Kapitel 40: Die Frau hinter dem Schleier

Joris war bereits über die Schwelle, als die Heilerin ihn auf den Gartenboden setzte.

Mara folgte mit Elin. Cassian kam zuletzt und meldete Yara die überschrittene Abbruchzeit. Hinter ihm begann der Türbogen im Wurzelwerk zu verblassen.

Dann blieb die Sicherungsschnur gespannt.

„Noch jemand auf der Treppe“, sagte Cassian.

Auf der obersten sichtbaren Stufe stand eine Frau.

Ein grauer Schleier bedeckte Haar und Gesicht. Ihr Mantel trug kein Fachzeichen. Sie blieb hinter der Schwelle, als wäre auch für sie die Tür eine Grenze.

Cassian hob beide leeren Hände. „Wir sind draußen. Wir betreten den Zugang nicht erneut.“

Die Frau antwortete nicht.

Mara hörte ihr Atmen. Echt oder gut genug, um nicht sofort unterscheidbar zu sein. „Sind Sie die Person aus dem Schlafraum?“

Keine Reaktion.

„Wir verlangen keinen Namen“, sagte Mara. „Wir möchten wissen, ob dort unten Menschen gegen ihren Willen festgehalten werden.“

Die Frau neigte den Kopf. Eine Bewegung, die weder Ja noch Nein bedeutete.

Elin zeigte ihre Papierkarte. „Sie können eine Frage stellen. Wir antworten, wenn wir dürfen.“

Die Frau hob eine Hand. Auf ihrem Handschuh war eine silberne Linie zu sehen, doch Mara erkannte kein vollständiges Zeichen. Dann deutete sie auf Cassian.

„Cassian Dorn“, sagte er. „Königlicher Siegelrichter. In diesem Verfahren nur dokumentierender Zeuge.“

Der Schleier bewegte sich, als lache die Frau lautlos.

Sie deutete auf Mara.

„Mara Falk. Ich suche Lena Falk. Ich behaupte nicht, dass sie hinter dieser Tür ist.“

Bei Lenas Namen zog die Frau die Hand zurück.

Cassian sagte leise: „Reaktion dokumentiert.“

Mara hätte ihn dafür hassen können. Stattdessen war sie froh, dass jemand den Moment festhielt, ohne ihn zur Antwort zu erklären.

Die Frau trat eine Stufe höher. Die Tür blieb offen. Unter dem Schleier war nur Dunkelheit, keine erkennbare Haut.

„Kennen Sie das Kräuterzeichen aus Tannwald?“, fragte Mara.

Sie öffnete nicht das Buch. Sie zeichnete mit dem Finger in die Luft die einfache Markierung, die ihre Familie auf Arzneibeutel setzte: Flusslinie, Blatt, zwei Punkte.

Die Frau blieb stehen.

Dann griff sie in ihren Mantel.

Cassian spannte sich an, aber er zog keine Amtsmarke. Elins Kronenzeichen blieb dunkel.

Die Frau holte einen frischen Zweig hervor. Schmale blaue Blätter, rötlicher Stiel, ein weißer Flaum auf der Unterseite.

Flussraute.

Sie wuchs nur an den kalten Ufern um Tannwald. Maras Vater sammelte sie nach dem ersten Frost; außerhalb der Region verlor sie innerhalb eines Tages ihre Farbe. Dieser Zweig war kräftig blau.

Mara prüfte drei Merkmale, die auf keiner allgemeinen Pflanzenkarte standen. Der Flaum wuchs gegen die Blattrichtung. Der Stiel gab beim Knicken keinen Saft ab. Am Ansatz saß ein kleiner dunkler Fleck, den das eisenhaltige Wasser von Tannwald hinterließ.

Alles passte.

„Frisch, wahrscheinlich weniger als ein Tag seit der Ernte“, sagte sie. „Oder durch unbekannte Wirkung erhalten.“

Sie nannte auch die Einschränkung. Ein echtes Kraut bewies nicht, wer es gebracht hatte.

„Woher haben Sie die?“, fragte Mara.

Die Frau drehte sich um.

„Bitte.“

Mara trat nicht über die Schwelle. Der Wunsch zog an ihr, aber hinter ihr stand Joris’ dokumentierter Orientierungsverlust. Eine Spur war kein Befehl.

Die graue Gestalt ging hinunter. Die Tür begann sich zu schließen.

„Warten Sie“, sagte Mara. „Lebt Lena?“

Für einen Moment blieb der Schleier zwischen Holz und Wurzel sichtbar.

Eine Stimme kam von unten. Rau, leise, nicht Lenas Stimme.

„Namen leben länger als Antworten.“

Dann schloss sich die Tür.

Joris’ Spiegelplatte zeigte weiterhin den Bogen. Im Glas sahen sie, wie die Frau den Schlafraum erreichte. Der Blickwinkel war unmöglich, als folge der Spiegel einer Erinnerung statt eines Körpers.

Sie ging zu dem Bett mit Lenas Jahr.

Der warme Becher stand noch auf dem Tisch. Die Frau legte die Flussraute auf das dunkelgrüne Kissen. Danach strich sie einmal über das schwarze Haarband.

Mara hielt die Luft an.

Der Zweig war keine Antwort auf die Frage, ob Lena lebte. Er bewies aber eine Verbindung zu Tannwald, die nicht aus öffentlichen Akademieakten stammen musste. Flussraute wurde selten gehandelt und nie für Siegelübungen verwendet.

Mara bat Yara später, den Handel zu prüfen. In Veyra war in den vergangenen sechs Monaten keine Flussraute registriert worden. Die Pflanze musste privat transportiert, vor Ort gezogen oder über einen nicht öffentlichen Weg gebracht worden sein.

„Aufnahme sichern“, sagte Elin.

Cassian versiegelte die Spiegelplatte, ohne sie an sich zu nehmen. Joris blieb Verwahrer, Yara zweite Zeugin.

Im Bild entfernte die Frau ihren Handschuh.

Auf ihrer Hand lag ein silberner Ring.

Nicht außerhalb der sieben Zeichen wie bei Mara.

Er verlief in entgegengesetzter Richtung und schloss sich genau dort, wo Maras Ring offen blieb.

Die Frau hinter dem Schleier kannte nicht nur Lena.

Sie trug die andere Hälfte derselben verbotenen Spur.