Der Prüfungsraum des Siegelamts hatte drei Türen und kein Schloss auf Maras Seite.
Sie prüfte das, bevor sie sich setzte.
Cassian bemerkte ihren Blick. „Sie können jederzeit gehen.“
„Und dann?“
„Dann vermerke ich, dass die administrative Prüfung nicht abgeschlossen wurde. Die Akademie entscheidet getrennt, ob Ihre Aufnahme bis zur Klärung ruht.“
„Freiwillig, solange ich bereit bin, den Preis des Gehens zu tragen.“
„Ja.“
Er sagte es ohne Beschönigung. Mara wusste noch nicht, ob sie das beruhigte.
Professorin Yara Brenn nahm am Ende des Tisches Platz. Sie trug kein Amtszeichen, nur einen schmalen schwarzen Streifen des Wortflügels. Vor ihr lagen leeres Papier und ein mechanischer Zeitgeber.
„Ich bin als Vertreterin der Akademie und unabhängige Protokollzeugin hier“, sagte sie. „Nicht als Ihre Rechtsberaterin. Wenn Sie eine solche wünschen, wird die Prüfung vertagt.“
Mara dachte an das im Kräuterbuch verblassende Wort Lena. „Ich bleibe.“
Cassian legte sein Amtssiegel sichtbar neben sich, ohne es zu aktivieren. „Das ist keine strafrechtliche Vernehmung. Es liegt keine Anklage vor. Wir prüfen eine Abweichung während einer öffentlichen Aufnahmezeremonie.“
„Und wenn die Abweichung Ihnen nicht gefällt?“
„Geschmack ist keine Rechtsgrundlage.“
Yara schrieb den Satz mit.
Zwischen ihnen stand ein milchiger Kristall in einer Messinghalterung. Er sollte auf ausgesprochene Namen und aktive Siegel reagieren. Cassian erklärte jede Funktion, bevor er ihn einschaltete. Der Kristall konnte Resonanz vergleichen, aber keine Gedanken lesen und keine Wahrheit erzwingen.
„Ihr Name?“, fragte er.
„Mara Falk.“
Im Kristall erschien eine blaue Welle.
„Alter?“
„Vierundzwanzig.“
„Herkunft?“
„Falkenried im Tannwald.“
Die Welle blieb ruhig.
Cassian zog die Kopie ihrer Plakette heran. Die zweite Zeile war darauf kaum sichtbar. „Wer ist Lena Falk?“
Mara spürte Hitze in der linken Hand. Sie legte sie flach auf ihr Knie, außerhalb der Sichtlinie des Kristalls.
„Ich kenne niemanden dieses Namens.“
Das äußere Silberzeichen zog sich schmerzlos zusammen. Keine Verbrennung, eher der Druck eines Rings, der plötzlich zu klein wurde.
Der Kristall zeigte eine zweite Welle.
Yara hob den Kopf.
Cassian beugte sich nicht vor. „Ihre Hand reagiert.“
„Sie haben gerade einen Namen gesagt, der auf meiner Plakette stand.“
„Das erklärt Ihre Aufmerksamkeit, aber nicht die beiden Familienresonanzen.“
„Vielleicht ist der Kristall beschädigt.“
„Möglich.“
Er ließ Yara den Kristall mit ihrem eigenen Namen testen. Eine schwarze Wortlinie erschien, einzeln und stabil. Danach nannte Cassian sich selbst. Silberne, schmale Schrift legte sich daneben.
„Nochmal“, sagte er und sah Mara an. „Mara Falk.“
Eine blaue Welle.
„Lena Falk.“
Die zweite Welle kam sofort, schwächer, aber mit demselben Rhythmus.
Mara hörte wieder das Flüstern aus dem Siegelhof. Es blieb unverständlich. Der Raum roch plötzlich nach getrockneter Sumpfminze, obwohl keine Pflanze auf dem Tisch lag.
„Kennen Sie den Namen?“, fragte Cassian.
„Nein.“
Der äußere Ring wurde heißer.
„Dann ist Ihre Reaktion keine Erinnerung?“
„Ich habe gesagt, was ich weiß.“
„Sie haben gesagt, dass Sie niemanden dieses Namens kennen.“
Die Unterscheidung traf genauer, als Mara wollte. Yara schrieb auch sie auf.
Cassian ließ den Kristall abschalten. „Ich werde Sie nicht zwingen, eine persönliche Beziehung zu erklären. Für die Sicherheitsprüfung muss ich jedoch festhalten, dass der Name eine zweite Falk-Resonanz auslöst.“
„Und was bedeutet das?“
„Dass die Anzeige nicht zufällig aus zwei beliebigen Wörtern bestand.“
Yara bat um eine zweite Kristallhalterung. Eine Archivgehilfin brachte sie versiegelt aus dem Nebenschrank. Mara prüfte das ungebrochene Wachs gemeinsam mit ihr. Der Ersatzkristall reagierte genauso: eine klare Welle bei Mara, eine schwächere bei Lena.
„Damit ist ein Fehler dieses einzelnen Steins weniger wahrscheinlich“, sagte Yara. „Nicht unmöglich. Nur weniger wahrscheinlich.“
Cassian ließ beide Ergebnisse getrennt nummerieren. Er fragte weder nach Lenas Aufenthaltsort noch nach privaten Familiengesprächen. Stattdessen wollte er wissen, wann Mara das äußere Zeichen erstmals gespürt hatte, ob es vor der Zeremonie sichtbar gewesen war und welche Sinneseindrücke während des Ausfalls verschwunden waren.
Mara antwortete wahrheitsgemäß, wo sie konnte. Kälte. Viele Stimmen. Für einen Moment die Bewegung ihrer Finger vergessen. Sie verschwieg nur, dass die Warnung aus der Wand wie Lena geklungen hatte.
Yara bemerkte die Lücke vielleicht. Sie fragte nicht danach. Die unabhängige Zeugin war kein zweiter Ermittler.
Mara schaute zur offenen Tür. Sie könnte gehen, ihr Zimmer verlieren und am nächsten Morgen wieder außerhalb der Mauern stehen. Lena hatte ihr keine Anleitung hinterlassen, nur Warnungen.
„Wer wusste vor heute, dass ein achtes Zeichen möglich ist?“, fragte sie.
Cassian schwieg einen Moment. „Die Frage gehört nicht in die Aufnahmeprüfung.“
„Aber in Ihre Befehle?“
Seine Miene veränderte sich kaum. Yaras Stift hielt an.
Mara hatte geraten. Das genügte.
Cassian schob ihr das Protokoll hin. Darin stand nicht, sie habe gelogen. Es stand: Die Studentin bestreitet persönliche Kenntnis; körperliche Resonanz tritt bei Namensnennung auf.
„Sie können ergänzen oder widersprechen.“
Mara schrieb: Die Bedeutung der Resonanz ist unklar.
Mit ihrer Unterschrift bestätigte sie nur den Erhalt; ein Schuldeingeständnis war das nicht.
Yara öffnete die Tür weiter. „Die Aufnahme bleibt vorläufig gültig. Bis morgen findet keine weitere Steinkontrolle statt.“
Mara verlangte eine Abschrift noch am selben Abend, und Yara bestätigte den Anspruch.
Mara stand auf.
Im selben Augenblick sprang der Kristall ohne Berührung erneut an. Zwei blaue Wellen liefen darin gegeneinander, trafen sich und formten für einen Herzschlag denselben offenen Silberkreis wie in Maras Hand.
Unter der Halterung erschien eine nüchterne Prüfzeile:
Zwei Angehörige der Linie Falk erkannt.
