Kapitel 56: Vier Stunden fehlen

Die Rückkehrtür öffnete sich in helles Tageslicht.

Mara hob einen Arm vor die Augen. Sie hatten das Unterarchiv kurz nach Mitternacht betreten. Ihre Uhr zeigte vier Uhr siebzehn.

Auf dem Platz vor der Namenhalle läutete die Abendglocke.

„Falsche Glockenfolge“, sagte Joris.

Yara stand hinter der Absperrung. Ihr Mantel war zerknittert, zwei Heiler warteten neben ihr, und drei Akademiewachen hielten ihre Amtszeichen bereit.

„Datum“, sagte Mara, bevor jemand sie berührte.

Yara nannte den folgenden Tag.

Einundzwanzig Stunden waren oben vergangen.

„Subjektiv vier Stunden und siebzehn Minuten“, sagte Cassian. „Keine bewusste Lücke.“

Er prüfte sein Journal. Der letzte Eintrag vor dem Ausgang lag vier Stunden nach dem Eintritt. Die Tinte war noch feucht. Auf Yaras oberer Kopie stand dagegen eine ganze Reihe stündlicher Kontrollzeichen.

„Wir haben jede Stunde an der Schnur gefragt, ob ihr zurückkehren könnt“, sagte Yara. „Das Antwortzeichen blieb immer gleich.“

„Unten haben wir keine Fragen empfangen“, sagte Elin.

Beide Protokolle waren vollständig. Die Verbindung hatte Anwesenheit übertragen, aber keine Nachrichten.

Elin prüfte ihre Karten. Die letzte Papierbestätigung aus dem Unterarchiv lag laut öffentlichem Zeitstempel am Vortag. Danach hatte die Verbindung nur ein gleichmäßiges Zeichen übertragen, das Yara als laufenden Aufenthalt verstanden hatte.

„Warum habt ihr den Zugang nicht geöffnet?“, fragte Joris.

„Wir haben es versucht“, sagte Yara. „Die Säule war massiv. Eure Sicherungsschnur blieb warm, deshalb habe ich keinen gewaltsamen Eingriff genehmigt.“

Die Wachen traten vor. „Sie werden wegen unerlaubten Verlassens des Trainingsbereichs befragt.“

Mara hielt die Genehmigung hoch. „Unser Zugang war erlaubt.“

„Bis vier Uhr morgens. Danach galten Sie als abwesend.“

„Wir konnten nicht zurück.“

„Das klärt die Untersuchung.“

Cassian stellte sich nicht zwischen Mara und die Wachen. Er legte seine eigene Karte vor. „Ich war Teil der genehmigten Gruppe und bestätige den unvorhergesehenen Zeitversatz. Keine Person verließ absichtlich den Bereich der Sichtprüfung.“

Die Wache nahm den Satz auf. Trotzdem legte sie allen vier einen vorläufigen Abwesenheitsstatus an.

Mara sah ihren öffentlichen Namen über dem Platz. Daneben stand in roter Schrift:

Unerlaubte Abwesenheit – ein Tag.

Ein System, das Lenas drei Jahre nicht erfasste, zählte Maras verlorenen Tag sekundengenau.

Die Heiler prüften Orientierung, Verblassen und körperliche Belastung. Joris’ Richtung war stabil. Elin erinnerte sich an jede vereinbarte Grenze. Cassian nannte Elias nicht. Mara sah Lenas Gesicht noch klar.

„Keine starke Namensprüfung“, sagte sie, als ein Heiler ein öffentliches Resonanzglas holen wollte. „Wir haben eine mögliche Verfolgungsspur.“

Der Heiler verlangte eine Alternative. Mara stimmte einer papiergestützten Identitätsprüfung und einer einfachen Flutmessung zu. Niemand behandelte ihre Rückkehr als Grund für unbegrenzte Untersuchung.

Die Untersuchung fand getrennt statt. Mara durfte wählen, ob eine Vertrauensperson im Raum blieb. Sie bat Yara. Der Heiler fragte nach Schlaf, Essen und Erinnerung, nicht nach dem Inhalt ihrer Gespräche unten.

„Haben Sie eine lebende Person erkannt, deren Name öffentlich gelöscht ist?“

„Das gehört nicht zur körperlichen Prüfung.“

Er strich die Frage. „Richtig.“

Diese kleine Korrektur gab Mara mehr Sicherheit als jede Behauptung, alle Stellen würden ihre Grenzen respektieren.

Yara brachte sie danach in den Ratssaal. Dort verglichen sie beide Zeitlinien.

Unten: vier Stunden, durch Uhren und gemeinsame Wahrnehmung bestätigt.

Oben: einundzwanzig Stunden, durch Glocken, Wachen und öffentliche Register bestätigt.

„Es fehlen nicht vier Stunden“, sagte Elin. „Unsere vier Stunden fehlen dem oberen Ablauf.“

Cassian verglich die öffentliche Namensglocke. Sie hatte Mara, Elin und Joris an diesem Morgen als abwesend markiert. Währenddessen hatten ihre Unterarchivkarten stabile Namen gezeigt.

„Zwei Systeme führten uns gleichzeitig“, sagte er. „Eines als vorhanden, eines als fehlend.“

„Und das öffentliche gewinnt bei der Disziplin“, sagte Joris.

Er zeigte auf den roten Status. Die Akademie bewertete nicht, wo sie tatsächlich gewesen waren, sondern ob ihr offizielles System sie zählen konnte.

Joris zeichnete zwei Linien, die an Ein- und Ausgang verbunden waren. „Der Ort verzögert nicht nur Erinnerung. Er hat eine eigene Zeitmessung.“

Mara dachte an Lena, die jede Nacht Walllast trug. Drei Jahre unten konnten für sie anders verlaufen sein, ohne dass eine Zahl ihre Erfahrung ersetzte.

Seraphines Büro schickte vier Anhörungsformulare. Die Frage lautete: Warum verließen Sie den genehmigten Trainingsbereich?

Mara strich verließen durch.

Sie schrieb: Der genehmigte Bereich wurde nach Eintritt von der öffentlichen Zeitverbindung getrennt. Ich blieb mit der Gruppe und kehrte beim ersten verfügbaren Ausgang zurück.

Cassian half nicht bei der Formulierung. Er prüfte nur, ob seine eigene Aussage dieselben Fakten trug.

Elin fügte ihrem Formular hinzu, dass die Dekanin selbst eine Sichtprüfung genehmigt und einen Zugang mit möglicher eigener Zeitwirkung erlaubt hatte. Joris legte die Bauprotokolle bei. Keiner übernahm die Verantwortung für eine technische Trennung, die vor dem Eintritt nicht offengelegt worden war.

Die Wache bestätigte den Eingang, warnte aber, die vorläufige Markierung bleibe bis zur Anhörung.

Als Mara das Formular abgab, änderte sich der rote Status nicht.

Unter ihrer Abwesenheit stand nun ein zweiter Eintrag:

Prüfung der Eignung ausgesetzt.

Joris’ Kandidatenrang blieb sieben.

Maras Rang verschwand vollständig.

Im freien Feld erschien stattdessen ein silberner Kreis.