Elin hatte das Zimmer bereits in zwei gleich große Hälften geteilt.
Eine Kreidelinie lief über den Boden, zwischen den Betten hindurch und bis zum Fenster. Auf der rechten Seite standen ein roter Reisekoffer, sechs ordentlich gebundene Bücher und ein silberner Waschkrug. Die linke Seite enthielt ein nacktes Bett, einen Tisch und Mara.
„Die Linie ist nicht magisch“, sagte Elin. „Sie dient nur der Verständlichkeit.“
Mara stellte ihre grüne Tasche links ab. „Ich hatte nicht vor, Ihren Waschkrug zu annektieren.“
„Gut.“
„Die Fensterbank?“
Elin musterte die Fläche. „Geteilt.“
Beide waren alt genug, um einen Wohnvertrag zu lesen. Die Akademie stellte Einzelzimmer nur für besondere Arbeitszeiten, Familienpflichten oder medizinisch begründete Bedürfnisse bereit. Mara hatte kein Recht auf Privatsphäre durch bloßen Wunsch. Elin ebenso wenig.
„Sie können einen Zimmerwechsel beantragen“, sagte Mara.
„Das habe ich.“
„Schnell.“
„Ihr Siegel hat gestern alle Namen im Hof ausgelöscht.“
„Für einen Herzschlag.“
„Das ist keine beruhigende Maßeinheit.“
Mara zog das Kräuterbuch aus der Tasche und legte es in die Tischschublade. Ein Messingzeichen am Holz zeigte an, dass nur sie die Schublade öffnen durfte. Keine vollkommene Sicherheit, aber eine klare Grenze.
Elin beobachtete sie. „Ist das das Buch, das im Register nichts beweist?“
„Sie hören schnell.“
„Die halbe Akademie redet darüber. Die andere Hälfte behauptet, es sei nie passiert.“
Mara richtete ihr Bett. Im Stoff roch sie Lavendel, Staub und etwas Bitteres, das sie nicht sofort erkannte. Für einen Moment erschrak sie. Dann fand sie die Ursache: Reinigungsrinde, kein weiteres Verblassen.
„Wer wohnte vorher hier?“, fragte sie.
„Laut Vertrag niemand. Der Flügel wurde renoviert.“
Elin zeigte auf die frisch gestrichene Wand. Unter dem Weiß zeichneten sich dunklere Rechtecke ab, wo früher Regale gehangen hatten. Zimmer einundvierzig war nicht neu. Es war nur neu erklärt.
Am Abend mussten beide ihre Wohnkarten an der Tür bestätigen. Elins Name erschien zuerst, dann Maras. Die Anzeige nannte keine frühere Belegung.
„Zufrieden?“, fragte Elin.
„Nein.“
Mara prüfte außerdem den Fensterrahmen und die Unterseiten beider Tische. Sie fand alte Reparaturzeichen, zwei Jahreszahlen und einen Brandfleck. Nichts davon gehörte Lena. Sie schrieb es trotzdem auf. Eine saubere Suche bestand auch aus Ergebnissen, die nicht zur gewünschten Geschichte passten.
Elin las über ihre Schulter. „Sie notieren, dass Sie nichts gefunden haben?“
„Sonst erinnere ich mich morgen vielleicht nur an die verdächtigen Stellen.“
„Das ist beinahe vernünftig.“
„Sie werden sich daran gewöhnen.“
Elin schnaubte, doch sie ergänzte auf ihrer eigenen Bildplatte den Brandfleck und beide Jahreszahlen. Zum ersten Mal arbeiteten sie nicht gegeneinander, sondern nur mit unterschiedlichen Gründen.
Mara klopfte die Wände ab. Nicht heimlich; Elin saß am Tisch und sah mit wachsender Verärgerung zu. Über der Sockelleiste klang das Holz an einer Stelle hohl.
„Wenn Sie die Wand beschädigen, zahlen Sie.“
„Ich beschädige nichts.“
Mara zog den Kleiderschrank ein Stück vor. Er war schwerer, als er aussah. Elin seufzte, stand aber auf und koordinierte mit einem kurzen Kronenimpuls die Bewegung. Das Möbel glitt gleichmäßig, ohne den Boden zu zerkratzen.
„Praktisch“, sagte Mara.
„Krone ist mehr als goldene Lichter.“
„Das hoffe ich.“
Hinter dem Schrank war die Wand nicht frisch gestrichen. Auf Schulterhöhe verliefen tiefe Kratzer. Zuerst wirkten sie zufällig, bis Mara mit der Lampe seitlich darüberleuchtete.
L.
Darunter ein halb ausgelöschtes F.
Elin trat näher. „Das kann alles bedeuten.“
„Es sind Initialen.“
„Oder Schäden von zwei Haken.“
Mara berührte die Buchstaben nicht. „Fotografieren wir sie getrennt.“
Elin nahm eine kleine Bildplatte aus ihrem Koffer. Sie hielt Datum, Raum und Licht fest. Mara zeichnete die Formen auf Papier nach, ohne sie zu ergänzen. Zwei Aufzeichnungen, verschiedene Methoden.
„Warum helfen Sie?“, fragte Mara.
„Weil ich nicht beschuldigt werden möchte, die Wand verändert zu haben.“
„Natürlich.“
Später brachte die Wohnverwaltung einen Ersatzkeil für den Schrank. Der Hausmeister betrachtete die Kratzer und sagte, bei der Renovierung sei die Wand leer gewesen. Auf die Frage nach früheren Bewohnern las er den offiziellen Eintrag vor: keine Belegung in den vergangenen sieben Jahren.
„Das Bettgestell ist älter“, sagte Mara.
„Möbel werden versetzt.“
„Die Schublade darunter hat dieselbe Zimmernummer.“
Der Mann zuckte mit den Schultern. „Dann blieb das Bett.“
Nachdem er gegangen war, zog Elin ihre Kreidelinie an der verschobenen Stelle neu. „Sie werden aus jedem alten Nagel Ihre Schwester machen.“
„Und Sie werden aus jedem Beweis einen Nagel machen.“
Elin setzte sich. „Ich habe keine Schwester.“
„Sicher?“
Die Frage war grausamer, als Mara beabsichtigt hatte. Elins Gesicht schloss sich.
„Mein Familienregister ist vollständig.“
„Meins behauptet das auch.“
Eine Weile sagte keine von beiden etwas. Draußen erloschen die Brückenlichter nacheinander. Mara lag im Bett und hörte Elin Seiten umblättern.
Die Kreidelinie zwischen ihnen blieb, doch der Schrank stand nun genau auf ihrer Grenze.
Kurz vor Mitternacht sprang die Wohnanzeige an der Tür von selbst auf. Silbernes Licht fiel durch den Spalt.
Elin stand zuerst auf. Beide gingen zur Tür.
Unter ihren Namen erschien für einen Augenblick eine dritte Zeile. Sie enthielt keinen lesbaren Namen, nur einen früheren Belegungszeitraum.
Vor drei Jahren.
Mara öffnete den Schrank noch einmal. Im kalten Licht der Anzeige wirkten die Kratzer tiefer.
Nicht L und F.
L. F.
Als die Anzeige erlosch, blieb auf der Rückwand des Schranks ein Satz sichtbar, der am Nachmittag noch nicht dort gewesen war:
Zimmer 41 war nie leer.
