Kapitel 117: Lenas Plan

Lena begann nicht mit Hoffnung.

Sie begann mit den erwarteten Schäden.

Auf der Karte markierte sie neun Unterarchivverbindungen. Jede trug eine Person oder eine Gruppe, die ohne vollständige Zustimmung an den Kronenwall gebunden war. Wenn nur eine Verbindung getrennt wurde, zog der Kern die Last auf die übrigen und verriegelte den freien Platz innerhalb von Minuten.

„Deshalb gleichzeitig“, sagte Lena.

Die Namenlosen sollten an neun Punkten ihre eigenen Verbindungen lösen. Keiner von ihnen musste einen wahren Namen offenlegen. Jede Gruppe hatte ein Abbruchzeichen und entschied selbst, ob sie teilnahm.

Die Abläufe selbst blieben verschlossen. Lena zeigte Mara keine Schrittfolge, sondern nur Lastkurven, Zustimmungslisten und Folgen. Niemand außerhalb der beteiligten Gruppen sollte einen Schnitt nachahmen können.

Jeder Punkt hatte zwei Zeugen. Eine Person durfte noch im letzten Moment aussteigen. Dann entfiel der Punkt vollständig; niemand ersetzte sie ohne neue Prüfung.

„Was kostet es den Beteiligten?“, fragte Mara.

„Verblassen. Wahrscheinlich Erinnerung an die Verbindung, manchmal an den Weg ins Unterarchiv. Bei zwei Gruppen kann der gewählte Name für Stunden verloren gehen.“

„Wissen sie das?“

Lena zeigte die unterschriebenen Erklärungen. Manche trugen Namen, manche Zeichen.

Mara hörte genau zu. Der Plan achtete die Freiheit der Namenlosen besser als Severins Ordnung.

Er achtete die Menschen außerhalb des Unterarchivs weniger.

„Was geschieht in den ersten Minuten?“, fragte sie.

Lena legte drei rote Steine auf den Pass. „Der Kern fällt unter die Mindestlast. Wahrscheinlicher Nachtbruch an westlichen und südlichen Abschnitten.“

„Wahrscheinlicher bedeutet wie wahrscheinlich?“

„Zwischen sechzig und achtzig Prozent, abhängig von Severins Gegensteuerung.“

„Und Tannwald?“

„Im stärksten Modell drei Wellen. Die Schutzräume sollten zwei halten.“

„Kiesrain?“

Lena schwieg einen Atemzug. „Höheres Risiko, weil der örtliche Anker fehlt.“

Mara dachte an die tauben Finger.

„Wie viele Verletzte?“

„Wir können keine genaue Zahl geben.“

„Eine Spanne.“

Lena nannte sie: Dutzende bei schneller örtlicher Reaktion, mehrere hundert bei versagender Warnung. Tote waren möglich.

Im Zelt wurde es still.

„Und wenn ihr nicht schneidet?“, fragte Tavi.

Lena legte schwarze Steine auf die neun Verbindungen. „Severin schließt Mara in den Kern. Danach kann er Übergangspersonen wie Mira dauerhaft umstufen. In einem Jahr werden nach den internen Listen mindestens zwölf neue Träger gebraucht. Der Nachtbruch verschwindet nicht; der Wall verliert jedes Jahr mehr Namenresonanz.“

„Also weniger Opfer jetzt“, sagte Asche, „oder mehr über Jahre.“

„Das ist meine Bewertung“, sagte Lena.

Nord saß ebenfalls im Kreis. „Wenn der Schnitt gelingt, kann ich danach meinen Geburtsnamen zurückverlangen?“

„Ja“, sagte Lena. „Aber der Schnitt stellt ihn nicht automatisch wieder her.“

Kelm fragte: „Und wenn sie sich später anders entscheidet?“

„Dann bleibt auch die spätere Entscheidung freiwillig.“

Mara achtete darauf, dass Lena das Versprechen vor Zeugen gab. Der Plan durfte nicht nach dem Erfolg zu einer einzigen Politik für alle Namenlosen werden.

