Am nächsten Morgen stand Maras Familie in einem Buch, das über sie log.
Das öffentliche Register lag im Lesesaal des Wortflügels auf einem Pult aus dunklem Stein. Jeder erwachsene Bürger durfte den eigenen Eintrag und die direkt zugeordneten Familienbeziehungen einsehen. Weiterreichende Linien erforderten Zustimmung oder einen begründeten Antrag.
Mara musste keine fremde Akte öffnen. Sie legte ihre Aufnahmeplakette auf die Prüffläche und nannte ihren Namen.
Die Seite füllte sich.
Mara Falk, geboren in Falkenried.
Eltern: Alrik Falk, Sanna Falk.
Geschwister: keine.
„Das ist falsch“, sagte sie.
Der Bibliothekar, ein Mann mit Windzeichen und auffällig stillen Schritten, blickte nicht einmal überrascht. „Dann stellen Sie einen Berichtigungsantrag.“
„Auf welcher Grundlage?“
„Geburtszeugnis, Namensritus, zwei amtliche Zeugen oder ein entsprechender Eintrag in einem älteren Register.“
Mara legte das Kräuterbuch auf das Pult. „Das hier.“
„Ein privates Notizbuch ist kein Familienregister.“
„Es enthält ihren Namen, ihre Handschrift und sechs Jahre Arbeit.“
Der Bibliothekar zog dünne Handschuhe an. „Darf ich?“
Mara schob ihm das Buch zu.
Er blätterte von Baldrian zu Wundklee, las Dosierungen und Anmerkungen. Bei der Seite mit dem Namen blieb er kurz stehen.
„Was sehen Sie?“, fragte Mara.
„Eine Zusammenstellung aus Tannwald. Nützlich, wenn auch stellenweise veraltet.“
„Oben.“
„Eine leere Zeile.“
Mara drehte das Buch zu sich. Lena Falk stand dort, blasser als am Vortag, aber eindeutig.
„Sie sehen den Namen nicht.“
„Welchen Namen?“
Sie nahm das Buch zurück, bevor seine Frage ihre Erinnerung angriff.
Am Nachbartisch sortierte eine Wortstudentin Karten. Mara bat sie, nur die obere Zeile zu lesen. Die Studentin sah eine unbeschriftete Stelle und entschuldigte sich, als hätte sie etwas übersehen. Ein älterer Archivar sah nicht einmal eine Lücke; für ihn begann das Rezept direkt mit Wacholder.
Mara ging zum Fenster. Unter ihr lagen die sieben Brücken im Morgennebel. Der Kronenwall schimmerte stabil. Nichts an der Stadt verriet, dass ein Name aus Papier und Erinnerung rutschte.
„Drei Personen reichen“, sagte Cassian hinter ihr.
Mara drehte sich um. „Um zu beweisen, dass niemand etwas sieht?“
„Um zu vermeiden, dass Sie den ganzen Saal befragen und eine unkontrollierte Resonanz auslösen.“
„Sie haben mich nicht zum Register begleitet.“
„Nein. Ich hatte einen eigenen Antrag.“
Er legte eine schmale Mappe auf den Tisch. Darin befand sich die Kopie des Aufnahmeprotokolls. Wo gestern für einen Augenblick Lena Falk gestanden hatte, blieb nur ein leerer Raum zwischen zwei Prüfzeichen.
„Auch Ihre Kopie verliert den Namen.“
„Die amtliche, ja.“
Cassian zog einen zweimal gefalteten Zettel aus der Manteltasche. Papier ohne Siegel, mit seiner Handschrift.
Lena Falk.
Der Name war lesbar.
Mara griff nicht danach. „Warum bleibt der?“
„Vielleicht, weil er nie Teil des Netzes war. Vielleicht, weil ich ihn mit einer Warnung an mich selbst verbunden habe. Vielleicht nur, weil noch nicht genug Zeit vergangen ist.“
„Sie erinnern sich also.“
„Ich erinnere mich, dass ich etwas erinnern wollte.“
Das war keine beruhigende Antwort.
Mara öffnete das Kräuterbuch bei einem Eintrag über Fieberrinde. Darunter stand ein Streit zwischen zwei Handschriften. Mara hatte als Jugendliche eine zu hohe Menge vorgeschlagen. Lena hatte daneben geschrieben: Nur weil du es aushältst, ist es nicht richtig.
„Lesen Sie das.“
Cassian beugte sich über die Seite. „Nur weil du es aushältst, ist es nicht richtig.“
„Unterschrift?“
„Keine.“
„Die eckigen Buchstaben sind von Lena. Die runden von mir.“
„Das kann ich nicht verifizieren.“
„Aber Sie sehen zwei Hände.“
„Ja.“
Sie legten drei weitere Seiten daneben. Auf einer hatte die zweite Hand eine Dosierung korrigiert, auf einer anderen ein Rezept mit einem wütenden Kreuz abgelehnt. Die dritte enthielt eine getrocknete Blüte und den Satz: Für Mara, wenn sie endlich zugibt, dass sie nicht jede Pflanze am Geruch erkennt.
Cassian las den Satz zweimal. „Die Anrede bleibt sichtbar.“
„Weil mein Name nicht gelöscht wurde.“
„Oder weil die unbekannte Schreiberin Sie adressiert hat.“
„Sie vermeiden jedes Wort, das eine Schwester ergeben würde.“
„Ich vermeide, aus drei zutreffenden Beobachtungen eine vierte unbewiesene zu machen.“
Mara schloss das Buch halb. „Und wenn Ihre Vorsicht genau das ist, worauf derjenige vertraut, der das Register verändert hat?“
„Dann brauche ich bessere Beweise, nicht weniger Vorsicht.“
Seine Antwort ließ sich schwer hassen. Sie machte den leeren Eintrag trotzdem nicht erträglicher.
Mara zeigte ihm weitere Stellen. Unterschiedlicher Druck, verschiedene Abkürzungen, zwei Meinungen zu jeder dritten Pflanze. Das Buch bewies keinen amtlichen Namen. Es bewies, dass Mara nicht alle Seiten allein geschrieben hatte.
Der Bibliothekar kam mit einem Formular zurück. „Für einen Berichtigungsantrag brauchen Sie eine konkrete zweite Person.“
„Lena Falk.“
Sein Blick glitt über Mara hinweg. „Wen?“
Der äußere Ring in ihrer Hand wurde kalt.
Cassian schloss die Mappe. „Der Antrag wird nicht hier gestellt.“
„Sie können den Namen sehen.“
„Auf Papier.“
„Gestern auf dem Protokoll.“
„Für weniger als einen Atemzug.“
Mara wartete. Sie hatte gelernt, dass Menschen eine unbequeme Wahrheit oft nach einer präzisen Einschränkung aussprachen.
Cassian sah zum leeren Geschwisterfeld.
„Ich kann ihn nicht jederzeit sehen“, sagte er leise. „Aber gestern stand dort für einen Moment ein zweiter Name.“
„Sagen Sie ihn.“
Der Bibliothekar sortierte hinter ihnen weiter Karten, ohne aufzusehen oder Interesse an der Antwort zu zeigen.
Er berührte den Zettel in seiner Tasche, als brauche auch er eine Zeugenstütze.
„Lena Falk.“
Im Register erschien unter Geschwister eine neue Zeile.
Sie blieb leer.
