Kapitel 41: Seraphine Vael

Die Vorladung der Dekanin kam vor dem Frühstück.

Mara, Elin, Joris und Cassian sollten gemeinsam erscheinen. Yara durfte als akademische Vertrauensperson teilnehmen. Der Brief nannte keine Anklage, nur eine Klärung unkartierter Gebäudebereiche.

Seraphine Vael empfing sie in einem runden Raum über der Namenhalle. Sie war zweiundfünfzig, trug kein Amtsornament außer ihrem Kronenzeichen und bot jedem denselben Platz am Tisch an.

„Sie haben einen stillgelegten Bereich betreten“, begann sie.

„Einen Bereich, der auf keinem Plan steht“, sagte Mara.

„Die ältesten Pläne sind unvollständig.“

Cassian legte die genehmigten Bauprüfungen, Zugangsanträge und Sicherheitsprotokolle vor. „Der Eintritt war nicht ungenehmigt.“

Seraphine überflog die Blätter. „Dann korrigiere ich: Sie haben einen nicht für den Lehrbetrieb vorgesehenen Bereich betreten.“

Jede Antwort schob den Satz einen Schritt zur Seite.

„Was war dort?“, fragte Mara.

„Während des alten Grenzkriegs befand sich unter dem Wortgarten ein Hilfshospital.“

„Mit zwanzig Betten, die Jahreszahlen der vergangenen zwanzig Jahre tragen?“

„Das Hospital wurde mehrfach als Lager genutzt.“

„Von wem?“

„Von den zuständigen Diensten.“

Elin legte die Aufnahme der Bettreihe auf den Tisch. „Wird der Bereich gegenwärtig bewohnt?“

Seraphine sah nicht auf das Bild. „Es gibt dort unten keine eingetragenen Bewohner.“

Mara spürte die Lücke in der Formulierung. „Das war nicht die Frage.“

„Es ist die Antwort, die ich geben kann.“

„Lebt dort jemand ohne Eintragung?“

„Die Akademie führt keine Wohnform für Personen ohne gültigen Namen.“

Wieder keine Verneinung.

Joris beschrieb den warmen Becher. Seraphine erklärte, Restwärme könne durch alte Versorgungsleitungen entstehen.

„Im Tee?“, fragte er.

„Sie haben den Inhalt nicht untersucht.“

„Weil es fremder Besitz war.“

Zum ersten Mal wirkte die Dekanin überrascht. Vielleicht hatte sie erwartet, sie hätten Truhen und Becher beschlagnahmt.

Mara legte die Zeichnung der grauen Frau und der Flussraute vor. „Kennen Sie diese Person?“

„Ich erkenne auf der Zeichnung kein Gesicht.“

„Kennen Sie jemanden, der dort graue Kleidung ohne Zeichen trägt?“

„Die Akademie gibt keine solche Kleidung an Studenten aus.“

„Und an andere?“

Seraphine faltete die Hände. „Frau Falk, Sie stellen Fragen über eine Annahme, die nicht belegt ist.“

„Dann sagen Sie: Dort lebt niemand.“

Die Dekanin sah sie lange an. Ihr Kronenzeichen blieb dunkel. „Dort lebt niemand, der im öffentlichen Wohnregister der Akademie geführt wird.“

Mara hörte Lenas Namen in dem fehlenden Teil.

Cassian legte das Protokoll vom warmen Becher daneben. „Bestreiten Sie, dass sich innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden eine Person im Schlafraum aufgehalten hat?“

„Ich kann nicht bestätigen, wer den Becher erwärmt hat.“

„Das war nicht die Frage.“

Seraphine wandte den Blick zu ihm. „Ich bestreite keine Beobachtung, die ich nicht selbst gemacht habe.“

Auch das war sauber und nutzlos. Mara schrieb die genaue Formulierung auf ihre Kopie. Wenn die Dekanin später behauptete, sie habe eine Bewohnung verneint, würde der Satz etwas anderes zeigen.

Cassian fragte nach dem Status des Bereichs. Seraphine erklärte ihn zum historischen Schutzraum unter königlicher Mitverwaltung. Auf die Frage nach dem zuständigen Amt nannte sie eine alte Grenzkommission, die seit neun Jahren nicht mehr bestand.

„Wer ist Rechtsnachfolger?“, fragte er.

„Die Zuständigkeit wird geprüft.“

„Seit neun Jahren?“

„Seit Ihrer aktuellen Anfrage.“

Cassian verlangte die schriftliche Zuständigkeitskette seit Auflösung der Kommission. Seraphine erklärte, der Antrag müsse über das Kanzleramt laufen.

„Severin Rauk“, sagte Mara.

„Der zuständige Kanzler.“

„Wusste er vor unserer Untersuchung, dass der Bereich existiert?“

„Der Kanzler kennt königliche Schutzanlagen.“

Keine direkte Antwort, aber Seraphine hatte den Untergrund gerade als Schutzanlage bezeichnet. Cassian markierte die neue Klassifikation.

Elin schob den Sorel-Vertrag vor. „Wurde das Familieninstrument im Hospital verwendet?“

„Nicht in seiner medizinischen Funktion.“

„In welcher dann?“

„Das unterliegt der Stiftungskontrolle.“

„Ich bin stiftungsberechtigt.“

„Nicht für königliche Schutzvorgänge.“

Elins Mund wurde schmal. Seraphine hatte auch hier nicht gesagt, dass das Instrument nie verwendet worden war.

Yara sprach erst jetzt. „Kennen Sie die jährlichen Leerstellen?“

„Ich kenne statistische Unvollständigkeiten.“

„Und Lena Falk?“

Seraphines Blick glitt für einen kaum messbaren Moment zu Mara. „In den aktuellen Akademieregistern existiert keine Studentin dieses Namens.“

„Ich habe nicht gefragt, ob sie existiert“, sagte Yara. „Ich habe gefragt, ob Sie sie kennen.“

Die Dekanin stand auf.

„Das Gespräch ist beendet, bis die Zuständigkeit des Unterbereichs geklärt ist. Sie werden nicht erneut hinuntergehen.“

„Ist das eine Sicherheitsanordnung oder eine Disziplinarmaßnahme?“, fragte Cassian.

Seraphine hielt inne. „Sicherheitsanordnung. Vorläufig achtundvierzig Stunden.“

„Dann legen Sie Gefahrenumfang und Überprüfung fest.“

Sie tat es. Selbst jetzt hielt Cassian die Grenze sichtbar.

Im Korridor verglichen sie ihre Notizen, bevor Erinnerungen die Lücken glätteten. Elin schrieb drei Spalten: gefragt, geantwortet, vermieden. Bei Bewohnern, Namen und Zuständigkeit füllte sich nur die letzte.

„Sie hat nicht einmal überzeugend gelogen“, sagte Joris.

„Sie hat genauer gesprochen, als eine Lüge erlauben würde“, sagte Mara.

Yara strich Seraphines Sätze nicht als falsch an. „Eine Kronenzeugin lernt, welche Aussage sie bindet. Achten Sie deshalb auf die Begrenzungen.“

Mara sah zurück zur geschlossenen Tür. Seraphine hatte den Untergrund gekannt. Sie hatte nur vermieden, irgendeinen Menschen darin mit einem Namen zu verbinden.

Auf dem Weg hinaus blieb Mara an einem alten Wandplan stehen. Der Bereich unter dem Garten war als Hospital markiert, darüber ein verblasstes Kronenzeichen.

Unter der Signatur stand Seraphines Name.

Nicht als Dekanin.

Als damalige junge Kronenzeugin.