Der Rat ließ Cassian vierzig Minuten warten.
Er saß auf einer Bank im Vorraum. Zwei Wachen standen an der Tür, eine dritte am Fenster. Niemand hatte ihn offiziell festgenommen. Niemand erlaubte ihm zu gehen.
„Wie lautet mein Status?“, fragte er zum dritten Mal.
Der Protokollführer schrieb die Frage auf. „Vorläufige Sicherung einer Auskunftsperson.“
„Welche Rechtsgrundlage?“
„Wird geprüft.“
Cassian kannte die Formulierung. Er hatte sie selbst verwendet, wenn Zuständigkeiten unklar gewesen waren. Damals hatte sie vernünftig geklungen. Nun spürte er, wie eine unbenannte Maßnahme den Raum enger machte.
Die Türen zum Sitzungssaal öffneten sich. Sieben Ratsmitglieder saßen hinter einem halbkreisförmigen Tisch. Zwei Plätze waren leer. Severin war nicht anwesend; sein Vertreter trug das goldene Siegel des Kanzleramts.
Cassian legte die Dreihunderterliste, die Leistungstabellen und Seraphines öffentliche Aussage getrennt vor.
„Diese Unterlagen bilden keine einzige Behauptung“, sagte er. „Die Liste zeigt eine geplante Maßnahme. Die Tabellen zeigen frühere Absenkungen. Die Aussage betrifft jährliche Löschungen. Jede muss unabhängig geprüft werden.“
Der Vertreter lächelte. „Und doch benutzen Ihre Verbündeten alles gemeinsam, um den Wall zu übernehmen.“
„Welche Verbündeten meinen Sie?“
„Mara Falk. Lena Falk. Elin Sorel.“
„Sie handeln auf getrennten Mandaten.“
Ein Ratsmitglied fragte, ob Cassian Mara am Morgen gesehen habe. Er antwortete wahrheitsgemäß, dass er sie in der Schreibstube getroffen hatte. Er nannte nicht ihre spätere Route, weil die Frage sie nicht umfasste.
„Sie verstecken sich hinter Wortlaut“, sagte der Vertreter.
„Dann stellen Sie eine präzise Frage.“
Die Vorsitzende verlangte die Windkarte mit Severins Angebot. Cassian gab die versiegelte Hülle ab. Als der vertrauliche Vermerk verlesen wurde, entstand Unruhe im Saal. Die mögliche Wiederherstellung seines Amts stand nun im Protokoll.
Der Vertreter des Kanzlers beantragte, diesen Teil aus Sicherheitsgründen nicht zu übertragen. Die Vorsitzende fragte nach einer konkreten Gefahr. Er nannte nur das Vertrauen zwischen Ämtern.
„Vertrauen ist kein Schutzgut ohne betroffene Person“, sagte ein Ratsmitglied.
Der Antrag wurde mit vier zu drei Stimmen abgelehnt. Cassian merkte sich auch die Minderheit. Öffentlichkeit durfte nicht so tun, als sei der Rat plötzlich einig.
„Warum lehnten Sie ab?“, fragte die Vorsitzende.
„Weil das Angebot Informationen über Menschen gegen meine berufliche Stellung tauschte und einer öffentlichen Sicherheitsfrage Vertraulichkeit auferlegte.“
„Wollen Sie Ihr Amt zurück?“
Cassian sah auf das graue Siegel in seiner Tasche. „Nicht unter diesen Bedingungen.“
Der königliche Vertreter beantragte seine Haft wegen Behinderung einer Notmaßnahme. Cassian widersprach nicht der Möglichkeit einer Sicherung. Er widersprach der geheimen Behandlung.
„Wenn Sie mich festhalten, verlange ich eine öffentliche Begründung, Zugang zu einem unabhängigen Beistand und die Fortsetzung der Beweisprüfung ohne meine Anwesenheit.“
„Sie stellen keine Bedingungen“, sagte der Vertreter.
„Ich protokolliere Rechte.“
Aus dem öffentlichen Fragekanal kamen Einwände. Eine Grenzvertreterin wollte wissen, warum Cassian die Liste erst jetzt vorlegte. Er erklärte die verschleierte Anlage und die Öffnung durch den sechsten Schlüssel. Ein Student fragte, wie viele frühere Anweisungen er selbst ohne unabhängige Prüfung ausgeführt hatte.
„Mehr, als ich heute verantworten kann, ohne die Akten einzeln zu prüfen“, antwortete Cassian. „Der Verlust meines Amts löscht diese Verantwortung nicht.“
Der königliche Vertreter nannte die Frage unzulässig. Die Vorsitzende ließ sie im Protokoll.
Vor dem Ratshaus wurden Stimmen laut. Über den öffentlichen Kanal las Yaras Archivgruppe Namen und Quellenkennzeichnungen vor. Joris hatte die Steinaufzeichnungen eingereicht. Elins Studierende bestätigten Seraphines Aussage. Cassians Person war nicht der einzige Träger der Unterlagen.
Die Vorsitzende zog sich mit drei Mitgliedern zurück. Als sie wiederkam, ordnete sie Cassians vorläufige Verwahrung bis zum Abend an. Zugleich musste die Anhörung öffentlich übertragen und die Dreihundertermaßnahme bis zu einer ersten Prüfung ausgesetzt werden. Severins Vertreter legte sofort Widerspruch ein.
„Gilt die Aussetzung auch für technische Vorbereitungen?“, fragte Cassian.
Die Vorsitzende zögerte. „Für jede Verbindung von Personen. Nicht für Wartung.“
„Dann definieren Sie Wartung.“
Nach einer kurzen Beratung wurde die Vorwärmung personenbezogener Anschlussplätze ausdrücklich untersagt. Cassian wusste, dass Severins Büro versuchen würde, andere Worte zu finden. Wenigstens musste es nun gegen einen geschriebenen Satz handeln.
Zwei Wachen traten zu Cassian.
Er nahm sein Amtssiegel aus der Tasche und legte es auf den Ratstisch. „Dieses Siegel ist nicht aktiv. Vermerken Sie, dass ich keine Vollmacht daraus beanspruche.“
Die Vorsitzende nickte dem Schreiber zu.
Auf dem Weg in den Verwahrraum hörte Cassian den Beginn der öffentlichen Übertragung. Sein Name wurde genannt, aber nicht allein. Danach folgten die Namen der Einreichenden aus Grenze, Akademie und Archiv.
Ein Wächter bot ihm an, die Tür unverschlossen zu lassen, wenn er verspreche, den Raum nicht zu verlassen. Cassian lehnte die informelle Lösung ab. Entweder war er verwahrt oder nicht. Der Wächter schloss ab und vermerkte die Uhrzeit.
Die Tür schloss sich hinter ihm.
Die Anhörung blieb offen.
