Kapitel 13: Die verlorene Minute

Cassian besaß drei Aufzeichnungen der Prüfung.

Keine enthielt die verlorene Minute.

Die Akademieplatte zeigte drei Studenten, die vor einer geschlossenen Wand standen. Dann sprang das Bild vor: Die Wand war offen, Mara Falk lag auf einem Knie, und Elin Sorel hielt den goldenen Koordinationsfaden schlaff in der Hand.

Sein eigenes Protokoll endete mit der Stimme: Cassi, du schummelst.

Danach eine leere Zeile.

Die unabhängige Raumaufzeichnung enthielt nicht einmal das Flüstern. Nur ein Geräusch wie umblätterndes Papier.

Cassian ließ jede Quelle einzeln versiegeln. Er vermerkte, dass er selbst betroffen war und deshalb keine abschließende Bewertung abgeben durfte. Eine andere Siegelrichterin musste die technische Prüfung übernehmen.

„Das wird Severin gefallen“, sagte Yara.

Sie stand im kleinen Nachbereitungsraum und las seine Befangenheitsnotiz.

„Sein Gefallen ist keine Verfahrensstufe.“

„Aber eine häufige Folge.“

Mara, Elin und Joris hatten getrennte Gedächtnisprotokolle geschrieben. Cassian durfte sie erst lesen, nachdem sein eigenes versiegelt war. Die drei Berichte stimmten in den sichtbaren Ereignissen überein und widersprachen sich in Details.

Mara erinnerte sich an zwei Jungen am Bach.

Elin sah nur Licht.

Joris hörte den Namen Cassi, aber keine Stimme.

Niemand erinnerte sich an die Öffnung der Tür.

Cassian schrieb eine weitere Meldung: Gemeinsame Erinnerungslücke, Dauer etwa sechzig Sekunden.

Das Wort gemeinsam machte die Sache schwerer. Eine einzelne Fehlleistung ließ sich mit Stress oder Magieerschöpfung erklären. Vier Personen und eine Aufzeichnungsplatte verloren nicht zufällig denselben Abschnitt.

Er kehrte in sein Gästezimmer im Amtsturm zurück. Es enthielt einen Schreibtisch, ein Bett und einen Schrank, den er seit Jahren nicht benutzte. Cassian wohnte nicht in der Akademie. Für längere Prüfungen stellte sie ihm nur einen Arbeitsraum zur Verfügung.

Auf dem Schreibtisch lag ein Foto.

Er war sicher, dass es am Morgen nicht dort gelegen hatte.

Cassian berührte es nicht. Er rief eine Archivzeugin, ließ Lage und Zustand festhalten und öffnete erst dann den dünnen Umschlag darunter. Kein Absender. Kein Siegel. Das Papier war zweimal gefaltet worden.

Das Bild zeigte zwei Jungen vor einem Haus in Veyra. Cassian erkannte sich mit siebzehn. Neben ihm stand derselbe ältere Junge aus dem Prüfungsraum.

Das Gesicht war klar.

Cassian kannte es nicht.

Auf der Rückseite stand in seiner eigenen jugendlichen Handschrift:

Elias und Cassi, letzter freier Sommer.

Er las den Satz, bis die Wörter Bedeutung bekamen. Elias. Der Name passte zu nichts in seinem Familienregister. Dort war Cassian der einzige Sohn von Irma und Theodor Dorn.

„Kennen Sie die Person?“, fragte die Archivzeugin.

„Nein.“

Es war keine Lüge. Der Anblick löste keine vollständige Erinnerung aus. Nur körperliche Gewissheiten: Der ältere Junge war schneller gelaufen. Er hatte Cassian beigebracht, eine Saite zu wechseln. Er hatte Kaffee gehasst.

Woher wusste Cassian das?

Die Zeugin notierte seine freien Angaben, bevor sie Fragen stellte. So konnten spätere Hinweise seine erste Erinnerung nicht rückwirkend ordnen.

„Der Name Elias?“, fragte sie danach.

Cassian spürte Druck hinter den Augen. „Keine sichere Zuordnung.“

Er öffnete sein privates Familienregister mit zwei Zeugen. Kein Bruder. Keine Lücke. Seine Mutter hatte laut Eintrag eine einzige Schwangerschaft und ein einziges Kind.

Das Foto widersprach nicht nur dem Register. Es widersprach Cassians Leben.

Er legte eine Gedächtnisgrundlinie an. Name der ersten Schule. Farbe der früheren Wohnungstür. Beruf seiner Eltern. Der Sommer mit siebzehn. Bei den ersten drei Punkten konnte er konkrete Szenen nennen. Der vierte bestand aus Arbeit, Prüfungen und einer auffälligen Leere zwischen zwei Datumsangaben.

Seine Mutter hatte damals sechs Wochen nicht auf Briefe geantwortet. Cassian hatte sich das immer damit erklärt, dass sie krank gewesen sei. In den Familienunterlagen gab es dafür keinen Beleg. Stattdessen fand er eine Zahlung an eine königliche Genesungseinrichtung, deren Empfängerfeld leer war.

Er notierte auch das, ohne den Leerraum sofort Elias zuzuordnen. Ein Foto machte noch keinen vollständigen Bruder. Aber es machte seine bisherige Gewissheit unhaltbar.

Severins Nachricht traf ein, während die Zeugen noch da waren.

Bericht über Falk sofort. Persönliche Erinnerungseffekte getrennt behandeln. Keine Verbindung ohne Beweis.

Cassian antwortete nicht sofort. Er legte die Nachricht neben das Foto. Severin wusste bereits von persönlichen Erinnerungseffekten, obwohl Cassians Meldung das Amt noch nicht verlassen hatte.

„Wer hat ihn informiert?“, fragte Yara, als Cassian sie hinzuzog.

„Entweder die Prüfung sendet parallel an die Krone, oder jemand hat den Raum beobachtet.“

„Beides ist in den Regeln nicht vorgesehen.“

Cassian dachte an die leere Auftraggeberzeile bei seiner Zuweisung.

Er schrieb Severin eine begrenzte Antwort: Aufnahmeabweichung bestätigt. Gemeinsame Protokolllücke in unabhängiger Prüfung. Keine Ursache festgestellt.

Das Foto erwähnte er nicht.

Noch nicht.

Er wusste, dass Zurückhalten eine Entscheidung war. Er protokollierte sie in einer privaten Befangenheitsakte und gab Yara eine versiegelte Kopie. So konnte er später nicht behaupten, er habe nur vergessen zu berichten.

Als er allein war, nahm er das Bild in die Hand.

Der ältere Junge hatte den Arm um Cassians Schulter gelegt. Beide grinsten in die Sonne. Zwischen ihren Schuhen lag ein Geigenkasten.

Cassian schloss die Augen.

Für einen Moment hörte er eine Saite, zu hoch gestimmt, und eine Stimme: Nicht so fest, Cassi.

Als er die Augen öffnete, war der Klang fort.

Das alte Foto blieb unverändert in seiner Hand.

Auf der Rückseite erschien unter dem alten Satz eine neue Zeile:

Du hast eine Minute verloren. Ich verlor zwölf Jahre.