Kapitel 5: Ein Siegel, das es nicht geben darf

Niemand schrie.

Das machte den Augenblick schlimmer.

Zweihundert Erwachsene standen im Siegelhof und betrachteten ihre wiederhergestellten Namensplaketten. Das Schweigen war nicht leer. Es füllte sich mit Atem, raschelnden Mänteln und der Frage, ob jeder gerade für eine Sekunde aufgehört hatte, öffentlich zu existieren.

Mara hielt die linke Hand vor die Brust. Der äußere Silberring war noch da. Er hatte keine Naht, kein Anfangszeichen und keine Farbe eines anerkannten Siegels.

Der Zeremonienleiter schloss die inneren Kreise. Steinplatten erhoben sich aus dem Boden und bildeten niedrige Sperren.

„Die Aufnahme ist unterbrochen“, rief Yara. „Bleiben Sie an Ihren Plätzen. Prüfen Sie den eigenen Namen und den Ihres Nachbarn. Wer eine Lücke bemerkt, meldet sie, ohne sie selbst zu deuten.“

Joris blickte auf seine Plakette. „Joris Bell.“

Elin antwortete steif: „Elin Sorel.“

Beide sahen Mara an.

„Mara Falk“, sagte sie.

„Das wissen wir“, sagte Elin. Die Schärfe in ihrer Stimme klang weniger nach Spott als nach dem Versuch, die Welt wieder geradezustellen.

Cassian trat über die Sperre. „Frau Falk, können Sie die Hand bewegen?“

Mara öffnete und schloss die Finger. „Ja.“

„Schmerz?“

„Kälte.“

„Erinnerungslücke?“

Sie dachte an Lena. Der Name war da. Das Gesicht auch.

„Nicht, die ich bemerke.“

„Das ist keine verlässliche Prüfung“, sagte Elin.

Cassian sah zu ihr. „Richtig. Deshalb wird sie dokumentiert.“

Er wies zwei Protokollbeamte an, die Namensplaketten zu sichern. Keine Durchsuchung, keine dramatische Festnahme. Der Hof wurde zum Prüfbereich, weil eine gemeinsame öffentliche Anzeige ausgefallen war.

Mara war dankbar für die Nüchternheit und misstraute ihr zugleich. Ein Käfig brauchte keine Gitter, wenn alle Türen mit dem Wort Verfahren geschlossen wurden.

„Ich möchte eine Vertretung der Akademie“, sagte sie.

„Professorin Brenn bleibt anwesend“, antwortete Cassian.

Yara nickte. „Und ich protokolliere getrennt.“

Mara zeigte den Ring nicht freiwillig noch einmal. Cassian verlangte es nicht. Er ließ lediglich die Stelle am Kronenstein absperren und bat sie, außerhalb des Kreises zu warten.

Die Prüfung dauerte zwölf Minuten. Die Plaketten hatten ihre Namen wieder. Zwei Studenten erinnerten sich an ein kurzes Gefühl, den eigenen Namen nicht lesen zu können. Eine Windstudentin behauptete, der Hof habe anders ausgesehen. Niemand außer Mara meldete eine zusätzliche Schrift.

Dann bewegte sich ihre Plakette.

Sie hing noch an ihrem Mantel. Mara spürte zuerst Wärme an der Brust. Die silbernen Buchstaben ihres Namens lösten sich und erschienen erneut.

Mara Falk – Flut.

Darunter schob sich eine zweite Zeile hervor.

Lena Falk – gelöscht.

Mara griff nach der Plakette, hielt jedoch inne, bevor sie sie berührte.

„Sehen Sie das?“, fragte sie.

Joris trat näher. „Eine zweite Zeile.“

Elin wurde blass. „Der Status ist kein zulässiger Eintrag.“

Yara sagte nichts. Sie schrieb den Wortlaut auf Papier.

Cassian kam durch den Hof. Sein Blick fiel auf die Plakette, und für einen Moment verlor sein Gesicht die sorgfältige Ruhe.

„Sie sehen es“, sagte Mara.

„Ja.“

„Dann sagen Sie den Namen.“

Er sah erst zu den Protokollbeamten, dann zu Yara. „Lena Falk.“

Die zweite Zeile wurde heller.

Mehrere Studenten am Rand drehten die Köpfe, als hätten sie ein Geräusch gehört. Einer fragte: „Wer ist Lena?“

Mara zog das Kräuterbuch aus der Tasche. Diesmal öffnete sie es nicht. „Meine Schwester.“

„Die laut Register nicht existiert“, sagte Elin.

„Das Register lügt.“

„Register lügen nicht von selbst.“

„Dann hat jemand geholfen.“

Cassian hob die Hand, bevor der Streit größer wurde. „Die Zeile ist eine nicht autorisierte Anzeige. Das beweist weder Verwandtschaft noch eine bestimmte Manipulation.“

„Es beweist, dass der Name im System war.“

„Es beweist, dass er jetzt auf Ihrer Plakette erscheint.“

Mara hasste die Genauigkeit, weil sie korrekt war.

Rund um sie wurden die anderen Studenten einzeln aus dem Hof geführt. Niemand durfte seine Beobachtung mit der des Nachbarn abstimmen. Joris deutete kurz auf seine Augen und dann auf Mara: Er hatte die Zeile gesehen. Elin nickte einmal, widerwillig, aber eindeutig. Zwei unabhängige Zeugen waren mehr, als Mara bei ihrer Ankunft besessen hatte.

Der äußere Ring in ihrer Hand wurde wärmer. Auf der Plakette flackerte gelöscht. Für einen Atemzug glaubte Mara, hinter dem Wort eine Tiefe zu sehen, einen Schacht aus dunklen Linien, der weit unter den Hof führte.

Sie hörte Lenas Stimme nicht.

Stattdessen flüsterten viele Menschen gleichzeitig.

Yara trat näher. „Wie viele?“

Mara sah sie an. „Was?“

„Sie hören etwas.“

„Namen.“

Cassian wandte sich an die Beamten. „Der Hof bleibt geschlossen, bis die Plakette kopiert und die Zeugen getrennt befragt sind. Keine Meldung an die Öffentlichkeit ohne bestätigten Wortlaut.“

„Und ich?“, fragte Mara.

„Sie werden nicht festgenommen.“

„Das war nicht meine Frage.“

Er zog einen schmalen Metallstab aus der Innentasche. Das königliche Amtssiegel darauf leuchtete nicht. Cassian hielt es so, dass jeder sehen konnte, dass er keine Zwangsmarke setzte.

„Die Aufnahmezeremonie hat auf Ihre Resonanz reagiert“, sagte er. „Ihre Familienanzeige enthält einen unmöglichen Status, und ein nicht registrierter Ring ist erschienen. Ich muss klären, ob von Ihnen, gegen Sie oder durch die Anlage eine Gefahr ausgeht.“

Mara schob das Kräuterbuch unter den Arm.

„Mit Zeugin“, sagte sie.

„Mit Zeugin.“

Elin öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Joris hob nur kurz die Hand zum Abschied.

Cassian zeigte auf den nördlichen Ausgang. Hinter ihm lösten sich die Buchstaben auf Maras Plakette bereits wieder.

Lena Falk blieb als blasser Schatten sichtbar.

„Frau Falk“, sagte Cassian, „Sie kommen jetzt mit mir in den Prüfungsraum des Siegelamts.“