Mara sah ihre Schwester an. „Haben die Grenzorte diese Wahl gesehen?“

„Wenn wir den Plan offenlegen, verriegelt Severin die Verbindungen vor dem Schnitt.“

„Dann entscheiden die Orte nicht.“

„Die Namenlosen entscheiden über ihre eigenen Verbindungen.“

„Und über die Welle, die andere trifft.“

Lenas ungleiche Mundwinkel spannten sich. Mara kannte diese Bewegung vielleicht aus der Kindheit oder erst seit heute. Sie konnte es nicht unterscheiden.

„Jede Befreiung aus einem Gewaltsystem verändert Last“, sagte Lena. „Wenn wir warten, bis der Täter einen gefahrlosen Ausgang erlaubt, gehen wir nie.“

„Ich verlange nicht Severins Erlaubnis.“

„Du verlangst ein vollständiges Turmnetz.“

„Ich verlange genug Schutz, dass Tannwald nicht zum unausgesprochenen Opfer wird.“

„Und wie viele neue Verbindungen akzeptierst du während des Aufbaus?“, fragte Lena.

„Keine erzwungene.“

„Dann kann der Wall vorher fallen.“

„Oder wir nutzen kleine freiwillige Kreise und räumen gefährdete Orte.“

„Mit welcher königlichen Unterstützung?“

„Vielleicht ohne sie.“

Mara hörte selbst, wie unvollständig das war. Sie versteckte es nicht.

Elias saß am Rand der Karte. Er hatte bisher nichts gesagt. Lena bat ihn nicht um Unterstützung, nur um seine Messwerte. Er legte eine Abschrift aus dem südlichen Unterarchiv vor. Dort würde der Schnitt eine geringere Welle auslösen, aber drei Menschen konnten im Leitungsschacht eingeschlossen werden.

„Wissen sie das?“, fragte Mara.

„Ja“, sagte Elias. „Zwei machen trotzdem mit. Einer nicht.“

Lena nahm den südlichen Punkt aus der ersten Schnittfolge. „Dann wird dort nicht getrennt.“

Mara bemerkte es. Lena achtete ein konkretes Nein, auch wenn es ihren Plan schwächte. Das machte die große Frage schwieriger, nicht leichter.

„Wann?“, fragte Mara.

„In zwei Tagen, bei der niedrigsten vorhergesagten Außenlast.“

„Tavi sagte drei.“

„Severin hat heute zwei Übergangsverbindungen verstärkt.“

Mira, dachte Mara.

„Kann ich die Daten prüfen?“

Lena gab ihr die Lastkarten, nicht die Identitäten dahinter. „Bis morgen Mittag.“

„Und die Türme?“

„Wenn du bis dahin einen belastbaren Ausgleich für drei Abschnitte hast, baue ich ihn ein.“

Kein vollständiger Aufschub. Aber ein prüfbares Fenster.

Die Versammlung stimmte nicht sofort ab. Menschen gingen in ihre Gruppen, lasen Risiken und stellten Fragen. Wer nicht teilnehmen wollte, durfte das Lager verlassen und erhielt Vorräte für zwei Tage.

Lena blieb an der Karte.

„Ich habe drei Jahre auf dich gewartet“, sagte Mara.

„Ich weiß.“

„Warte einen Tag auf meine Prüfung.“

„Einen Tag“, sagte Lena. „Nicht mehr.“

Sie gaben einander keine Umarmung als Abschluss. Mara nahm die Karten, Lena behielt die Punktzeichen. Beide wussten nun genug, um der anderen öffentlich zu widersprechen.

Außerhalb des Zelts flackerte der Wall.

Auf der Karte bewegte sich einer der schwarzen Steine von selbst.

Severin erhöhte die Last auf einen weiteren Namenlosen.