Kapitel 2: Die Akademie über den Brücken

Mara trug den Satz des Schreibers durch drei Innenhöfe.

In Ihrer Familie hat es nie eine Lena Falk gegeben.

Er passte nicht zu der Tasse mit dem abgesprungenen Rand, die früher neben Maras Bett gestanden hatte. Nicht zu Lenas Mantel, den die Mutter nach dem dritten Winter verschenkt hatte, weil niemand mehr wusste, warum sie ihn aufbewahrte. Nicht zu dem Kräuterbuch in Maras Tasche, dessen Seiten nach Wacholderrauch und der Werkstatt ihres Vaters rochen.

Ein älterer Student mit einem grünen Band am Ärmel führte die Neuaufgenommenen über die erste der oberen Brücken. Unter ihnen lag Veyra in sieben Ebenen. Wagen bewegten sich wie dunkle Käfer durch die unteren Straßen. Zwischen den Brücken schwebten runde Siegellichter und zeigten Windrichtung, Tageszeit und den aktuellen Zustand des Kronenwalls.

„Wer Höhen nicht verträgt, blickt auf die schwarze Linie im Stein“, sagte der Student. „Nicht nach unten. Die Akademie ersetzt keine verlorenen Mägen.“

Einige lachten. Mara nicht.

Der Weg endete auf einem Platz, der von sieben Flügeln umgeben war. Über jedem Eingang hing ein Zeichen: Flamme, Berg, Welle, Feder, Schleier, offene Seite, Krone. Studenten mit verschiedenfarbigen Bändern sammelten sich darunter. Niemand wirkte wie ein Kind, das zum ersten Mal aus dem Elternhaus geschickt worden war. Eine Frau mit silbernen Haaren diskutierte über Schichtpläne. Ein Mann in der Kleidung eines Müllers hielt ein schlafendes Kleinkind, bis sein Partner es ihm abnahm.

„Die Akademie bildet Erwachsene aus“, erklärte der Führer. „Sie verwaltet keine Erziehung. Ihre Verträge, Familienpflichten und bisherigen Berufe verschwinden nicht mit der Aufnahme.“

Mara sah zum Wortflügel. Lena hatte in ihren Briefen von hohen Fenstern und einem Lesesaal geschrieben, in dem Staub selbst im Sommer nach Schnee roch. Das Gebäude vor Mara hatte genau solche Fenster.

„Flut-Bewerber nach links“, rief eine Prüferin.

Mara zwang sich, dem blauen Band zu folgen.

Die Flutbewertung fand in einem niedrigen Saal statt. Auf langen Tischen standen Schalen mit Wasser, Tonkrüge und Bündel getrockneter Pflanzen. Die Aufgabe war nicht, spektakulär zu heilen. Jeder Bewerber sollte drei Verunreinigungen erkennen, das Wasser stabilisieren und erklären, was die eigene Kraft nicht leisten konnte.

Mara bekam eine Schale mit bitterem Geruch.

„Eisen“, sagte sie.

Die Prüferin hob eine Braue. „Ohne Siegel?“

„Man kann es riechen.“

Mara tauchte zwei Finger ein. Das Wasser zeigte ihr Temperatur, Salz und einen schwachen lebendigen Film. Sie ließ Flut durch die offene Mondsichel in ihrer Hand fließen. Die Oberfläche spannte sich. Dunkle Partikel sammelten sich am Rand.

„Algen, Eisen und etwas Harzartiges“, sagte sie. „Ich kann die Algen lösen und einen Teil des Eisens binden. Für den Rest braucht es Filterstein. Wer es jetzt trinkt, bekommt von meinem Siegel höchstens schöner beleuchtete Bauchschmerzen.“

Die Frau schrieb etwas auf und schob ihr eine zweite Schale hin.

Mara bestand alle drei Aufgaben. Danach musste sie an einer Trennwand warten, während die Prüfer ihre Ergebnisse in die Aufnahmezeichen übertrugen.

Auf der gegenüberliegenden Seite hing eine lange Willkommenstafel. Die Namen der Neuaufgenommenen erschienen nach Zeichen geordnet. Mara suchte unter Flut.

Bell, Joris – Stein.

Sorel, Elin – Krone.

Falk, Mara – Flut.

Links neben ihrem Namen verlief eine schmale helle Kerbe.

Mara trat näher. Sie sah aus wie eine Stelle, an der jemand mit einem Messer über das Holz gefahren war. Unter dem neuen Silber schimmerte eine ältere Grundierung. Vier, vielleicht fünf Buchstaben hatten dort gestanden.

„Nicht berühren“, sagte der grün bebänderte Student.

Mara nahm die Hand zurück. „Wer stand vor mir?“

„Die Tafel wird jedes Jahr abgeschliffen.“

„Nur diese Stelle ist tiefer.“

„Dann war der Tischler gründlich.“

Er wandte sich ab, bevor sie weiterfragen konnte.

Mara öffnete unauffällig das Kräuterbuch. Lenas Name war noch da. Die Tinte hatte sich jedoch erneut aufgehellt.

Eine Frau im dunkelroten Mantel trat zwischen die wartenden Studenten. Ihr Kronenzeichen bestand aus drei sauberen Linien. „Elin Sorel“, stellte sie sich vor, ohne Mara die Hand zu reichen. „Sie blockieren die Liste.“

Mara ging einen Schritt zur Seite.

Elin fand ihren Namen, prüfte den Zusatz und nickte knapp. „Zimmer einundvierzig.“

„Meins auch.“

Zum ersten Mal wirkte Elin weniger zufrieden. „Dann sollten Sie lernen, dass man in Veyra öffentliche Zeichen nicht anstarrt, als hätten sie einem etwas gestohlen.“

„Und Sie sollten lernen, dass Dinge auch dann gestohlen sein können, wenn sie öffentlich hängen.“

Elins Blick fiel auf das Kräuterbuch. „Ist das eine Drohung?“

„Eine Beobachtung.“

Die Prüferin rief Mara zurück. Sie erhielt ein blaues Band, einen Messingschlüssel und einen Stundenplan. Auf dem Aufnahmebogen stand Flut, Grundstufe II. Unter besondere Beobachtung blieb das Feld leer.

Mara hätte erleichtert sein sollen.

Stattdessen wartete sie, bis die anderen den Saal verlassen hatten. Die Willkommenstafel summte leise im Abendlicht. Sie hielt das Kräuterbuch dicht an die Kerbe, ohne sie zu berühren.

Im Holz lagen ältere Wachsschichten wie Jahresringe. Mara kannte solche Übermalungen von Arzneischränken: Wer ein Etikett nur abkratzte, hinterließ am Rand immer Reste. Hier war sogar der Rand entfernt worden. Jemand hatte nicht Platz für einen neuen Namen schaffen wollen. Jemand hatte verhindern wollen, dass ein alter noch gelesen werden konnte.

Der silberne Ring in ihrer Handfläche wurde kalt.

Für einen Herzschlag glitt Maras eigener Name eine Zeile nach rechts. Unter ihm erschien keine Schrift, nur eine dunklere Vertiefung im Holz.

Etwas war dort vollständig herausgeschnitten worden.

Und die Kerbe war genau lang genug für Lena Falk.