Kapitel 85: Der Preis des Zurückgebens

Mara konnte Lenas Gesicht nicht zeichnen.

Yara legte ihr ein leeres Blatt hin, nachdem Mara selbst darum gebeten hatte. Sie begann mit der Form des Kinns. Dann blieb die Kohle stehen. Waren Lenas Augen grau wie der Morgen über Tannwald oder grün wie nasse Blätter? Hatte die kleine Narbe an der Braue links oder rechts gelegen?

Mara wusste, dass Lena lebte.

Sie wusste, dass sie sie suchte.

Sie wusste, dass Lena nicht gegen eine Erinnerung eingetauscht werden wollte.

Das Gesicht blieb eine helle Fläche.

„Der dritte Schlüssel hat eine falsche Zuordnung gelöst“, sagte Yara. „Der Preis hat offenbar auch Ihre stärkste private Zuordnung gelockert.“

„Wie lange?“

„Das kann ich nicht versprechen.“

Mara zerknüllte das Papier nicht. Sie schrieb Datum und Zustand darauf. Dann legte sie es zu den anderen Verlustprotokollen: fehlender Kräutergeruch, fehlende Stimme, nun das Gesicht.

Der Kräutergeruch war nach Ruhe zurückgekehrt. Die Stimme fehlte noch. Das Gesicht war der stärkste Verlust. Yara hielt die drei Zustände getrennt fest.

Cassian brachte das Kräuterbuch in einer versiegelten Hülle. Er hatte es nicht geöffnet, seit Mara die Bibliothek verlassen hatte. Elin bestätigte die Kette.

„Sie haben mich gebeten, es zu verwenden, falls der Index Ihre Entscheidung angreift“, sagte Cassian. „Möchten Sie es jetzt selbst öffnen?“

Mara nickte.

Auf der ersten Seite stand Lenas Name, dunkel und stabil. Darunter ein Fleck, den Mara mit zwölf verursacht hatte, als sie Beerensaft über die Rechnung für Huflattich goss. Die Erinnerung an den Streit kam vollständig: Lena hatte geschimpft, dann gelacht, weil der Fleck wie ein Hase aussah.

Das Gesicht im Bild der Erinnerung blieb unscharf.

Cassian setzte sich auf die andere Seite des Tisches. Er beschrieb Lena nicht sofort. Eine fremde Beschreibung konnte sich an die Stelle des verlorenen Bildes setzen.

„Was bezeugen Sie?“, fragte Mara.

„Dass ich im Unterarchiv eine Frau gesehen habe, die sich als Lena Falk zu erkennen gab. Sie trug eine graue Schleierkleidung, hatte Tannwald-Kräuter bei sich und einen silbernen Ring in entgegengesetzter Richtung zu Ihrem.“

„Welche Augenfarbe?“

„Ich werde sie nur nennen, wenn Sie ausdrücklich eine äußere Beschreibung möchten.“

Mara wartete. Sie roch die trockenen Seiten, den Lederfaden und einen Rest Beerensaft, der nach zwölf Jahren nur noch süßes Papier war.

„Noch nicht.“

Sie las Lenas Rezepte laut. Nicht um das Gesicht zu erzwingen, sondern um die Beziehung in Handlungen zu halten. Lena schrieb Mengen zu knapp. Sie verwendete Pfeile statt ganzer Sätze. Sie hatte Mara an drei Stellen widersprochen und an einer heimlich recht gegeben.

Mara erinnerte sich, wie Lena die Feder schräg hielt. Ihre Finger erschienen, dann die kleine Narbe am Daumen vom Schnitzen. Eine Schwester bestand nicht nur aus einem Gesicht.

Nach einer Stunde erinnerte Mara sich an eine Bewegung: Lena schob beim Nachdenken die Unterlippe vor. Kein vollständiges Gesicht. Nur eine Geste.

Yara ordnete Ruhe an. Der Schlüssel blieb versiegelt. Niemand durfte eine weitere Rückgabe versuchen, bis Maras Wahrnehmung stabil war.

Am Nachmittag kamen Elin und Joris. Joris erzählte eine Erinnerung, die er selbst mit Lena nie erlebt hatte: die erste Begegnung im Unterarchiv. Er sagte genau dazu, was er gesehen und was Mara ihm später erklärt hatte.

Elin brachte die Zimmerwandzeichnung L.F. als beglaubigte Abschrift. „Das ist kein Gesicht“, sagte sie. „Aber es ist eine Stelle, an der sie gelebt hat.“

Mara nahm beides an.

Sie schlief zwei Stunden ohne die örtliche Überwachungsleitung. Als sie aufwachte, war der königliche Faden noch da, aber das fremde Lied schwieg.

Die Worttafeln zeigten keine neue Entnahme. Das bewies nicht, dass der Hauptkanal harmlos war, nur dass in diesen zwei Stunden keine messbare Erinnerungslinie den Raum verlassen hatte.

Im Spiegel erschien hinter ihrem eigenen Gesicht eine Kontur. Dunkles Haar. Eine schmale Narbe. Mara wusste noch nicht, ob die Narbe links lag. Sie schrieb keine Gewissheit, wo nur ein Echo war.

Cassian wartete im Korridor. Er hatte den geheimen Fall E.D.-12-W nicht geöffnet. Stattdessen hatte er einen Antrag auf unabhängige Zeugen gestellt.

„Warum sind Sie geblieben?“, fragte Mara.

„Weil Sie darum gebeten haben, nicht allein aufzuwachen.“

Keine Rettung. Eine erfüllte Bitte.

Mara öffnete das Kräuterbuch ein letztes Mal. Zwischen zwei Rezepten erschien eine verblasste Zeichnung, die Lena von sich und Mara am Bach gemacht hatte. Zwei grobe Köpfe, vier Striche für Arme, darüber ihre Namen.

Das Bild war kindlich und falsch proportioniert.

In Maras Erinnerung bekam Lena Augen.

Grau, dachte Mara zuerst. Im Tannwaldlicht waren sie manchmal grün gewesen. Sie schrieb beide Eindrücke auf, statt einen zum einzig richtigen zu erklären.

Das Gesicht kehrte nicht auf einmal zurück. Es kam in freiwillig bezeugten Einzelheiten, die niemand für sie zu einem bequemeren Ganzen zusammensetzte.