hatte die Blickachse vom Fenster zur gegenüberliegenden Straßenseite fotografiert.

„Zeigen Sie mir zuerst das Original auf dem Telefon“, sagte Jana.

Nora reichte es ihr. „Keine Nachricht. Nur das Bild.“

Jana öffnete keine weiteren Apps. Sie betrachtete Absender, Uhrzeit und Vorschau, ließ sich dann von Nora erklären, was sie selbst getan hatte.

„Ich habe es geöffnet, Eva hat mich davon abgehalten rauszulaufen, dann haben wir angerufen.“

„Gut.“

„Können Sie feststellen, wer es geschickt hat?“

„Wir können die Daten sichern und prüfen, ob sich eine Spur ergibt. Ich verspreche Ihnen nicht, dass die angezeigte Nummer zu einer Person führt.“

Jana trat vor das Café. Eva und Nora folgten erst, als sie sie dazu aufforderte. Draußen zeigte Nora auf den möglichen Standort des Fotografen. Zwischen einem Fahrkartenautomaten und einem Baum bestand freie Sicht auf ihren Tisch.

„Hier könnte die Person gestanden haben“, sagte sie.

Jana sah auf das Foto. „Oder in einem Fahrzeug gesessen haben. Der Aufnahmewinkel ist etwas höher.“

Eva blickte zur Ampel. Der dunkle Wagen war verschwunden. An seiner Stelle hielt ein Bus.

„Welche Fahrzeuge haben Sie gesehen?“

Nora nannte den Lieferwagen, zwei Taxis und einen dunklen Kombi. Eva erinnerte sich an einen hellen Transporter, war aber nicht sicher, ob er vor oder nach der Nachricht vorbeigefahren war.

„Schreiben Sie Erinnerungen getrennt auf“, sagte Jana. „Nicht gemeinsam eine Liste bauen. Sonst übernehmen Sie unbewusst Details voneinander.“

Sie gingen zurück an den Tisch. Jana fotografierte den Sitzplatz, die Scheibe und die Umgebung. Der Caféleiter erklärte, die Außenkamera gehöre dem benachbarten Kiosk und zeige nur dessen Eingang. Jana nahm die Kontaktdaten auf, ohne die Aufnahmen vor Ort zu verlangen.

„Ist das jetzt genug für ein Verfahren?“, fragte Nora.

„Die Nachricht kann als Einschüchterung gemeint sein. Sie enthält aber keine konkrete Drohung.“

„Jemand verfolgt uns.“

„Jemand wusste, dass Sie hier sind, und hat Sie fotografiert. Das nehme ich ernst. Es beweist noch keine längere Verfolgung.“

Nora schob ihre Kopie der Arbeitsvereinbarung in die Tasche. „Immer reicht es für alles und für nichts.“

„Es reicht dafür, vorsichtig zu sein“, sagte Jana. „Keine Treffen allein. Keine Verfolgungsfahrten. Wenn Sie denselben Wagen wiedersehen, rufen Sie an und notieren Sie Ort und Zeit.“

„Wir haben das Café erst eine Stunde vorher gewählt“, sagte Eva.

Jana fragte, wer davon gewusst hatte. Eva nannte Tobias und Nora. Nora hatte Hilde nur geschrieben, dass sie nach Lübeck fahre. Keine von ihnen hatte den Ort öffentlich geteilt.

„Dann kann jemand einem von Ihnen gefolgt sein“, sagte Jana. „Oder Ihre Nachricht gesehen haben. Oder Sie zufällig erkannt haben. Wir halten alle drei Möglichkeiten offen.“

Eva öffnete die Bilddatei nicht erneut, bevor Jana eine Kopie gesichert hatte. Erst danach vergrößerte sie das Foto auf ihrem Laptop.

Die Spiegelung in der Caféscheibe zeigte mehr von der Straße als der direkte Hintergrund. Die Formen waren verzerrt: ein Stück Ampel, der Bussteig, die Front eines geparkten Wagens.

„Das könnte der Kombi sein“, sagte Nora.

„Oder ein Taxi.“

„Sie sind heute besonders hilfreich.“

Eva vergrößerte nicht endlos. Nach einem gewissen Punkt entstanden nur Pixel, in die man alles hineinlesen konnte. Sie suchte stattdessen nach Merkmalen, die schon vorhanden waren.

Am linken Rand der Spiegelung lag ein heller Halbmond an der Stoßstange. Darunter ein rechteckiger Fleck, möglicherweise ein Firmenaufkleber. Ein Teil des Kennzeichens war sichtbar, aber durch das Glas umgekehrt.

Jana schrieb die erkennbaren Zeichen auf. „Können Sie ein Fahrzeug damit verbinden?“

Eva dachte an die Firmenfeiern von Keller Wohnbau. Helene fuhr eine schwarze Limousine mit Fahrer. Daniel wechselte regelmäßig Leasingwagen. Lukas benutzte seit Jahren einen dunkelblauen Volvo-Kombi, an dessen rechter Front ein heller Kratzer verlief.

Der Kratzer stammte von Eva.

Vor zwei Wintern hatte sie bei Helenes Geburtstag eine schwere Pflanzschale getragen. Lukas hatte zu dicht an der Treppe geparkt. Die Keramik war an seine Stoßstange geschlagen und hatte einen halbmondförmigen Abdruck hinterlassen. Lukas hatte gelacht und gesagt, ein Arbeitsauto dürfe Arbeitsnarben haben.

„Ich kenne den Wagen“, sagte Eva.

Nora drehte sich zu ihr. „Daniel?“

„Nein.“

Eva zeigte Jana die Stelle im Foto und erklärte, woher sie das Merkmal kannte. Sie behauptete nicht, dass Lukas gefahren war. Nur, dass der Wagen seinem sehr ähnlich sah.

Jana notierte die Fahrzeugbeschreibung. „Vollständiges Kennzeichen?“

Eva nannte es aus der Erinnerung. Jana wiederholte es nicht laut.

„Was machen Sie jetzt?“, fragte Nora.

„Ich prüfe, wem das Fahrzeug aktuell zugeordnet ist und ob es in der Umgebung erfasst wurde.“

„Und wir?“

„Sie gehen nicht zu Lukas.“

Eva klappte den Laptop zu. „Ich muss zurück zur Arbeit.“

Jana sah sie einen Moment an. „Wenn er Sie kontaktiert, vereinbaren Sie nichts allein.“

Eva nickte.

Auf dem Weg zum Bahnhof erinnerte sie sich an Lukas’ Stimme am Sonntag. Er hatte behauptet, von der Garantie kaum etwas zu wissen. Er habe nur die operative Seite der Firma im Blick.

Doch in der Spiegelung des Überwachungsfotos stand sein Wagen direkt vor dem Café.