Die zweite Nachricht kam eine Minute später.
Keine Polizei. Keine Bank. Am Montag wird eine Zahlung fällig. Wenn ihr zu früh handelt, verliert ihr beide mehr, als ihr euch vorstellen könnt.
Eva las den Text auf Noras Telefon und danach auf ihrem eigenen. Derselbe Absender. Daniels normale Nummer.
„Er droht uns“, sagte sie.
„Oder er warnt uns.“
„Das ist dasselbe, wenn er nicht erklärt, wovor.“
Nora ging im Arbeitszimmer auf und ab. „Vielleicht hat jemand sein Telefon.“
„Die erste Nachricht war auf diesem Gerät geplant. Die zweite kann ebenfalls vorbereitet sein.“
„Kann. Sie wissen es nicht.“
„Sie auch nicht.“
Der Streit war klein, aber er trug alles in sich, was zwischen ihnen stand. Für Eva klang Noras Widerspruch wie der Versuch, Daniel weiter in Gefahr zu sehen; die andere Möglichkeit wollte Nora offenbar noch nicht aussprechen. Eva wollte ihn als handelnden Täter sehen, weil sie sonst weiter auf eine Erklärung warten musste.
Keine von beiden hatte genug Beweise.
Eva steckte ihr Telefon ein. „Ich fahre nach Hause.“
„Einfach so?“
„Ich sehe nach, was fehlt.“
„Und ich?“
Eva blickte auf den braunen Ordner mit ihren Ausweiskopien. „Sie tun hier dasselbe.“
„Wir sollten zusammenbleiben.“
Der Satz kam zu schnell. Nora schien selbst überrascht.
Eva dachte an die zwei Teller in der Küche, Daniels Schuhe im Flur und das Foto vom See. Sie konnte nicht in diesem Haus bleiben. Noch nicht.
„Fotografieren Sie alles, bevor Sie etwas bewegen. Schreiben Sie auf, wann Sie es gefunden haben. Rufen Sie mich an, wenn noch eine Nachricht kommt.“
Nora verschränkte die Arme. „Sie geben mir Anweisungen.“
„Ich sage Ihnen, was ich tun werde.“
„Das klang anders.“
Eva nahm den Bankbrief vom Küchentisch. „Dann hören Sie genauer hin.“
Sie bereute den Satz, sobald sie ihn ausgesprochen hatte. Nicht genug, um sich zu entschuldigen.
Draußen war es dunkel geworden. Der Regen hatte aufgehört, doch die Straße glänzte unter den Laternen. Eva setzte sich ins Auto und verriegelte die Türen.
Ihre Hände lagen auf dem Lenkrad.
Achtzehn Jahre.
Sechs Jahre.
Montag.
Sie rief Daniel erneut an. Diesmal klingelte es einmal, dann sprang die Mailbox an.
„Daniel“, sagte Eva. Ihre Stimme war ruhig. „Ich war im Lindenweg. Ich habe Nora Brandt kennengelernt. Wenn du in Gefahr bist, sag der Polizei, wo du bist. Wenn du nicht in Gefahr bist, komm nach Hause und erkläre die Dokumente. Ich werde keine Zahlung leisten und nichts unterschreiben.“
Sie beendete den Anruf.
Erst auf der Autobahn merkte sie, dass sie nicht gefragt hatte, ob er Nora liebte.
Zu Hause brannte kein Licht.
Eva schloss die Haustür auf und blieb im Flur stehen. Daniels Mantel hing nicht mehr am Haken; sie hatte ihn im Auto gelassen. Die leere Stelle wirkte wie ein Beweisstück.
Sie nahm einen Block aus der Küchenschublade.
18:58 – Wohnung betreten.
Der Eintrag kam ihr lächerlich vor. Dann dachte sie an die Ausweiskopien und schrieb weiter.
Daniel besaß einen Kleiderschrank im Schlafzimmer, zwei Schubladen im Bad, einen Schreibtisch im Arbeitszimmer. Eva begann mit dem Schrank.
