Kapitel 12: Der Raum ohne Norden

Im Raum ohne Norden zeigte jeder Weg nach unten.

Mara merkte es an ihrem Magen. Die drei Türen lagen auf derselben Höhe, doch hinter jeder begann der Boden sofort zu sinken. Über ihnen drehte sich eine Kompassrose aus Licht, deren Pfeil bei jeder Bewegung einen anderen Rand wählte.

„Verlassen Sie sich nicht auf die Anzeige“, sagte Elin.

„Das ist der Sinn der Prüfung“, erwiderte Joris.

Die Tür fiel hinter ihnen zu. Cassian blieb in einer schmalen Beobachternische, getrennt durch eine durchsichtige Steinwand. Er konnte sprechen und den Versuch protokollieren, aber keine Aufgabe lösen.

Mara legte zwei Finger an den Boden. Flut zeigte ihr feuchte Stellen und den schwachen Zug unterirdischer Leitungen. Links strömte Wasser vom Raum weg. Rechts kam es zurück. Geradeaus bewegte sich nichts.

„Rechts führt wahrscheinlich zum Zentrum“, sagte sie.

Joris prüfte die Wand. „Dort trägt der Bogen am besten.“

Elin ließ drei goldene Fäden zwischen ihnen erscheinen. „Gemeinsamer Schritt auf mein Zeichen.“

„Nur als Takt“, sagte Mara.

„Nur als Takt.“

Sie gingen rechts.

Nach sieben Schritten lag die Eingangstür plötzlich vor ihnen. Nicht hinter ihnen. Joris markierte den Boden mit einem Kreidestrich. Der Strich erschien an der Decke.

„Der Raum dreht nicht uns“, sagte er. „Er ändert, was als Boden gilt.“

Elin koordinierte einen langsamen Wechsel. Joris stabilisierte die nächste Fläche, Mara suchte nach Wasser, das sich nicht von der Täuschung beeinflussen ließ. So bewegten sie sich durch einen Gang, der zweimal zur Wand und einmal über ihre Köpfe führte.

Dann hörte Mara ihre Mutter.

„Mara, links.“

Die Stimme kam aus dem Stein. Warm, erschöpft, genauso wie an Winterabenden in der Apotheke.

Mara blieb stehen.

„Was ist?“, fragte Joris.

„Eine Stimme.“

Elin hob die Hand. „Welche Richtung?“

„Links.“

„Das Wasser zeigt rechts“, sagte Joris.

Die Stimme rief erneut. Diesmal sagte sie: „Lena wartet.“

Mara machte einen Schritt.

Der äußere Silberring wurde kalt. Aus der Wand kamen weitere Stimmen. Manche kannte sie nicht. Sie nannten Namen, baten um Hilfe und versprachen einen Ausgang. Unter ihnen lag ein echtes Echo: kein Satz, nur der Geruch nach Bärenmoos und Lenas ungeduldiger Atem.

Mara folgte diesem Atem.

„Halt“, sagte Cassian durch die Beobachterwand.

Sie hörte ihn kaum.

Vor ihr erschien eine Tür, die die anderen offenbar nicht sahen. Im Rahmen stand Lena. Ihr Gesicht war klarer als unter der Brücke.

„Komm“, sagte sie.

Mara hob die Hand.

Joris stellte sich nicht vor sie. Er legte einen Stein auf den Boden. „Mara, nennen Sie unseren ersten Plan.“

Keine Antwort.

Elin verstärkte die goldenen Fäden. Ein Druck legte sich um Maras Brust. Die Bewegung ihrer Hand stoppte.

„Nicht gegen ihren Willen“, sagte Joris.

Elin ließ die Koordination sofort los.

Mara taumelte. Der Zwang war nur einen Atemzug lang gewesen, doch er hatte die falsche Tür zerrissen. Dahinter lag keine Lena. Nur ein schwarzer Schacht.

„Danke“, sagte Mara zu Joris.

Elin sah verletzt und wütend zugleich aus. „Ich habe verhindert, dass sie fällt.“

„Und gleich wieder aufgehört“, sagte Joris. „Das zählt.“

Mara atmete langsam. „Die Stimme war falsch. Das Echo darunter nicht.“

„Können Sie den Unterschied erklären?“, fragte Cassian.

„Die Stimme wusste, was ich hören wollte. Das Echo wusste nur, was geschehen war.“

Sie kehrten zum Plan zurück. Mara nannte jede Richtungsänderung. Joris bestätigte die tragende Fläche. Elin koordinierte erst nach dem Wort bereit von beiden.

Im nächsten Abschnitt verschwand die Kompassrose vollständig. Dunkelheit legte sich über den Raum. Joris setzte ein Steinlicht, Mara hörte Wasser, Elin hielt die drei Positionen, ohne sie zu verschieben.

Eine Männerstimme flüsterte aus der Beobachterwand.

„Cassi.“

Cassian erstarrte.

Mara drehte sich zu ihm. Der Name war kein Amt und keine verkürzte Form, die sie je gehört hatte.

„Kennen Sie die Stimme?“, fragte sie.

„Weitergehen.“

„Unsere Bedingung.“

Sein Blick suchte das Protokoll, als stünde die Antwort dort. „Ich habe eine Reaktion. Keine identifizierte Erinnerungslücke.“

Die Stimme sagte erneut: „Cassi, du schummelst.“

Ein Bild schob sich über die Beobachterwand: zwei Jungen an einem Bach, einer älter, einer vielleicht siebzehn. Der jüngere war Cassian. Der andere spritzte Wasser nach ihm und lachte.

Dann fehlte eine Minute.

Mara stand plötzlich am Ausgang. Joris hielt die Tür, Elin hatte Blut an der Lippe, weil sie sich beim Orientierungswechsel gebissen hatte. Cassian saß in seiner Nische und starrte auf eine leere Protokollzeile.

„Was ist passiert?“, fragte Mara.

„Sie sind weitergegangen“, sagte Elin. „Dann war die Wand offen.“

„Wie?“

„Das weiß niemand.“

Die Prüfungsglocke erklang. Sie hatten den Raum verlassen, aber keine der vier Personen konnte erklären, welche Handlung die letzte Tür geöffnet hatte.

Die Heilerin des Ausschusses prüfte sie noch im Ausgangsbereich. Joris konnte alle Himmelsrichtungen wieder nennen. Elin erinnerte sich an ihre Gruppenbedingungen. Mara wusste ihren Namen, ihre Herkunft und den Grund ihrer Suche, verschwieg aber den letzten Punkt. Cassian bestand darauf, auch selbst geprüft zu werden.

„Beruf?“, fragte die Heilerin.

„Siegelrichter.“

„Auftrag?“

Er sah auf Mara. „Beobachtung einer ungeklärten Resonanz. Keine Leistungsbewertung.“

„Persönlicher Anker?“

Cassian schwieg länger. „Ein Foto in meiner privaten Akte.“

Mara wusste nicht, welches Foto er meinte. Die Antwort reichte der Heilerin als Hinweis, nicht als Erklärung. Sie gab keinem von ihnen vollständige Entwarnung. Für den restlichen Tag wurden geschlossene Prüfungsräume gesperrt.

Cassian blätterte zurück. Zwischen zwei Zeitmarken lag genau eine Minute ohne Schrift.

Auf der leeren Zeile erschien langsam ein einziges Wort.

Cassi.