Kapitel 30: Der Name des Bruders

Sie prüften zuerst die Zeit.

Yara stellte zwei Uhren auf den Tisch. Elin las die Namen der Anwesenden vor. Joris schrieb sie auf eine Papierkarte, die keine magische Verbindung zum Schlüssel besaß. Cassian bestätigte, dass er freiwillig an der Sichtung teilnahm und die Untersuchung jederzeit beenden konnte.

Mara öffnete ihre Hand.

Der Wortpunkt erschien neben dem äußeren Ring. Elin und Joris sahen ihn. Cassian nicht.

„Keine Veränderung“, sagte er.

Mara legte die Hand nicht auf das Foto. Sie hielt sie einen Abstand darüber. „Was genau soll geprüft werden?“

„Ob der sichtbare Buchstabenrest mit einem unabhängigen Registereintrag verbunden ist“, sagte Yara. „Nicht, ob Ihre Vermutung wahr sein muss.“

Cassian hatte eine Liste aus seinem Familienregister mitgebracht. Sie enthielt ihn, seine Eltern und zwei verstorbene Großeltern. Kein Geschwister. Daneben lag die amtliche Auskunft, dass ein abgeleiteter Vorgang der Schutzstufe Kronenwall unterstand.

„Ich stimme zu, dass der Schlüssel die Namen auf dem Foto und in dieser begrenzten Familienliste vergleicht“, sagte Cassian. „Keine weiteren privaten Erinnerungen.“

Mara spürte, wie wichtig die Formulierung war. Der Schlüssel sollte nicht in ihm suchen. Er sollte zwei vorhandene Belege verbinden.

„Ich nehme die Grenze an.“

Der Wortpunkt löste sich aus ihrer Hand.

Er schwebte über das Foto und wurde zu dem dunklen Glasstück aus dem Glockenturm. Die beiden Jungen im Bild blieben zunächst unverändert. Dann erschienen hinter ihnen Reihen silberner Zeichen, so dicht, dass Mara die Augen zusammenkneifen musste.

„Liste“, sagte Elin.

„Für mich nur Licht“, sagte Cassian.

Joris las die erste Zeile. Ein Name, den keiner kannte. Daneben ein Jahr, zwanzig Jahre zurück. Die nächste Zeile gehörte zum Folgejahr. Genau eine Person pro Herbstwoche.

Mara verstand. Der Schlüssel zeigte nicht beliebige Gelöschte. Er zeigte die Namen hinter den Initialen der Glocke.

„Nicht laut weiterlesen“, sagte sie.

Joris nickte. Private Namen. Menschen, die leben konnten und deren Zustimmung niemand kannte.

Die Liste lief weiter. Bei Lena Falk blieb die Schrift länger sichtbar. Mara atmete ein, sagte aber nichts. Der Name ihrer Schwester war hier nicht nur ihre Erinnerung. Elin und Joris sahen ihn ebenfalls.

„Bestätigt“, sagte Elin leise.

Der Schlüssel sank tiefer über das Foto.

Zwölf Jahre zurück erschien eine Zeile:

Elias Dorn.

Cassian zuckte zusammen.

„Was sehen Sie?“, fragte er.

Mara antwortete nicht sofort. Der Name gehörte ihm näher als ihr. „Die Initialen E. D. werden aufgelöst. Möchten Sie den vollständigen Namen hören?“

Er schloss die Augen, nur für einen Atemzug. „Ja.“

„Elias Dorn.“

Das Licht auf dem Foto brach auf.

Der zweite Junge bekam ein Gesicht. Schmaler als Cassian, älter, mit dunklem Haar, das ihm über die Stirn fiel. Er hielt den Geigenkasten unter einem Arm und zog mit der freien Hand an Cassians Kragen. Beide lachten.

Cassian stützte die Finger auf den Tisch. „Ich sehe ihn.“

„Beschreibung“, sagte Yara ruhig.

Er gab Alter, Kleidung, Geigenkasten und den Bach an. Seine Worte blieben gleichmäßig, nur bei den Augen stockte er.

