Cassian war siebzehn, als Elias die Geige gegen die Wand stellte.
Die Erinnerung traf ihn nicht wie ein Bild. Zuerst kam Kälte. Schnee schmolz an seinen Stiefeln, und im Flur des Elternhauses roch es nach nasser Wolle. Elias stand am Fenster, vierundzwanzig, bereits in der grauen Kleidung eines königlichen Anwärters.
„Du hast Mutter nichts gesagt“, hörte Cassian sich sagen.
„Weil sie mich umstimmen würde.“
„Vielleicht sollte sie das.“
Der erwachsene Cassian wusste, dass er in der Erinnerungsbibliothek stand. Er fühlte den Rand seines Amtssiegels an der Brust, hörte Yaras Stimme aus weiter Ferne. Trotzdem konnte er die Szene nicht verlassen.
Die dritte Prüfung sollte nur Kandidaten erfassen. Als Maras Widerspruch den Index geöffnet hatte, war eine Welle unzugeordneter Erinnerungen durch den Aufsichtsring gegangen. Cassian hatte seine Hand auf das Wortglas gelegt, um die Abschaltung zu bestätigen.
Nun stand er im Winter vor zwölf Jahren.
Elias nahm die Geige wieder auf. „Es ist ein Dienstjahr.“
„Du hasst die Krone.“
„Ich hasse Menschen, die so tun, als wäre sie dasselbe wie das Reich.“
Cassian erinnerte sich an diesen Satz nicht. Er erinnerte sich überhaupt nicht an den Streit. Die Worte fühlten sich echt an, aber ein Erinnerungsfeld konnte Lücken ordnen, bis sie wie Wahrheit klangen. Er brauchte Einzelheiten, die sich später prüfen ließen.
Auf dem Tisch lag ein roter Schal mit einer reparierten Ecke. An Elias’ linker Hand fehlte ein Knopf am Ärmel. Die Standuhr zeigte sieben Minuten nach neun.
Cassian sagte die Details laut. Irgendwo außerhalb schrieb Yara sie auf.
„Wem hast du zugestimmt?“, fragte der jüngere Cassian.
Elias drehte sich um. In seinem Gesicht lag keine ruhige Opferbereitschaft. Er war wütend.
„Niemandem.“
Das Wort erreichte Cassian nicht vollständig.
Elias hielt ein Formular, an der unteren Ecke eingerissen. Cassian erkannte die Krone des damaligen Ministeriums, aber keine Unterschrift. Jemand klopfte an die Haustür.
Der siebzehnjährige Cassian öffnete.
Draußen standen zwei weiße Mäntel.
Ein goldenes Siegel legte sich über Elias’ Mund. Es trug Severins früheres Amtszeichen, kleiner als das heutige und von einem Ring aus Wortlinien umgeben.
Die Erinnerung sprang.
Cassian stand plötzlich vor einem Gerichtsraum. Er hielt ein Zeugenblatt in der Hand. Oben stand kein Name, nur Subjekt E. D. Ein Beamter fragte ihn, ob sein Bruder freiwillig gegangen sei.
Der siebzehnjährige Cassian suchte nach Elias’ Gesicht.
Er fand keines.
„Ich habe keinen Bruder“, sagte er.
Der Beamte setzte einen Haken. Neben Cassians Zeugenaussage lag ein Zustimmungsfeld mit unlesbarer Schrift. Cassian hatte damals nicht gefragt, warum Elias nur als Initialen erschien.
Der erwachsene Cassian versuchte, den Satz zurückzunehmen. Das Feld ließ ihn nicht. Erinnerung war kein Verfahren, das man durch eine spätere richtige Aussage ungeschehen machte.
Die goldene Linie schnitt durch die Szene.
Etwas verschwand: nicht Elias selbst, sondern der letzte Satz vor seiner Abreise. Cassian sah den Mund seines Bruders, hörte aber nur das Ticken der Uhr.
Sieben Minuten nach neun.
Dann riss Yara seine Hand vom Wortglas.
Cassian fiel nicht zu Boden. Er setzte sich, bevor seine Knie nachgaben. Mara stand einige Schritte entfernt und blieb dort, bis er sie ansah.
Die Worttechnikerin prüfte seine Orientierung. Cassian nannte Ort, Jahr und seinen heutigen Namen. Für einige Sekunden verwechselte er die Farbe von Yaras Mantel. Wasser und Ruhe brachten die Farbwahrnehmung zurück.
„Was ist passiert?“, fragte sie.
„Ich habe eine Erinnerung gesehen.“
„Ihre?“
„Teilweise.“
Er erzählte nicht sofort jede Emotion. Er nannte prüfbare Details: Haus, Datum nach der Schneeperiode, roter Schal, fehlender Knopf, Uhrzeit, Zeugenblatt. Yara schrieb sie getrennt von seiner Deutung auf.
Der Schal konnte noch im Nachlass liegen. Eine alte Reparaturrechnung konnte die beschädigte Uhr belegen. Cassian erlaubte nur die Suche nach diesen Gegenständen, nicht die Öffnung sämtlicher Familienakten.
„Hat Elias zugestimmt?“, fragte Mara.
Cassian dachte an den goldenen Schnitt über dem Mund. „Die Erinnerung endet an der Frage.“
Fast hätte er Nein gesagt. Er wollte es glauben. Doch der entscheidende Satz war noch immer abgeschnitten.
Die Bibliothekarin erklärte, ein königlicher Sperrindex habe den Aufsichtsring erfasst. Der Ursprung lag nicht in Maras achter Resonanz. Das Siegel war zwölf Jahre alt.
Severins Vertreter verlangte die alleinige königliche Versiegelung. Cassian bestand auf einer zweiten Kopie für Yara und einen unabhängigen Ratszeugen. Die Erinnerung durfte nicht wieder in dem Archiv verschwinden, das sie geschnitten hatte.
Cassian legte sein Amtssiegel auf den Tisch. Die beiden Zeichen reagierten aufeinander.
Unter dem roten Disziplinarrand erschien eine Fallnummer.
E.D.-12-W.
Der geheime Fall hatte die ganze Zeit in seinem eigenen Siegel gelegen.