Auf den ersten Blick fehlte wenig. Zwei Hemden. Unterwäsche. Der dunkelblaue Pullover, den er auf Reisen trug. Nicht die Menge, die jemand in Panik packte. Die Auswahl eines Menschen, der unauffällig verschwinden wollte.
Seine Laufschuhe waren weg. Der kleine Kulturbeutel ebenfalls.
Der große Koffer stand im Keller.
Im Bad fehlten Rasierer und Medikamente gegen Sodbrennen. Die elektrische Zahnbürste war noch da, aber der Ersatzaufsatz nicht.
Eva schrieb alles auf.
Im Arbeitszimmer war die Lücke deutlicher.
Daniels Laptop fehlte. Ebenso die rote Dokumentenmappe, die sonst im unteren Regalfach lag. Der Drucker war ausgeschaltet. Auf dem Tisch stand eine Tasse mit einem eingetrockneten Kaffeerand.
Eva öffnete die Schublade, in der sie ihre Steuerunterlagen aufbewahrten. Die Mappen lagen ordentlich nebeneinander. Einkommensteuer. Versicherungen. Haus. Ehe.
Die Mappe Ehe war leichter als sonst.
Ihre originale Eheurkunde befand sich noch darin. Die beglaubigten Kopien fehlten.
Eva setzte sich auf Daniels Stuhl.
Er hatte Kopien ihrer Ausweise im anderen Haus aufbewahrt. Hier hatte er Kopien der Eheurkunde mitgenommen. Keine zufälligen Dinge. Identität, Beziehung, Unterschriften.
Sie fotografierte die Mappe.
Dann öffnete sie das kleine Fach im Schlafzimmerschrank, in dem Daniel seine Reisedokumente lagerte.
Sein Reisepass lag darin.
Eva nahm ihn heraus. Gültig bis 2029. Kein Mensch, der überstürzt ins Ausland fliehen wollte, ließ seinen Pass zurück. Andererseits brauchte man ihn für Reisen innerhalb vieler europäischer Länder nicht immer. Daniel wusste das.
Unter dem Pass lag ein zweites Telefonladegerät.
Kein Telefon.
Um 20:17 Uhr rief Nora an.
Eva ließ es zweimal klingeln, bevor sie annahm.
„Was fehlt bei Ihnen?“, fragte Nora ohne Begrüßung.
Eva las ihre Liste vor.
Nora schwieg danach. „Bei mir fehlen drei Hemden, seine Wanderschuhe und der graue Rucksack. Seine Zahnbürste steht noch hier.“
„Er hat an beiden Orten nur einen Teil genommen.“
„Als wollte er, dass es nicht sofort auffällt.“
„Ja.“
Im Hintergrund hörte Eva Papier rascheln.
„Ich habe noch etwas gefunden“, sagte Nora. „Eine Kopie meines Hauskredits. Daniel hat eine Seite markiert.“
„Welche?“
„Persönliche Sicherheiten. Aber die Anlage dazu fehlt.“
Eva sah auf den Bankbrief in ihrer Hand. Persönlich. Vertraulich.
„Schicken Sie mir ein Foto.“
„Mache ich.“
„Und Nora?“
„Ja?“
Eva musste sich zwingen, den nächsten Satz auszusprechen.
„Rufen Sie heute niemanden bei Keller Wohnbau an. Nicht bevor wir wissen, wer die Ausweiskopien angefertigt hat.“
„Sie meinen Helene.“
„Ich meine jeden.“
Nach dem Gespräch ging Eva in die Küche. Sie stellte den Reisepass in einen Gefrierbeutel, nicht weil sie glaubte, eine Ermittlerin zu sein, sondern weil sie Daniel nicht länger dabei helfen wollte, Spuren in Alltagsgegenstände zu verwandeln.
Auf dem Tisch vibrierte ihr Telefon.
Noras Foto erschien.
Unter der fehlenden Anlage stand eine Nummer.
Eva legte das Bild neben ihre Aufnahme aus Daniels Notizbuch.
Die Nummern waren identisch.