„Er hat die Augen meiner Mutter.“

Mara beobachtete die Uhren. Keine verlorene Minute. „Erinnern Sie sich an ihn?“

„An das Bild.“

„Nicht mehr?“

Cassian sah den zweiten Jungen an. „Ein Zimmer über meinem. Schritte in der Nacht. Jemand, der Tonleitern spielte, bis mein Vater gegen die Decke klopfte.“

Yara hob eine Hand. „Erinnerung oder Folgerung aus dem Geigenkasten?“

„Erinnerung.“ Cassian atmete langsam aus. „Nicht unabhängig gestützt.“

Der Name Elias zog eine zweite Zeile aus dem Familienregister. Dort, wo bisher nur Cassians Geburt eingetragen war, erschien ein älterer Eintrag.

Erster Sohn: Elias Dorn.

Status: Kronenwalldienst.

Die Zeile flackerte und wurde wieder leer. Elin hatte sie laut protokolliert. Joris bestätigte. Mara spürte, wie der Schlüssel kälter wurde.

„Abbruch“, sagte sie.

Das dunkle Glas blieb über dem Foto.

„Ich stimme zu“, sagte Cassian.

Mara schloss die Hand. Der Wortpunkt kehrte nicht sofort zurück. Für zwei Herzschläge wusste sie nicht, ob Lena älter oder jünger als sie war.

„Orientierung“, sagte Yara.

„Mara Falk. Vierundzwanzig. Lena ist meine ältere Schwester, neunundzwanzig, wenn sie lebt.“

Joris zeigte ihr die vorbereitete Karte. Die Angaben stimmten. Als die Sicherheit zurückkehrte, löste sich die Liste auf. Der Schlüssel sank wieder in Maras Handfläche.

Cassian saß noch immer vor dem Foto.

„Elias war sieben Jahre älter als ich“, sagte er. „Er spielte Geige. Er nannte mich Cassi.“

„Ist das eine neue Erinnerung?“

„Ja.“

„Mehr?“

Er presste Daumen und Zeigefinger gegen die Augen. „Eine Treppe. Ein Streit mit meinem Vater. Danach … nichts.“

Mara wollte fragen, ob Elias freiwillig gegangen war. Sie tat es nicht. Der Name war gerade erst zu ihm zurückgekehrt. Er schuldete ihr keine vollständige Wunde als Gegenleistung für Lenas Spur.

Yara schob ihm das Protokoll hin. „Lesen Sie, bevor Sie unterschreiben.“

Cassian prüfte jede Zeile. Er strich das Wort „lebte“ aus dem Satz und ersetzte es durch „war zum Zeitpunkt des Fotos anwesend“. Genauigkeit tat ihm sichtbar weh. Er bestand trotzdem darauf.

„Severin wusste von Ihrer Familie“, sagte Mara erst danach.

„Er wusste zumindest, dass die Frage gefährlich ist.“

„Melden Sie ihm den Namen?“

Cassian legte beide Hände neben das Bild. „Nicht heute. Die Identität einer möglicherweise gelöschten Person ist geschützt, bis eine unmittelbare Pflicht etwas anderes verlangt. Ich melde, dass der Schlüssel eine Verbindung zu Glockeninitialen herstellen kann. Ohne Namen.“

Elin sah ihn scharf an. „Und wenn er befiehlt?“

„Dann erhalte ich den Befehl schriftlich.“

Mara erinnerte sich an ihre Bedingungen. Kein Vertrauen, das alles löste. Nur sichtbare Grenzen.

Cassian nahm das Foto nicht an sich. Er ließ Yara eine Kopie versiegeln und behielt das Original im persönlichen Register. Bevor er es schloss, strich er einmal mit dem Finger über den Rand des Geigenkastens.

„Ich hatte einen Bruder“, sagte er.

Nicht ich glaube. Nicht der Schlüssel behauptet.

Ich hatte.

Der Wortpunkt in Maras Hand leuchtete auf. Hinter Elias’ Namen erschien für einen Moment dasselbe Zeichen wie hinter Lena Falk.

Eine Tür.

Dann zeigte der erste Schlüssel eine Richtung.

Hinunter.