Kapitel 48: Elias’ Geige

Cassian legte die Amtsmarke auf den langen Tisch.

Nicht als Aufgabe seines Amtes. Nur als sichtbare Bedingung der Einladung. Eine Namenlose deckte sie mit einem grauen Tuch ab.

„Fünf Minuten“, sagte die Begleitperson.

Mara, Elin und Joris gingen mit. Niemand ließ Cassian allein in einem Gang, der Erinnerungen verändern konnte.

Die Geige führte sie zu einem niedrigen Raum voller Instrumentenkästen. Ein Mann stand mit dem Rücken zur Tür. Sein Haar war dunkler als im Foto und an den Schläfen grau. Unter seinem Kinn lag eine alte Geige mit heller Reparatur am Hals.

Er spielte die fünf Töne.

Cassian blieb an der Schwelle. „Elias?“

Der Mann setzte den Bogen ab. „Du solltest dich nicht so schnell erinnern.“

Seine Stimme war tiefer als im Gartenecho. Trotzdem passte der Rhythmus zum Satz über den zu späten Einsatz.

„Ich erinnere mich nicht schnell“, sagte Cassian. „Zwölf Jahre sind vergangen.“

„Für dich.“

Der Mann drehte sich nicht um.

Cassian nannte Ort, Zeit und Namen. Danach fragte er: „Darf ich den Raum betreten?“

„Bis zur Werkbank.“

Er ging drei Schritte. Mara beobachtete seine Uhr. Keine Lücke.

Auf der Werkbank lag ein zu großer Geigenbogen. Cassian sah ihn, berührte ihn aber nicht.

„Du hast ihn mir gegeben“, sagte er.

„An deinem zwölften Geburtstag.“

Die korrigierte Erinnerung stimmte mit seiner Vermutung. Cassian atmete aus. „Du hast Kaffee gehasst.“

„Ich hasse ihn noch.“

Zum ersten Mal zitterte die Hand des Mannes am Bogen.

„Darf ich Ihr Gesicht sehen?“, fragte Cassian.

„Nein.“

Das Wort traf sichtbar, aber Cassian trat nicht näher. „Dann nicht.“

Der Mann hob die Geige wieder an. „Was hat die Krone dir erzählt?“

„Dass ich Einzelkind bin.“

„Und jetzt?“

„Jetzt habe ich ein Foto, eine Glockeninitiale, eine Papierkarte und mehrere Erinnerungen. Außerdem eine Person vor mir, die Dinge weiß, die Elias wissen könnte.“

„Immer noch ein Protokoll.“

„Es ist das Einzige, womit ich verhindern kann, dich morgen wieder zu verlieren.“

„Du könntest mich jetzt ansehen und mich trotzdem verlieren.“

„Ja.“

Cassian sagte das ohne Schutzbehauptung. Mara sah, wie seine Finger sich neben der Naht der Hose schlossen. Er wollte näher. Der Wunsch gab ihm kein Recht auf Nähe.

Der Mann legte den Bogen auf die Werkbank. „Früher hast du geglaubt, ein ordentliches Etikett macht alles sicher.“

„Früher wusste ich nicht, dass jemand Etiketten entfernen kann.“

Die Antwort brachte den Mann dazu, den Kopf leicht zu neigen. Mara sah nur die Linie seiner Wange.

„Die Krone merkt, wenn zu viele Erinnerungen zurückkehren“, sagte er. „Jeder starke Zusammenhang zieht am alten Siegel. Du solltest nicht so schnell hier sein.“

„Severin wusste vom achten Ring.“

Der Bogen stockte. „Natürlich.“

„Wusste er von dir?“

„Er wusste von jedem Übergang.“

Cassian stellte keine zehn Fragen gleichzeitig. „Bist du freiwillig hier?“

Der Mann lachte ohne Freude. „Welche Minute meines Lebens meinst du?“

Mara dachte an Lena. Wahl des Abstiegs. Zustimmung zur Löschung. Entscheidung zu bleiben. Mehrere verschiedene Fragen, die das System in ein Wort presste.

Cassian nickte langsam. „Dann enger. Hast du zugestimmt, aus den Erinnerungen deiner Familie entfernt zu werden?“

„Nein.“

Das Wort stand klar im Raum.

Cassian atmete einmal hörbar ein. Er stellte die nächste Frage erst nach einer Pause. „Hast du zugestimmt, den Wall zu tragen?“

„Zu einem begrenzten Dienst, mit Rückkehr.“

„Gab es eine Rückkehr?“

„Nein.“

Auch diese beiden Sätze durfte Elin aufschreiben. Der Mann bestand darauf, dass begrenzt unterstrichen wurde.

Elin schrieb es nur, nachdem der Mann sagte: „Das dürft ihr mitnehmen.“

Die Sanduhr lief ab. Die Begleitperson hob sie.

Cassian fragte: „Kann ich wiederkommen?“

„Nicht, solange du glaubst, Erinnerung allein macht uns wieder zu Brüdern.“

„Was braucht es sonst?“

Der Mann strich mit dem Daumen über die Geige. „Zeit. Entscheidungen, die nicht die Krone für uns trifft. Und einen Namen, den ich dir selbst gebe.“

„Dann nenne ich dich bis dahin nicht Elias.“

Der Mann schwieg lange. „Gut.“

Es war die erste Zustimmung zwischen ihnen, die sich nicht auf eine vergangene Akte stützte.

Cassian nahm die Grenze an. Er ging rückwärts bis zur Schwelle.

Der Mann spielte hinter ihm eine alte Tonfolge. Diesmal setzte Cassian nicht ein. Er erinnerte sich, dass er als Kind immer zu früh begonnen hatte, nicht zu spät. Elias hatte ihn nur geärgert.

Die Erinnerung blieb, als sie den Raum verließen.

Am Ende des Gangs prüfte Cassian sein Journal. Küche, Kaffee, Geige und Bogen waren noch da. Das Gesicht des Mannes besaß er nicht, weil es ihm nicht gegeben worden war.

Er trug deshalb keine Lücke ein. Eine verweigerte Information war kein Verlust.

Auf dem Tisch im Gemeinschaftsraum lag Cassians Amtsmarke noch unter dem grauen Tuch.

Er nahm sie erst wieder, nachdem die Namenlose fragte, ob er sie zurückwolle.

Aus dem Instrumentenraum kam die Stimme des Mannes:

„Cassi.“

Cassian drehte sich nicht um.

Aber er schrieb das Wort in die Rubrik stabil zurückgekehrt.