Kapitel 49: Die Frau mit dem Kräuterzeichen

Auf dem Rückweg zum langen Tisch fand Mara Flussraute.

Ein einzelnes Blatt lag auf einer Regalstütze. Nicht zufällig gefallen. Der Stiel zeigte in einen schmalen Seitengang.

„Spur“, sagte sie.

„Unsere Zeit ist abgelaufen“, sagte Elin.

Mara sah zur Begleitperson. „Dürfen wir ihr folgen?“

Die Person prüfte die Sanduhr und den hinteren Gang. „Nur Mara. Fünf Minuten. Die anderen warten hier.“

Ihre Vereinbarung verbot Alleingänge in unbekannten Siegelwerken. Mara schüttelte den Kopf. „Dann nicht.“

Die Begleitperson wirkte überrascht.

Cassian sagte: „Mindestens zwei informierte Zeugen. Einer kann an der Gangmündung bleiben, wenn Ihre Privatsphäre das verlangt.“

Nach kurzem Zögern durfte Elin mitgehen. Joris und Cassian blieben in Sichtweite des Eingangs.

Mara folgte drei weiteren Kräuterzeichen. Flussraute. Getrocknete Sumpfminze. Ein Tannwald-Faden aus roter Brennnessel, wie ihn nur die Apotheker am Grenzfluss flochten.

Sie prüfte jedes Zeichen, ohne es mitzunehmen. Die Flussraute hatte den dunklen Eisenfleck. Die Sumpfminze war am Stiel auf Tannwalder Art gegen Schimmel eingeschnitten. Der Faden trug drei Knoten, das alte Zeichen ihrer Familie für eine persönliche Nachricht.

„Nicht aus einem Lehrbuch“, sagte Mara.

Elin hielt Abstand zu den Papierwänden. „Dann kennt die Person entweder deine Familie oder jemanden, der dort gearbeitet hat.“

„Lena.“

„Möglich.“

Elin ließ ihr die Hoffnung, aber nicht die Gewissheit.

Der Gang endete an einem Raum voller Papierwände. Jede Wand bestand aus übereinandergelegten Rezepten. Maras Familienhandschrift lief durch mehrere Seiten, doch sie las nichts ohne Erlaubnis.

Die Frau mit dem grauen Schleier stand am Fenster, das nur eine dunkle Steinwand zeigte.

„Sie haben die Flussraute gebracht“, sagte Mara.

Die Frau nickte.

„Kennen Sie meine Familie?“

Keine Antwort.

Mara öffnete das Kräuterbuch nicht. „Ich suche Lena Falk. Ich will nicht ihren Namen gegen ihren Willen öffentlich machen. Ich will wissen, ob sie lebt und selbst entscheiden kann.“

Die Frau drehte sich um.

Unter dem Schleier blieb ihr Gesicht dunkel. Sie hob die behandschuhte Hand und zeigte auf Maras Handfläche.

Der äußere Ring erschien.

Elin sah ihn ebenfalls. „Keine Kronenwirkung.“

Die Frau zog langsam den rechten Handschuh aus.

Auf ihrer Hand lag ein silberner Ring außerhalb der sieben Fachzeichen. Er war an derselben Stelle offen wie Maras Zeichen, verlief aber in die entgegengesetzte Richtung.

„Gegensinn“, sagte Elin.

Mara spürte keinen Angriff. Die beiden Ringe reagierten wie zwei Strömungen, die am selben Stein vorbeiliefen. Der Wortschlüssel blieb ruhig.

„Ist das das Namenssiegel?“, fragte Mara.

Die Frau legte einen Finger vor den Schleier. Nicht hier, bedeutete die Bewegung. Oder nicht laut.

Sie nahm ein Stück Papier von der Wand. Darauf stand ein altes Rezept für Fiebertee. Lena hatte es geschrieben und an einer Stelle absichtlich zu viel Sumpfminze notiert.

Mara erinnerte sich an den bitteren Geschmack. „Das hat sie mit sechzehn gemacht.“

Die Frau schrieb darunter: Und du hast trotzdem zwei Tassen getrunken.

Diese Einzelheit stand in keinem Akademiearchiv. Mara hatte sie selbst fast vergessen.

Die Erinnerung öffnete sich. Lena hatte behauptet, Bitterkeit helfe gegen Fieber. Mara hatte die erste Tasse getrunken, um ihr nicht recht zu geben, und die zweite, weil Lena mit dem Rest noch unglücklicher ausgesehen hatte.

Mara prüfte Geruch und Ort. Keine neue Lücke. Der Ring blieb hell.

„Ich erinnere mich“, sagte sie. „Aber ich kann nicht beweisen, wer außer uns davon wusste.“

Die Frau schrieb: Das musst du noch nicht.

„Lena?“

Die Frau hob wieder den Finger. Dann schrieb sie:

Starke Bluterinnerung trägt nach oben.

„Deshalb das Gesicht nicht zeigen?“, fragte Elin.

Ein Nicken.

Elin legte ihre eigene Papierkarte auf den Boden, weit genug entfernt, dass die Frau sie nicht berühren musste. „Wir können das Gespräch ohne wahren Namen dokumentieren. Sie entscheiden später, ob etwas davon nach oben darf.“

Die Frau zeichnete einen Kreis um den Satz. Zustimmung für dieses Verfahren, nicht für alles Weitere.

Mara zwang sich, Abstand zu halten. Wenn die Frau Lena war, wollte jede Bewegung in ihr den Schleier herunterreißen. Wenn sie es nicht war, wollte der Wunsch ihr trotzdem ein bekanntes Gesicht geben.

„Wie können wir sprechen, ohne Sie zu gefährden?“

Die Frau zeichnete vier kleine Karten und eine geschlossene Tür. Danach deutete sie zurück zum Gemeinschaftsraum.

„Gemeinsam, nachdem der Zugang versiegelt ist“, sagte Elin.

Die Frau zog den Handschuh wieder an. Sie gab Mara das Rezept nicht, sondern befestigte es erneut an der Papierwand. Besitz blieb unten.

Als sie den Raum verließen, legte die Frau zwei Finger auf Maras Kräuterbuchhülle. Nur einen Augenblick, mit fragendem Blick.

„Einverstanden“, sagte Mara.

Die Berührung war leicht. Der Name Lena Falk im geschlossenen Buch wurde so dunkel, dass er durch den Einband schimmerte.

Die Frau nahm die Hand weg.

Der Ring in Maras Hand antwortete in entgegengesetzter Richtung.

Für einen Augenblick hörte Mara zwei Herzschläge. Ihren eigenen und einen langsameren, direkt hinter dem Schleier. Der Wortschlüssel versuchte, eine Verbindung zu bilden.

Mara schloss die Hand. „Keine Wiederverbindung ohne Ihre Zustimmung.“

Die Frau nickte erneut.

Nicht wie ein Spiegel.

Wie eine Verbindung, die von beiden Seiten offen gehalten wurde.