Kapitel 197: Cassian ohne Amt

Cassian trug kein Amtssiegel mehr.

Sein persönliches Zeichen stand auf der Tür der Unabhängigen Stelle für Zustimmung und Ausstieg. Darunter waren sechs weitere Namen: regionale Prüferinnen, eine Namenlosen-Vertretung, zwei Bürgerzeugen und eine Fachkraft für Belastungsfolgen.

Mara kam nicht als Fall zu ihm. Sie brachte die halbjährliche Echo-Bilanz des Tannwald-Archivs.

„Willst du das Gespräch öffentlich oder vertraulich?“, fragte Cassian.

„Öffentlich, die Fallbeispiele anonymisiert.“

Er öffnete den kleinen Sitzungssaal. Cassian leitete nicht. Die Vorsitzende wechselte monatlich; heute war es Esche.

Die Stelle prüfte, ob freiwillige Kreise ihre Austrittswege tatsächlich eingehalten hatten. In vier Regionen waren Menschen nach einem Nein bei der Arbeit benachteiligt worden. Zwei Fälle waren belegt, einer widersprüchlich, einer noch offen.

„Der Wall selbst hat niemanden gehalten“, sagte ein Turmvertreter. „Das sind Arbeitskonflikte.“

„Dann gehört Schutz vor Vergeltung trotzdem zur Zustimmung“, antwortete Esche.

Im ersten belegten Fall hatte eine Werkstatt einer Frau Nachtschichten zugeteilt, nachdem sie aus einem Glutkreis ausgestiegen war. Der Meister nannte es normale Planung. Arbeitslisten zeigten jedoch, dass nur ihre Zeiten geändert worden waren.

Die Stelle setzte die Werkstattverbindung aus, bis eine unabhängige Arbeitsprüfung stattfand. Sie sprach keine Entlassung aus. Die betroffene Frau erhielt vorläufig ihren früheren Plan zurück.

Die Stelle konnte Strafen nicht selbst verhängen. Sie konnte Verbindungen aussetzen, Fälle an Gerichte geben und öffentliche Mängelberichte verlangen. Cassian hatte keine Befehlsgewalt über Wohnungen, Studium oder Grundversorgung.

Ein königlicher Ausschuss hatte ihm angeboten, wieder Siegelrichter zu werden. Mit reformierter Ordnung, wie es hieß.

„Warum hast du abgelehnt?“, fragte Mara nach der Sitzung.

Sie standen im Hof, außerhalb seiner Arbeitsräume. Er hatte darauf geachtet, dass ihr Archivbericht von anderen geprüft wurde.

„Weil das Amt noch immer Untersuchung und unmittelbare Anordnung verbindet“, sagte er. „Und weil ich nicht zurückkehren will, nur um zu beweisen, dass ein guter Richter das alte Siegel retten kann.“

„Wirst du es später bereuen?“

„Vielleicht.“

Mara mochte die Antwort. Keine feierliche Gewissheit.

Cassian arbeitete nun an Regeln, nach denen Zustimmung verständlich, zweckgebunden und widerrufbar sein musste. Er konnte eine Verbindung nicht allein freigeben. In seiner ersten Woche hatte die Stelle eine Entscheidung von ihm aufgehoben, weil er eine familiäre Zeugin für ausreichend unabhängig gehalten hatte.

Er hatte den Fehler selbst im Monatsbericht beschrieben. Einige frühere Kollegen nannten das Schwäche. Cassian nannte es die Bedingung, unter der die Stelle überhaupt glaubwürdig blieb.

„Elias?“, fragte Mara.

„Wir sehen uns alle zwei Wochen. Wenn keiner absagt.“

Elias lebte in Veyra und arbeitete zeitweise im Musikraum des freien Archivs. Er war kein Teil von Cassians Haushalt. Ihre Beziehung bestand aus geplanten Treffen, unterbrochenen Erinnerungen und neuen Streitigkeiten.

„Er sagt, ich frage zu oft, ob etwas in Ordnung ist.“

„Tut es das?“

„Ja.“

Mara lächelte. „Dann frag ihn, wie er gefragt werden will.“

Cassian sah sie an. „Gilt das auch für dich?“

„Ja.“

„Wie willst du gefragt werden, ob du morgen mit mir zum Südhang gehst?“

„Genau so.“

„Willst du?“

Mara dachte an den Tag. Kein Verfahren, kein Kern, kein Auftrag. „Ja. Wenn wir vor der Abenddämmerung zurück sind. Ich habe Frühschicht.“

„Einverstanden.“

Ihre Beziehung war in den vergangenen Monaten nicht durch eine Erklärung geheilt worden. Sie hatten einander besucht, getrennt gearbeitet, zweimal eine Verabredung abgesagt und über Cassians Bericht zu Seraphines Verfahren gestritten. Er hatte keine Information zurückgehalten, um Mara zu schützen. Sie hatte nicht verlangt, dass er jede Entscheidung mit ihr abstimmte.

Einmal hatte Mara einen Archivfall abgelehnt, weil Cassians Stelle bereits beteiligt war und ihre Beziehung als Interessenkonflikt gelten konnte. Ein anderes Echo-Team übernahm. Das Ergebnis war gegen die erste Einschätzung der Zustimmungsstelle ausgefallen.

Cassian hatte die Korrektur akzeptiert, ohne den Fall zu Hause weiterzudiskutieren.

Vor dem Tor wartete eine Frau aus einem Wallkreis. Sie erkannte Cassian und wollte eine sofortige Entscheidung zu ihrer Beschwerde.

„Ich bin nicht allein zuständig“, sagte er. „Wir können Ihren Antrag heute registrieren und eine unabhängige Prüfung ansetzen.“

„Früher konnten Sie handeln.“

„Früher konnte ich zu viel allein.“

Die Frau fragte, wer dann Verantwortung trage, wenn die Gruppe falsch entscheide.

„Jede Person für ihre Handlung, die Stelle für ihr Verfahren und das Gericht für die Entscheidung, die nur ihm zusteht“, sagte Cassian. „Geteilte Macht darf nicht geteilte Ausrede bedeuten.“

Die Frau schimpfte, reichte den Antrag aber ein. Cassian führte sie zu einer anderen Prüferin.

Mara wartete nicht in seinem Büro. Sie ging zum öffentlichen Tisch und las den neuen Ausstiegsbericht. Auf dem Deckblatt stand kein Siegelrichter, nur die sieben Mitglieder der Stelle und ihre abweichenden Stimmen.

Cassian kam später zurück.

„Morgen also“, sagte er.

„Morgen.“

Er küsste sie nicht am Arbeitsplatz. Draußen an der Brücke fragte er noch einmal. Mara sagte Ja.

Ein Windbote unterbrach sie vor dem Kuss. Cassian las die Nachricht, stellte fest, dass eine andere Prüferin zuständig war, und gab sie weiter. Mara wartete nicht darauf, dass er sich für ihre Zeit entschuldigte. Er hatte die Grenze eingehalten.

Der Kuss war kurz und freiwillig, kein Abschluss eines Falls.

Danach gingen sie in verschiedene Richtungen nach Hause.