Kapitel 38: Das Zimmer der leeren Betten

Die zweite Genehmigung reichte bis zur ersten Tür.

Joris hatte aus den Messungen einen sicheren Korridor rekonstruiert. Die zusätzlichen Stufen erschienen nur im Blick, nicht unter den dokumentierten Rückzugsmarkierungen. Jeder trug diesmal zwei Karten: eine am Körper, eine versiegelt bei Yara.

Auf jeder Ebene meldeten sie die kleine Lücke.

Mara vergaß den Geschmack des Morgentees.

Elin vergaß den Namen einer Brücke.

Joris vergaß, wo er einen Bleistift gekauft hatte.

Cassian verlor das Ende eines alten Kinderreims.

Nichts hinderte sie am Weitergehen. Genau das machte die Wirkung so glatt.

Am dritten Absatz verglichen sie die frischen Alltagsangaben. Mara kannte das Apothekenmesser. Elin sah den Reisemantel noch deutlich. Joris fand seine Werkbank. Cassian zählte drei Fenster. Erst danach löste Yara über die Schnur das vereinbarte Zeichen für den vierten Abschnitt aus.

Die neue Ebene roch nach Seife und gekochtem Getreide. Nicht nach einem versiegelten Archiv. An der Wand verlief eine blank geriebene Stelle in Schulterhöhe, als gingen regelmäßig Menschen daran vorbei.

Am vierten Absatz lag ein Korridor. An der Wand standen Jahreszahlen, zwanzig in einer Reihe. Die jüngste war Lenas Jahr. Die Tür am Ende besaß kein Schloss.

„Nur Sichtprüfung“, erinnerte Cassian.

Joris kontrollierte Schwelle und Decke. Elin suchte nach Zwang. Mara hörte kein Echo. Sie öffneten gemeinsam.

Der Raum dahinter enthielt zwanzig Betten.

Sie standen in zwei geraden Reihen, jedes mit grauer Decke, Kissen und einer niedrigen Truhe. Kein Staub lag auf den Böden. Am Fußende jedes Betts war eine Metallplatte befestigt.

Keine Namen.

Nur Aufnahmejahre.

Joris zeichnete die Anordnung. Die Betten folgten nicht dem Alter der Bewohner, sondern dem Jahr ihrer Aufnahme in diesen Raum. Die älteste Jahresplatte stand gleich links an der Tür, die jüngste am hinteren Fenster ohne Aussicht.

Elin verglich die Daten mit der jährlichen Verlustliste. Jede Zahl passte. Keine Doppelung, kein fehlendes Jahr.

„Ein Bett pro Leerzeile“, sagte sie.

Auf einigen Truhen lagen persönliche Gegenstände: ein reparierter Handschuh, ein Bündel Briefe ohne Anschrift, ein Holztier mit abgebrochenem Ohr. Mara wandte den Blick ab, sobald sie erkannte, dass die Dinge keine Beweismittel im offenen Raum, sondern Besitz waren.

„Wir öffnen nichts“, sagte sie.

Cassian schrieb die Grenze auf, obwohl niemand widersprach.

Mara ging den markierten Mittelgang entlang. Zwanzig Jahre aus der Verlustliste. Jedes Bett entsprach einer fehlenden Archivkarte.

„Das ist eine Unterkunft“, sagte Joris.

„Oder eine erhaltene Darstellung“, sagte Elin.

Sie prüften auf aktuelle Spuren, ohne persönliche Truhen zu öffnen. Eine Decke war glatt gespannt, eine andere gefaltet. Unter mehreren Betten standen Schuhe. Größen, Abnutzung, getrockneter Schlamm.

„Nicht Teil einer historischen Ausstellung“, sagte Joris. „Die Sohlen sind verschieden alt.“

Am Bett mit Lenas Jahr blieb Mara stehen.

Die Decke war dunkelgrün. Auf dem Kissen lag ein Haarband, fast schwarz. Mara kannte Lenas Band, aber sie berührte es nicht. Ein ähnliches Stück Stoff war kein sicherer Beweis.

Am Bettpfosten fand sie drei Kerben.

„Wie im Garten“, sagte sie.

Der Wortschlüssel erschien. Er projizierte keinen Namen. Stattdessen legte er eine dünne Linie um die Jahresplatte und zeigte eine Verbindung zur Glocke.

„L. F.?“, fragte Joris.

„Möglich. Nicht sichtbar bestätigt.“

Die Jahresplatte trug an der Unterkante eine kaum erkennbare Linie. Mara hielt den Spiegel darunter. Darin erschienen zwei Buchstaben, L und F, aber nur für einen Augenblick.

„Ich habe Initialen gesehen“, sagte sie.

Elin und Joris nicht. Cassian ebenfalls nicht. Mara nahm die Wahrnehmung als unbestätigt ins Protokoll und versuchte keine zweite Aktivierung.

Mara nahm das Kräuterbuch aus der Hülle. Sie hielt es in Abstand zum Bett. Der Name Lena Falk wurde dunkel, nicht blass. Ein leises Atmen kam aus der Matratze.

„Echo“, sagte Mara.

Dann hörte sie zwei Stimmen.

Lena sagte: „Wenn ich oben bleibe, holen sie Mara später.“

Eine unbekannte Person antwortete: „Unten schützt du sie nicht. Du wirst nur früher Teil davon.“

Die Szene wiederholte sich. Keine Reaktion auf Maras Fragen. Ein gespeicherter Moment.

„Sie kannte die Auswahl“, sagte Elin.

„Und sie ging möglicherweise vor dem vorgesehenen Zeitpunkt hinunter“, sagte Cassian.

Mara hielt sich an den Wortlaut. Lena hatte eine Entscheidung erwähnt. Das Echo bewies weder, wer die andere Person war, noch was später geschah.

Die Szene enthielt jedoch ein Datum. Im Hintergrund schlug die Namenhalle sechsmal, danach nannte die unbekannte Stimme den Mittwoch vor der Herbstprüfung. Lena war also spätestens drei Tage vor der offiziellen Leerzeile hier gewesen.

„Vor dem registrierten Austritt“, sagte Elin.

„Das erklärt, wie sie vorher hinuntergehen konnte“, sagte Mara. „Nicht, ob man sie später noch hätte gehen lassen.“

Cassian markierte beides getrennt.

Joris fand an der Wand ein Regal mit zwanzig Bechern. Einer fehlte.

„Raum wird genutzt“, sagte er.

Mara sah genauer hin. Neben den Bechern lagen zwanzig Stofftücher, nur neunzehn trocken. Auf dem Tisch führte eine schmale nasse Spur zur gegenüberliegenden Tür.

„Der fehlende Becher wurde gerade weggetragen.“

In diesem Moment erklang hinter der gegenüberliegenden Tür ein Schritt.

Alle vier erstarrten.

Der Schritt kam erneut. Langsam, mit einem leichten Schleifen des rechten Fußes. Keine Gartenstimme. Der Boden vibrierte unter realem Gewicht.

Cassian sah auf die Uhr. Noch fünf Minuten.

„Wir verfolgen niemanden“, sagte er.

Mara blickte auf Lenas Bett. Das Haarband bewegte sich, obwohl die Luft still war.

Unter dem Kissen erschien eine kleine Vertiefung, als hätte dort bis eben ein Kopf gelegen.

Der Raum war nicht verlassen.

Er war nur für einen Augenblick leer.