Kapitel 166: Die Schwester im Kern

Der äußere Kernring öffnete sich für Mara, aber nicht für ihre Begleiter.

Esches Mandat und die drei Grenzstimmen ließen sie passieren. Heda blieb am Kontrollstein, Elin am öffentlichen Kanal. Joris war noch auf der Steinbrücke. Der Weg nach unten war kein Triumphzug.

„Wenn die Verbindung abbricht, gehst du zurück“, sagte Esche.

„Wenn ich es noch selbst entscheiden kann.“

„Wenn nicht, ziehen wir dich nicht über deinen Namen. Wir schließen nur den Weg und holen Hilfe.“

Mara bestätigte die Grenze. Dann stieg sie die spiralförmige Treppe hinab.

Der Kronenwallkern war kein Thronsaal. Er bestand aus sieben ringförmigen Gängen, deren Wände voller Leitungen lagen. In der Mitte schwebte die unfertige siebte Schlüsselresonanz. Darunter glühten Reihen schmaler Personenplätze.

Am ersten Ring musste Mara ihre drei Mandate einzeln vorlegen. Der Kern versuchte, sie zu einem einzigen Kronenzeichen zu verbinden. Sie verweigerte die Zusammenfassung. Grenze, Namenlose und Bürgerzeugen sollten getrennt lesbar bleiben. Erst als Elin die drei Funktionen auf verschiedene Leitungen setzte, ließ die Tür Mara weiter.

Am zweiten Ring hörte Mara Stimmen aus den vorbereiteten Plätzen. Es waren keine echten Gedanken der Menschen auf der Liste, sondern aus Registern zusammengesetzte Anreden: Bürger 077, geeignete Trägerin 214, Haushalt 88. Der Kern kannte ihre Lebensgeschichten nicht. Er kannte nur Kategorien.

Dreihundert.

Siebenundvierzig waren warm. Jetzt pulsierten bereits achtundsechzig.

Lena stand am inneren Ring. Dornfink und zwei weitere Unterstützer hielten kleine Verbindungsteine. Der sechste Schlüssel lag in Lenas offener Hand.

„Du bist spät“, sagte sie.

„Der Kern hat erst jetzt geöffnet.“

„Für euch.“

Lena zeigte auf einen schmalen Schacht zwischen den Leitungen. Die Namenlosen hatten ihn jahrelang als Wartungsweg benutzt. Sie waren vor allen öffentlichen Zeugen hier gewesen.

Mara trat zu den Personenplätzen. Auf jedem stand eine Nummer aus Severins Liste. Unter Nummer 077 flimmerte der Anfang ihres Familiennamens.

„Sie wärmen weiter vor“, sagte sie.

„Severins Leute sind hinter dem östlichen Ring.“

Mara prüfte die öffentlichen Anzeigen. Der Ratsbeschluss zur Aussetzung war eingegangen und als strittig markiert worden. Daneben stand eine Anweisung aus Severins Amt: technische Erhaltung fortsetzen. Die gleiche Handlung trug zwei Namen.

„Wer ist an den Konsolen?“, fragte sie.

„Königliche Techniker“, sagte Lena. „Einige wissen vermutlich nicht, dass die Nummern Personen sind.“

Mara sandte über Elins Kanal eine Mitteilung an die technische Schicht. Keine Drohung, nur den Ratsbeschluss, die Liste der Plätze und einen Weg für vertraulichen Widerspruch.

„Hast du versucht, die Plätze zu trennen?“

„Noch nicht.“

Das Wort beruhigte Mara nur wenig.

Lena hob den sechsten Schlüssel. „Mit ihm kann ich die alten Trägerleitungen öffnen. Wenn ich alle Namen gleichzeitig zurückgebe, bricht Severins Gerüst zusammen.“

„Du gibst nicht nur Namen zurück. Du öffnest Verbindungen zu Familien, Registern und Erinnerungen.“

„Das ist der Sinn.“

Dornfink trat neben Lena. „Mein Name gehört seit elf Jahren dem Wall. Ich will ihn heute.“

„Deinen kannst du wählen“, sagte Mara. „Nicht den aller anderen.“

„Wir haben keine Zeit für zweihundert einzelne Gespräche.“

„Dann habt ihr keine Zustimmung für zweihundert Rückgaben.“

Der Kern bebte. Ein neuer Platz sprang an. Nummer 214 erschien zweimal in verschiedenen Reihen. Mara erinnerte sich an die beiden Menschen auf der Ratstreppe.

Lena ging zu einer Konsole. „Die Vorwärmung lässt sich von hier nicht stoppen. Severin hat die Kronenlinie getrennt.“

„Die sieben Zeugen können seine Berechtigung prüfen.“

„Während die Plätze weiterlaufen.“

Mara legte die Hand an die Wand. Sie hörte nicht die Personen selbst, nur vorbereitete leere Zugwege, die nach ihren Namen griffen. Ihr Ring wurde eiskalt.

„Wir sichern zuerst den Austritt“, sagte sie.

„Und wenn der Sturm vorher kommt?“

„Dann tragen die freiwilligen Kreise und die Seitentürme so viel sie können.“

„So viel sie können.“ Lena sprach die Worte wie eine Anklage. „Dornfink kann jetzt seinen Namen zurückbekommen. Esche kann jetzt zurückkehren. Elias kann jetzt wieder in jeder Akte stehen.“

„Wenn sie das wollen.“

Lena sah auf die glühenden Plätze. „Du hast drei Jahre lang nach mir gesucht.“

„Nach dir. Nicht nach einer Version von dir, die ich einsetzen darf.“

Über Elins Kanal kam eine Warnung. Severins Büro versuchte, den öffentlichen Zugang zum Kern zu schließen. Esche begann draußen, die Namenlosen für eine neue Abstimmung zu verbinden.

Dornfink legte seinen Stein auf den Ring. „Ich warte nicht.“

Lena hielt ihn nicht auf. „Du musst nicht.“

Mara trat zu ihm. „Sag mir, welchen Namen du willst und welche Verbindungen du öffnen willst.“

„Meinen ganzen.“

„Öffentliches Register, Familie, frühere Verträge, Erinnerungen anderer Menschen?“

Seine Sicherheit geriet ins Wanken. „Ich weiß nicht, was aus meinen Verträgen geworden ist.“

„Dann ist ganz keine eindeutige Anweisung.“

Lena wollte etwas sagen, schwieg aber. Mara gab Dornfink keine Prüfung, die er bestehen musste. Sie nannte ihm nur die Folgen, die der alte Kern miteinander verband.

Er zögerte. Zum ersten Mal wirkte sein Wunsch nicht kleiner, sondern genauer.

„Meine Tochter zuerst“, sagte er schließlich. „Wenn sie lebt, soll sie selbst entscheiden, ob sie den Kontakt öffnet. Mein alter Name bleibt bis dahin geschlossen.“

Esche bestätigte den Wunsch von außen. Yara richtete eine vertrauliche Suche ein. Dornfinks Entscheidung änderte sich innerhalb weniger Minuten, ohne deshalb weniger gültig zu sein.

Hinter ihnen sprangen zehn weitere Personenplätze gleichzeitig an.

Severin hatte begonnen, die Vorbereitung zu beschleunigen.