Lenas Schrift erschien erst nach Mitternacht.
Mara saß im alten Flutübungsraum, weil dort die Wände dick genug waren, um zufällige Echos zu dämpfen. Yara hatte den Raum offiziell für eine Quellenprüfung reserviert. Cassian wartete auf der anderen Seite der Tür; er kannte den Inhalt von Severins Angebot, aber Mara hatte entschieden, zuerst allein an Lena zu schreiben.
Sie legte das Kräuterbuch auf den Steinboden und schlug die Seite mit dem Rezept für Tannwald-Fiebertee auf. Zwischen Wacholder und Silberblatt verlief eine freie Zeile, an der Lena früher Mengen korrigiert hatte.
Mara schrieb nicht mit Blut und zeichnete keinen verbotenen Kreis. Sie benutzte gewöhnliche grüne Tinte.
Severin weiß, dass du lebst. Er bietet eine Erinnerung für meinen Gehorsam.
Die Buchstaben blieben stehen. Lange geschah nichts.
Dann wurde der Rand der Seite kalt. Unter Maras Handfläche vibrierte der unvollständige Silberring. Eine einzelne Linie zog sich aus dem Wort Wacholder und formte Lenas bekannte eckige Schrift.
Nimm nichts.
Mara atmete aus. „Das hatte ich nicht vor.“
Die Tinte bewegte sich erneut.
Nicht für mich. Nicht einmal, wenn er Mutter meine Stimme gibt.
Mara hörte Lena nicht wirklich. Sie erinnerte sich an den Ton, mit dem ihre Schwester beim Kräutersammeln vor morschem Boden gewarnt hatte: ruhig, bis Mara trotzdem einen Schritt machte.
Er hat einen Splitter gezeigt, schrieb Mara. Dein Rhythmus war darin. Er sagt, dein Abschnitt schwächt die Mauer.
Diesmal kam die Antwort schneller.
Der Splitter gehört zum westlichen Lastkreis. Mein Echo läuft hindurch, weil sie mich dort angeschlossen haben. Sie reduzieren den Zufluss von oben und nennen meine Gegenwehr die Ursache.
Mara dachte an die letzte Zeile auf Yaras Tafel. Zwei voneinander getrennte Hinweise behaupteten dasselbe. Noch war es keine vollständige Beweiskette.
Kannst du es zeigen?
Nicht von unten. Die Messwerte liegen bei der Krone.
Das Buch wurde schwer unter Maras Händen. Für jeden Satz schien die Seite Feuchtigkeit aus der Luft zu ziehen. Ein bitterer Geschmack legte sich auf ihre Zunge. Verblassen kündigte sich nicht immer durch Schmerz an. Manchmal verlor die Welt nur ihre Unterschiede.
Mara schrieb: Wenn ich ablehne, kann er Mira oder Joris nehmen.
Lenas Antwort verwischte beim ersten Versuch. Dann erschien sie mit stärkerem Druck.
Du darfst mich nicht über alle anderen stellen, nur weil du mich liebst.
Mara schloss kurz die Augen. Drei Jahre lang war jeder Schritt auf Lena zugelaufen. Der Gedanke, ihre Schwester nicht an erste Stelle zu setzen, fühlte sich wie Verrat an der Erinnerung an. Aber Lena verlangte nicht, vergessen zu werden. Sie verlangte, nicht als Grund für ein neues Opfer benutzt zu werden.
Was soll ich tun?
Frag nicht, was mich rettet. Frag, wer entscheiden darf.
Der grüne Faden im Papier flackerte.
Lena schrieb noch eine Zeile:
Mira lebt möglicherweise noch. Wenn ihr Name erst frisch getrennt wurde, kann sie zwischen den Ebenen gehalten werden.
Mara fragte, ob Lena selbst zurückkehren würde, wenn Severin die Verbindung wirklich löste.
Die Antwort brauchte länger als alle anderen.
Nicht auf seine Bedingungen. Und nicht, weil du für mich zustimmst. Wenn ich meinen Namen zurücknehme, entscheide ich auch, welche drei Jahre darin stehen.
Mara las den Satz zweimal. Selbst Rettung konnte eine zweite Löschung werden, wenn alle Zeit im Unterarchiv als Irrtum aus den Akten verschwand.
Wo?
Keine Antwort.
Mara wartete, bis der bitteren Geschmack nachließ. Sie roch Papierleim, kalten Stein und den Rest Lavendel in ihrem Kräuterbeutel. Erst dann schrieb sie weiter.
Severin verlangt, dass ich keine Namen öffentlich nenne und die Schlüssel nicht aktiviere.
Natürlich. Ein Name vor vielen Zeugen ist schwerer zu verschließen.
Kannst du Mira erreichen?
Nicht, solange die Krone ihre Verbindung führt. Suche nicht allein.
Das letzte Wort blieb dunkel, als die anderen bereits verblassten.
Allein.
Mara ließ Cassian und Yara eintreten. Sie zeigte ihnen jede sichtbare Zeile, auch Lenas Aufforderung, sie nicht über die anderen zu stellen. Keine Schwesterbotschaft wurde zur privaten Ausnahme von ihrer Vereinbarung.
Cassian fragte nicht nach einer Kopie für das königliche Archiv. Yara fertigte zwei Abschriften an, eine für Mara und eine versiegelte für die Zeugenakte. Lenas Aussagen über den Zufluss wurden als unbestätigte Quelle gekennzeichnet.
Yara kopierte die Wörter mit Quellenmarkierungen. „Ein Echo ist eine Spur, kein Beweis für den königlichen Zufluss.“
„Dann brauchen wir die Messwerte“, sagte Mara.
Cassian nickte. „Ich kann ihre Herausgabe beantragen. Severin wird ablehnen.“
„Dann ist auch die Ablehnung Teil der Kette.“
Als sie das Buch schloss, löste sich ein kleines Stück verbrannten Papiers vom Rand. Darunter stand ein Satz, den Mara nicht geschrieben hatte und Lena offenbar nicht sehen konnte:
Der nächste Name ist bereits vermessen.
Joris’ Rangzahl erschien darunter.
