Cassian wartete vor dem Flutsaal, bis Mara allein herauskam.
„Sie haben meine Messungen“, sagte er.
„Joris hat Ihre Messungen.“
„Und Sie haben einen Plan, den das offizielle Archiv nicht ausgibt.“
Mara blieb im offenen Korridor. Studenten gingen an ihnen vorbei. Keine versteckte Ecke, kein Gespräch, dessen bloße Abgeschiedenheit später als Zustimmung gedeutet werden konnte.
„Durchsuchen Sie meine Tasche?“
„Nein.“
„Dann haben wir beide unvollständige Informationen.“
Cassian zog das gefaltete Foto nicht hervor. Mara wusste trotzdem, worum es ging. „Der Junge aus der Prüfung.“
„Sie haben ihn gesehen.“
„Eine gespeicherte Szene.“
„Sie haben mich nach meinem Kindheitsnamen gefragt.“
„Sie haben ihn nicht beantwortet.“
„Cassi“, sagte er.
Das Wort passte nicht zu ihm. Es machte aus dem Siegelrichter für einen Moment einen jüngeren Mann, der an einem Bach stand und mogelte.
„Wer durfte Sie so nennen?“
„Meine Eltern, soweit ich mich erinnere. Und offenbar die Person auf dem Foto.“
„Elias?“
Cassians Blick wurde scharf. „Woher kennen Sie den Namen?“
Mara hatte geraten. Der äußere Ring in ihrer Hand reagierte nicht. „Jetzt kenne ich ihn.“
„Das ist kein Spiel.“
„Nein. Es ist meine Schwester.“
„Sie wissen nicht, ob beides dieselbe Ursache hat.“
„Sie wissen nicht, dass es verschiedene sind.“
Der Streit drehte sich im Kreis, bis Joris und Elin aus dem Saal kamen. Mara wollte keine Zuschauer sammeln. Sie zeigte auf einen Besprechungstisch im offenen Arkadengang. Cassian setzte sich gegenüber, nicht neben sie.
„Sie haben einen privaten Beleg“, sagte Mara. „Ich habe eine private Karte. Keiner vertraut dem anderen genug, das Original abzugeben.“
„Richtig.“
„Dann brauchen wir eine Bedingung.“
Cassian holte Papier. „Formulieren Sie.“
Mara schrieb zuerst: Wenn erneut eine gemeinsame Erinnerungslücke auftritt, informieren wir einander vor jeder Meldung an Dritte.
Cassian strich vor jeder Meldung. „Ich kann bei unmittelbarer Gefahr oder einer gesetzlichen Berichtspflicht nicht warten.“
Sie änderten es zu: unverzüglich, soweit keine akute Schutzpflicht entgegensteht; jede abweichende Meldung wird danach offengelegt.
Seine Bedingung lautete: Jede neu auftauchende persönliche Erinnerung wird als Erinnerung gekennzeichnet und nicht ohne unabhängige Stütze als Tatsache veröffentlicht.
Mara ergänzte: Das gilt auch für königliche Akten.
„Einverstanden.“
Sie tauschten keine Originale. Cassian beschrieb das Foto: zwei Jungen, Geigenkasten, eigene Handschrift. Mara beschrieb die Karte: sieben Türen, keine Eingänge, Linien nach unten. Beide Angaben wurden von Yara als Verwahrzeugin versiegelt.
„Sie könnten mich trotzdem melden“, sagte Mara.
„Ja.“
„Ich Sie auch.“
„Wem?“
„Der Akademie. Einer unabhängigen Ratsstelle. Ihrer Mutter.“
Er sah sie an. „Meine Mutter wäre die wirksamste Drohung.“
Mara lächelte, bevor sie es verhindern konnte.
Die Leichtigkeit hielt nicht. Cassian berichtete, Severin habe schon vor seiner Meldung von Erinnerungseffekten gewusst. Mara erzählte im Gegenzug, dass Lena sie vor dem siebten Kreis gewarnt hatte.
„Sie haben im Prüfungsraum gelogen.“
„Ja.“
„Warum sagen Sie es jetzt?“
„Weil Ihre Erinnerung ebenfalls betroffen ist. Und weil die Warnung keine Anleitung war, jemandem zu schaden.“
Cassian schrieb den genauen Wortlaut auf. „Geh nicht in den siebten Kreis.“
„Mehr nicht.“
„Kam die Stimme aus dem Mauerwerk?“
„Aus einer Stelle, die sich wie ein Spalt geöffnet hat.“
Er markierte es als persönliche Wahrnehmung. Keine Behauptung über eine lebende Lena.
