Kapitel 75: Der Kanzler

Severin empfing Mara in einem Raum ohne Fenster.

Sie hatte verlangt, dass eine Vertreterin der Akademie anwesend war. Yara saß deshalb neben der Tür, eine leere Worttafel auf den Knien. Cassian durfte als Verfahrensaufsicht im Vorraum bleiben. Severin hatte beide Bedingungen akzeptiert, nachdem Mara erklärt hatte, andernfalls werde sie die Vorladung nur schriftlich beantworten.

„Sie verwechseln Vorsicht mit Macht“, sagte der Kanzler.

„Nein. Ich versuche nur, später noch zu wissen, was hier gesagt wurde.“

Yara legte zwei Finger an die Tafel. „Das Gespräch wird als Gespräch protokolliert, nicht als Eid. Beide Seiten können die Abschrift ergänzen.“

Severin lächelte, als hätte sie einen erwarteten Zug gemacht. Auf dem Tisch zwischen ihm und Mara lag kein Aktenstapel. Nur eine schmale Schachtel aus schwarzem Stein.

„Mira Albrecht ist nicht Gegenstand dieses Gesprächs“, sagte er.

„Dann ist meine erste Frage weiter offen.“

„Ihre erste Frage ist eine Behauptung mit einem Namen, den Sie aus einer instabilen Resonanz gewonnen haben.“

Mara nahm die Papierschlaufe aus ihrer Tasche. Yara hatte ihr eine beglaubigte Kopie ausgestellt; das Original blieb im Zeugenarchiv.

„Dieser Streifen wurde von Ihren Prüfern markiert.“

„Ein Gegenstand kann falsch zugeordnet werden.“

„Ein Mensch auch.“

Severin schob die schwarze Schachtel ein Stück nach vorn. „Genau deshalb sind Sie hier.“

Unter seinem Daumen öffnete sich der Deckel. Darin lag kein Schmuckstück, sondern ein dünner Splitter milchigen Glases. Ein grüner Lichtfaden lief hindurch, stockte und setzte erneut an.

Mara kannte den Rhythmus.

Lena hatte beim Sortieren von Kräutern immer dreimal auf den Tisch geklopft, dann einmal innegehalten. Drei kurze Pulse, eine Pause. Der Splitter wiederholte ihn.

Das achte Siegel an Maras Handfläche wurde kalt.

„Woher haben Sie das?“

„Aus dem Kronenwall.“

Yaras Stift hielt an.

Severin ließ den Deckel offen. „Lena Falk lebt. Sie haben das heute vor einem Saal bewiesen, ohne ihren Namen auszusprechen.“

Mara zwang sich, nicht auf den Splitter zuzugreifen. „Sie wussten es.“

„Natürlich.“

Das Wort war schlimmer als eine Drohung. Es machte drei Jahre des Suchens zu einer Verwaltungsentscheidung.

„Dann bringen Sie ihren Namen zurück.“

„Ein Name ist kein verlorenes Buch, das man ins Regal stellt.“ Severin zeigte auf den grünen Faden. „Ihre Schwester trägt einen Teil der westlichen Mauer. Seit sie begonnen hat, ihre Verbindung zu unterlaufen, verliert der Tannwald-Abschnitt an Stabilität.“

„Sie wurde ohne öffentliche Erinnerung in den Untergrund gebunden.“

„Sie hat sich vor dem angesetzten Zeitpunkt selbst in das Unterarchiv begeben.“

„Das ist keine Zustimmung zu allem, was danach geschah.“

Yara schrieb den Satz vollständig auf.

Severin lehnte sich zurück. „Sie denken in einzelnen Entscheidungen. Der Nachtbruch entscheidet nicht. Wenn die Mauer fällt, fragt er niemanden, ob er betroffen sein möchte.“

Mara dachte an Lena hinter dem Schleier, an die Menschen in grauer Kleidung und an die warme Tasse im unterirdischen Schlafraum. Sie dachte auch an Tannwald, an die Nächte, in denen der Himmel grün über den Bäumen brannte. Die Gefahr war nicht erfunden. Severin benutzte eine wirkliche Gefahr, um jede andere Frage kleiner aussehen zu lassen.

„Was wollen Sie von mir?“

„Kooperation bei Ihrer weiteren Eignungsprüfung. Keine öffentlichen Namen ohne vorherige Prüfung. Keine Aktivierung der Schlüssel außerhalb genehmigter Räume.“

„Und dafür?“

Er hob den Glassplitter zwischen zwei Fingern. „Die Krone kann einen begrenzten Teil der Verbindung Ihrer Schwester lösen. Eine Erinnerung in das Familienregister zurückgeben. Vielleicht ihre Stimme. Vielleicht ein bestätigtes Lebenszeichen für Ihre Eltern.“

Nicht Lena.

Ein Teil von Lena, ausgewählt von denen, die sie gelöscht hatten.

„Hat meine Schwester dem zugestimmt?“

Severins Blick wurde unbeweglich. „Sie ist nicht in einer Lage, über die Stabilität des Reiches zu bestimmen.“

„Dann bieten Sie mir etwas an, das Ihnen nicht gehört.“

Die silberne Linie an Maras Handgelenk zog sich zusammen. Für einen Moment vergaß sie die Farbe des Splitters. Sie sah Licht, wusste aber nicht, ob es grün oder blau war. Verblassen. Sie schloss die Augen, bis der Geruch von Yaras Papierleim und kaltem Stein zurückkehrte.

Severin beobachtete die Reaktion. „Ihre Verbindung ist bereits teuer. Wir könnten sie ordnen.“

„Indem Sie entscheiden, welchen Teil meiner Schwester ich behalten darf.“

Mara stand auf. Yara erhob sich ebenfalls.

„Das Gespräch ist nicht beendet“, sagte Severin.

„Dann schicken Sie die weiteren Fragen schriftlich.“

An der Tür wartete Cassian, ohne sie am Arm zu nehmen oder nach einer Antwort zu verlangen. Erst im Korridor fragte er: „Hat er etwas vorgelegt, das gesichert werden muss?“

Mara sah zu Yara. Die Professorin bestätigte, dass die Worttafel den gezeigten Splitter und Severins Aussagen erfasst hatte.

„Er hat gesagt, Lena lebt“, antwortete Mara. „Und er hat versucht, mir einen Teil von ihr zu verkaufen.“

Hinter ihnen schloss sich die fensterlose Tür.

Auf Yaras Tafel erschien eine letzte Zeile, die keiner von ihnen geschrieben hatte:

Die westliche Mauer fällt nicht wegen Lena. Sie wird absichtlich geschwächt.