Kapitel 89: Der Riss im Amt

Cassian reichte seine Rechtsmeinung um neun Uhr ein.

Um neun Uhr zwölf verlor er den Zugriff auf die Kandidatenakten.

Die rote Linie seines Amtssiegels schloss sich zu einem vollständigen Ring. Auf der Tafel stand: Hauptuntersuchungsbefugnis bis zur disziplinarischen und sicherheitsrechtlichen Prüfung ausgesetzt.

Er blieb Siegelrichter. Der Titel verschwand nicht. Er durfte gewöhnliche Aussagen aufnehmen, öffentliche Akten lesen und als Bürger Anträge stellen. Er durfte keine königlichen Namensfälle öffnen, keine Überwachung ändern und keine Kandidatenprüfung anordnen.

Sein privater Kontakt zu Mara war nicht automatisch Teil des Amtes. Sie war eine erwachsene Studentin, und er war nie ihr Lehrer gewesen. Severin konnte Cassian aus einem Verfahren entfernen, aber nicht über jede Begegnung verfügen.

Severin hatte ihm nicht jedes Werkzeug genommen.

Er hatte die Werkzeuge genommen, mit denen Cassian den gleichen Fall weiterverfolgen konnte.

Die Rechtsmeinung bestand aus vier Teilen. Erstens fehlte Elias’ unterzeichnete Zustimmung. Zweitens zeigten die Sorel-Akten ein Muster nachträglicher Bestätigungen. Drittens war Mira Albrechts schriftliche Ablehnung erhalten, während ihr Name aus den Listen verschwand. Viertens hatte Mara jeder langfristigen Bindung widersprochen.

Cassian verlangte keine Abschaffung des Kronenwalls durch juristischen Satz. Er verlangte die Aussetzung weiterer Namensverbindungen, bis unabhängige Einwilligung und Alternativen geprüft waren.

Er fügte eine enge Notfallausnahme hinzu: Bei einem konkret belegten unmittelbaren Mauerbruch sollte ein öffentliches Gremium begrenzte, widerrufliche Maßnahmen prüfen. Auch dann durfte eine erzwungene Verbindung nicht als freiwillig bezeichnet werden.

Severins Ablehnung behauptete, Cassian sei durch persönliche Familieninteressen befangen.

Das war teilweise wahr. Elias war sein Bruder. Gerade deshalb hatte Cassian unabhängige Zeugen eingesetzt.

Er schrieb keinen wütenden Gegenbrief. Er veröffentlichte die Rechtsmeinung im zulässigen Verfahrensregister, mit geschwärzten privaten Details und den beglaubigten Feststellungen der Zeugen. Dann meldete er seine neue Befugnisgrenze an Mara, Yara, Elin und Joris.

Mara traf ihn auf der oberen Brücke. „Können Sie noch an die Befehle zur Löschliste kommen?“

„Nur wenn sie öffentlich zugestellt oder mir als Betroffenem gesendet werden.“

„Dann endet unsere Informationsregel nicht. Sie wird enger.“

„Ja.“

„Und Sie sagen mir, wenn etwas nur Vermutung ist.“

„Elias’ Fall zeigt eine fehlende Unterschrift und eine hörbare Ablehnung. Dass Severin das Gleiche mit Mira plant, ist eine begründete Vermutung, noch kein vollständiger Beweis.“

Mara nickte. Die genaue Sprache hielt ihre Zusammenarbeit auf gleicher Höhe.

Sie versuchte nicht, sein Amt zu retten. Er war dankbar und zugleich beschämt darüber, wie sehr ein Teil von ihm erwartet hatte, gebraucht zu werden.

Yara bot ihm einen Platz in ihrem Papierarchiv an. Nicht als Ermittler, sondern als gewöhnlichen Zeugen. Dort durfte er Abschriften ordnen, die ihre Besitzer freiwillig eingereicht hatten.

„Sie werden keine geheimen Fälle öffnen“, sagte sie.

„Verstanden.“

„Und Sie geben keine Anweisungen an Studierende.“

„Auch verstanden.“

Cassian setzte sich an einen Tisch, an dem sonst Erstsemester alte Buchstaben übten. Vor ihm lag Miras Zettel in einer Hülle. Er durfte die Schrift sehen, weil sie Teil der öffentlichen Prüfungsbeschwerde war.

Mira Albrecht.

Ich habe keiner langfristigen Bindung zugestimmt.

Der Satz ähnelte Elias’ Tonspur. Zwei Menschen, zwölf Jahre auseinander. Ein System, das ihre Ablehnung in verschiedene leere Felder verwandelte.

Am Nachmittag erschien Seraphines begrenzter Prüfauftrag. Sie wollte zehn historische Fälle kontrollieren lassen, ausgewählt vom Namensamt.

„Severin wählt die Fälle, die seine Praxis prüfen sollen“, sagte Cassian.

Yara nickte. „Dann beantragen wir eine zufällige Auswahl und Betroffenenvertretung.“

„Wir?“

„Sie sind noch Bürger, Herr Dorn.“

Das Wort traf anders als der Amtstitel. Nicht kleiner. Nur ohne die Tür, durch die er bisher gewohnt war zu gehen.

Er dachte an Menschen ohne Amt, die das Verfahren längst getragen hatten: Yara mit Papierkarten, Joris mit Namen im Schutzband, Mara mit einem Kräuterbuch. Recht auf Widerspruch gehörte nicht nur Siegelträgern.

Gemeinsam stellten sie den Antrag, jeder mit eigener Rolle. Yara als Archivarin. Die Ratsprüferin als unabhängige Zeugin. Cassian als betroffener Familienangehöriger, dessen Verwandtschaft das öffentliche Register bestritt.

Severin konnte den Antrag ablehnen. Er konnte nicht verhindern, dass die Ablehnung sichtbar wurde.

Kurz vor Abend löste Cassian das Amtssiegel von seinem Mantel. Er legte es nicht ab. Er trug es in einer Hülle, auf der die gesperrten Befugnisse standen.

Im Unterarchiv wartete Elias vielleicht auf eine Antwort. Der dritte Schlüssel konnte eine kurze Hörverbindung schaffen, wenn Elias zustimmte.

Cassian bat Mara nicht, den Schlüssel sofort zu öffnen. Er schrieb zuerst eine Frage. Wenn Elias schwieg, blieb die Verbindung geschlossen.

Cassian schrieb eine Anfrage, keine Vorladung:

Möchtest du die Feststellung über deine fehlende Zustimmung hören?

Das Papier verschwand in Yaras Schlüsselkammer.

Eine Stunde später kam es zurück.

Darunter stand in der Schrift eines Mannes, den Cassian zwölf Jahre nicht hatte erinnern dürfen:

Ich höre zu. Ich vergebe noch nichts.