Kapitel 81: Die dritte Prüfung

Die Erinnerungsbibliothek lag über dem öffentlichen Lesesaal und unter dem königlichen Archiv.

Mara hatte den schmalen Zwischenbau schon oft von der Brücke aus gesehen. Seine Fenster spiegelten nie den Himmel, sondern Räume, die hinter dem Betrachter lagen. Am Prüfungstag standen sechs Kandidaten vor einer Tür aus dunklem Wortglas.

Joris trug weiterhin sieben Namen im Schutzband. Mira Albrecht war nicht auf der offiziellen Teilnehmerliste.

Eine Bibliothekarin erklärte die Aufgabe. Jeder Kandidat werde in einem begrenzten Erinnerungsfeld mit mehreren Lebensfragmenten konfrontiert. Nur eines gehöre vollständig zur eigenen Person. Wer es erkenne und zum richtigen Index bringe, bestehe.

Jeder durfte abbrechen. Ein Abbruch kostete den Rundenpunkt, aber nicht den Studienplatz. Mara ließ sich zusätzlich bestätigen, dass nach der Prüfung kein Fragment als persönliches Eigentum übertragen werden sollte.

„Was geschieht mit den fremden Fragmenten?“, fragte Mara.

„Sie werden nach Abschluss zurücksortiert.“

„Von wem?“

Die Bibliothekarin deutete auf den Kern im Zentrum des Raumes. „Automatisch.“

Yara saß unter den unabhängigen Beobachtern. Cassian beaufsichtigte den Ablauf, durfte aber keine Hinweise geben. Sein Amtssiegel trug noch den roten Rand der technischen Sperre.

Die Kandidaten betraten getrennte Kabinette. Maras Raum enthielt nur einen Stuhl und sieben schwebende Glasblätter. Als die Tür sich schloss, füllte Waldgeruch die Luft.

Eine Bodenlinie trennte ihre Resonanz vom Bibliothekskern. Mara spürte mit dem Flutzeichen sechs fremde Lebensrhythmen hinter den Wänden. Die anderen Kandidaten waren ansprechbar. Erst dann begann sie.

Auf dem ersten Blatt sah sie einen Bach im Tannwald. Ein Mädchen kniete am Ufer und band Silberblatt zu kleinen Bündeln. Mara spürte Freude, so warm und vertraut, dass sie sofort die Hand ausstreckte.

Der achte Ring zog sich zusammen.

Nicht ihre Erinnerung.

Lena hatte an diesem Bach gesammelt. Mara wusste es aus dem Kräuterbuch, aber sie hatte die Szene nie so erlebt. Das Fragment bot ihr die verlorene Stimme der Schwester an: ein leises Lied, rau an den hohen Tönen.

Mara zog die Hand zurück.

Das zweite Blatt zeigte einen steinernen Hof, in dem ein Junge eine Geige reparierte. Das dritte enthielt den Stolz einer Frau, die zum ersten Mal eine Krone aus sieben Resonanzen ordnete. Das vierte war fast leer. Nur Wind strich durch ein ungemachtes Bett.

„Mira“, sagte Mara.

Das Blatt antwortete mit einem erstickten Atemzug.

Eine Hand schob einen Zettel unter das leere Bett. Der Gedanke darin lautete: Wenn ich meinen Namen selbst schreibe, kann er nicht behaupten, ich sei nie hier gewesen. Mara nannte den Satz laut, damit seine fremde Herkunft im Prüfprotokoll blieb.

Die Aufgabe verlangte, dass sie das eigene Fragment fand. Der achte Ring ließ sie zugleich die abgeschnittenen Verbindungen der anderen hören. Stimmen legten sich übereinander: Elias, Mira, Lena und Menschen, deren Namen Mara nicht kannte.

Sie presste die Füße auf den Boden. Ihr Flutzeichen konnte Lebenszustände wahrnehmen, nicht Eigentum an Erinnerungen bestimmen. Sie suchte nicht nach dem stärksten Gefühl, sondern nach einer Einzelheit, die niemand aus dem Kräuterbuch oder den Akten übernommen haben konnte.

Im fünften Blatt hielt eine Hand einen Becher mit gerissener Kante. Der Vater sagte etwas in seinem Tannwald-Akzent. Mara konnte die Worte nicht verstehen.

Im sechsten stand sie vor dem Eingang der Akademie. Ein zweiter Name verblasste.

Im siebten roch es nach warmem Harz und verbrannter Minze.

Der Prüfungskern sprach ohne Stimme: Wähle.

Mara ging an allen sieben Blättern vorbei. Hinter ihnen erschien ein schmaler Indexgang, den die anderen Kandidaten offenbar nicht sehen sollten. Dort lagen hunderte Fragmente in Fächern mit falschen oder fehlenden Namen.

„Das gehört nicht zur Aufgabe“, sagte die Bibliothekarin über den Sprechstein.

„Es gehört zu den Erinnerungen.“

„Kehren Sie in das Feld zurück.“

Mara hörte einen Namen aus dem Gang. Mira Albrecht, getragen von Wind. Nicht als Gesicht, sondern als Entscheidung: Ich habe keiner langfristigen Bindung zugestimmt.

Sie berührte das Fach nicht. Die Bibliothek konnte jeden Zugriff als Besitznahme behandeln.

Stattdessen rief sie Cassian als Verfahrensaufsicht.

Er erschien hinter dem Wortglas, konnte die Kabine aber nicht betreten, ohne ihre Prüfung zu beenden. „Was sehen Sie?“

Mara beschrieb den Indexgang, die unzugeordneten Fragmente und die Stimme. Yara schrieb außerhalb mit.

„Wenn Sie abbrechen, bleibt der Fund protokolliert“, sagte Cassian. „Wenn Sie fortfahren, kann ich nicht verhindern, dass der Kern weitere Fragmente zeigt.“

Die Wahl gehörte Mara.

Sie kehrte zu den sieben Blättern zurück.

Nebenan rief jemand einen falschen Namen und wurde vom Kern zurückgewiesen. Ein anderer Kandidat brach ab. Die Bibliothek erkannte Zuordnung, aber keinen freiwilligen Verzicht. Genau darin musste der nächste Schlüssel verborgen sein.

Das erste bot Lenas Lied.

Das vierte bot Miras letzten Wind.

Das siebte roch nach ihrer eigenen Kindheit.

Mara wusste nun, dass die Prüfung nicht nur fragte, welche Erinnerung ihr gehörte.

Sie fragte, welche fremde Erinnerung sie bereit war zu nehmen, um zu gewinnen.