Die Nummer E.D.-12-W öffnete keine Akte.
Sie öffnete ein Verzeichnis von Sperren.
Cassian arbeitete im öffentlichen Leseraum des königlichen Archivs, weil sein technischer Zugriff eingeschränkt war und jeder Aufruf dort protokolliert wurde. Er gab die Fallnummer ein. Auf der Tafel erschienen vier Einträge:
Jugendlicher Zeuge.
Langfristiger Grenzdienst.
Familienbestätigung.
Name gesperrt.
Kein Elias Dorn.
Das Register zeigte drei Zugriffe in zwölf Jahren. Zwei stammten von automatischen Mauerprüfungen. Der dritte kam aus Severins persönlichem Büro an dem Tag, an dem Cassian Mara erstmals untersucht hatte. Der Zugriff hatte keine sichtbare Änderung hinterlassen, seine zeitliche Nähe war dennoch Teil der Spur.
Der erste Eintrag trug Cassians damalige Bürgernummer. Vor zwölf Jahren war er siebzehn gewesen. Er hatte als jugendlicher Zeuge ausgesagt, nicht als Beteiligter mit eigener Zustimmung. Das erklärte, warum seine Erinnerung in einem Verfahrenssiegel verborgen lag.
Es erklärte nicht, wer sie dort geschnitten hatte.
Yara saß am Nachbartisch. Cassian hatte sie gebeten, nur Aufrufe und sichtbare Felder zu bezeugen. Sie durfte nicht mit seiner Bürgernummer suchen. Eine unabhängige Ratsprüferin war unterwegs; bis sie kam, öffnete er keinen gesperrten Inhalt.
„Sie könnten mit Ihrem Amtssiegel die Voransicht laden“, sagte der Archivar.
„Ohne zweiten Zeugen?“
„Das System erlaubt es.“
„Erlauben und richtig sein sind verschiedene Fragen.“
Der Archivar zuckte mit den Schultern. „Dann warten Sie.“
Cassian wartete.
In dieser Zeit prüfte er nur das öffentliche Aktenregister. Dort fand er einen Wintertermin zwölf Jahre zuvor. Gegenstand: Bestätigung einer freiwilligen Langzeitverpflichtung. Das Feld für die verpflichtete Person war leer. Der damalige Kanzleivertreter war Severin Rauk, noch nicht Kanzler, aber bereits Leiter der königlichen Namensaufsicht.
Seraphine Vael hatte die Durchführung genehmigt.
Die Familienbestätigung war einen Tag später eingetragen worden als der Beginn der Verpflichtung.
Nachträgliche Zustimmung.
Als Rechtsgrundlage war zunächst nur ein Dienst von höchstens drei Monaten genannt. Eine spätere Ergänzung verwies auf „fortdauernde Notwendigkeit“, ohne neues Datum und ohne Betroffenenunterschrift. Der Archivar fertigte eine signierte Abschrift dieser Metadaten an.
Cassian dachte an die Sorel-Randnotizen. Elins Familie hatte diese Formulierung nicht einmalig benutzt. Das System war darauf vorbereitet gewesen, fehlende Einwilligung später mit einer anderen Person zu füllen.
Die Ratsprüferin kam und zeigte ihre unabhängige Beauftragung. Sie kannte Cassian nicht persönlich. Das war Absicht.
Gemeinsam öffneten sie die erste Schutzschicht.
Die Akte enthielt keine Bilder und keine vollständigen Erinnerungen. Nur ein Verfahrensblatt mit der Bezeichnung Subjekt E.D. Darunter standen Alter vierundzwanzig, Wortresonanz, hohe Bindungsstabilität und „Familie informiert“.
Elias war damals erwachsen gewesen. Die Information seiner Familie konnte seine Entscheidung nicht ersetzen. Cassians damaliges Alter machte die Konstruktion noch schwächer: Ein Siebzehnjähriger war nach Beginn zum Haushaltszeugen gemacht worden.
Das Unterschriftsfeld des Subjekts war leer.
Im Feld darunter stand: Zustimmung durch jugendlichen Haushaltszeugen bestätigt.
Cassians Bürgernummer.
„Ich war siebzehn“, sagte er.
Die Ratsprüferin sah auf das Datum. „Und die Bestätigung ist nach Beginn eingetragen.“
„Ich erinnere mich an einen Gerichtsraum. Ich sagte, ich hätte keinen Bruder.“
Yara schrieb die Aussage in eine getrennte Spalte. „Erinnerung, noch nicht durch Akte bestätigt.“
Cassian war dankbar für die Grenze. Sein Zorn wollte aus der leeren Unterschrift sofort einen vollständigen Fall machen. Die Leere war stark. Sie war noch nicht alles.
Auf der Rückseite stand ein Hinweis auf eine Tonaufzeichnung. Speicherort: königlicher Sperrindex, Zugriff nur für Namensträger oder zwei unabhängige Verfahrenszeugen.
Die Ratsprüferin versiegelte zuerst die sichtbaren Metadaten. Ein geheimes Dokument konnte wahr sein und trotzdem durch einen falschen Zugriff angreifbar werden. Inhalt und Weg mussten getrennt bezeugt bleiben.
Elias war der Namensträger. Öffentlich existierte er nicht.
Cassian konnte versuchen, sich als Familienmitglied einzusetzen. Das Register erkannte aber keinen Bruder. Seine eigene Akte sagte, er sei Einzelkind.
„Dann brauchen wir zwei Zeugen“, sagte die Ratsprüferin.
Der Archivar widersprach. Ein Siegelrichter und eine Professorin seien nicht unabhängig genug; beide hätten bereits mit Mara Falk gearbeitet. Die Prüferin selbst zählte als eine. Der zweite müsse außerhalb der Akademie und des königlichen Namensamtes stehen.
Cassian stellte einen formalen Antrag.
Noch bevor er ihn absenden konnte, erschien Severins Sperrvermerk:
Gefahr für laufende Kronenwall-Sicherheit. Zugriff ausgesetzt.
Der geheime Fall war nicht leer.
Cassian konnte nun wenigstens zeigen, wann die neue Sperre gesetzt worden war: sieben Minuten nach Öffnung der ersten Schicht. Er fügte den Zeitstempel seinem Antrag bei.
Yara fragte, ob er Mara sofort informieren wolle.
„Über das Muster ja. Über Elias’ private Tonspur erst, wenn wir wissen, was darin liegt und ob er eine Weitergabe gewollt hätte.“
Schutz für einen Betroffenen war nicht dasselbe wie eine Entscheidung an seiner Stelle. Cassian schrieb diese Grenze ebenfalls in die Akte.
Jemand hatte ihn in dem Moment wieder geschlossen, in dem Cassian die fehlende Unterschrift sah.