„Wenn es wieder geschieht“, sagte er, „berühren Sie nichts allein.“
„Das klingt nach einer Anweisung.“
„Eine Bitte. Sie entscheiden.“
„Dann bitte ich Sie, Severins nächste Nachricht nicht nur nach ihrem Wortlaut zu lesen. Er wusste zu viel.“
Cassian nickte. „Ich entscheide.“
Sie unterschrieben beide Bedingungen. Yara erhielt eine Kopie, die Originale blieben bei ihnen. Es war kein Vertrauensschwur. Es war eine Struktur für den Fall, dass einer wieder eine Minute verlor.
Als Mara aufstand, erklang im Steinboden ein leises Klopfen.
Dreimal.
Cassian hörte es ebenfalls. Er zeigte auf seine Uhr und nannte laut die Zeit. Mara nannte ihren Namen. Beide prüften den Korridor.
Keine Lücke.
Unter dem Tisch erschien jedoch ein dünner Kreidestrich, der vorher nicht dort gewesen war.
Er verlief in Richtung der zu kurzen Treppe.
„Melden wir es?“, fragte Mara.
Cassian betrachtete die öffentliche Halle, die Zeugen und den Strich.
„Gemeinsam“, sagte er.
Sie sperrten den Durchgang nicht. Cassian bat den nächsten Hauswart, den Kreidestrich zu bezeugen, bevor jemand darauf trat. Der Mann kniete mit sichtlicher Unlust unter den Tisch, rieb ein wenig Kreide zwischen Daumen und Zeigefinger und bestätigte, dass sie frisch war.
„Von den Reinigungskräften?“, fragte Mara.
„Wir verwenden gelbe Kreide für Möbelmarkierungen.“
Diese war weiß.
Cassian ließ den Strich abdecken, nicht entfernen. Mara diktierte, wann sie das Klopfen gehört hatten, wer im Korridor gewesen war und dass beide Uhren keine Abweichung zeigten. Der Hauswart fügte hinzu, unter dem Arkadengang verlaufe kein planmäßiger Versorgungsschacht.
„Planmäßig“, wiederholte Mara.
„Ich kenne nur die Pläne.“
An der zu kurzen Treppe endete der Kreidestrich vor einer Säule. Es gab keine Tür, keine Fuge und kein Zeichen. Mara hörte nur das gewöhnliche Reiben von Schuhsohlen auf Stein.
Cassian stellte sich nicht zwischen sie und die Säule. „Möchten Sie prüfen?“
„Ohne Berührung.“
Sie ging einmal um die Säule. Auf der Hofseite hatte jemand sieben winzige Kerben in den Sockel geschlagen. Die Abstände entsprachen den sieben Türzeichen auf Yaras Karte. Mara zeigte sie erst Cassian, dann dem Hauswart. Unter der siebten Kerbe war der Stein heller, als hätte dort bis vor Kurzem noch eine achte gelegen.
„Ich sehe sieben“, sagte der Hauswart.
„Ich auch“, sagte Cassian.
Mara zwang sich, nicht aus der hellen Stelle ein Zeichen zu machen. „Dann halten wir nur die Verfärbung fest.“
Cassian nickte. „Und die Tatsache, dass der Strich hier endet.“
Der gemeinsame Bericht ging noch am selben Abend an die Bauverwaltung und an Yara. Severin erhielt nur den Anteil, für den Cassian eine Berichtspflicht hatte: eine unbekannte Markierung im öffentlichen Akademiebereich, keine aktivierte verbotene Siegelhandlung, keine Verletzten.
„Er wird nach der Karte fragen“, sagte Mara.
„Dann sage ich, dass eine verwahrte private Quelle existiert und derzeit keine Beschlagnahmegrundlage vorliegt.“
„Und wenn er Ihnen befiehlt, sie zu nehmen?“
Cassian schloss seine Protokolltasche. „Dann verlange ich den Befehl schriftlich und prüfe seine Rechtsgrundlage.“
Das war kein Versprechen, sich gegen Severin zu stellen. Es war etwas Kleineres und belastbareres: die Zusage, einen Schritt sichtbar zu machen, bevor er ihn tat.
Mara legte ihre Kopie des Berichts ins Kräuterbuch. Unter der Seite mit der gezeichneten Säule wurde der silberne Ring für einen Atemzug warm.
Am unteren Rand erschien ein Wort, dünn wie mit Kreide geschrieben:
Warten.
