Kapitel 109: Die schwache Stelle

Bei Tageslicht sah der Nachtbruch weniger gefährlich aus.

Das machte ihn nicht kleiner.

Auf dem Weg zum Westpass lagen umgestürzte Wegsteine und ein Wagen, dessen Räder in verschiedene Richtungen zeigten, obwohl keine Achse gebrochen war. Königliche Grenzwachen sperrten die obere Straße. Unter ihnen arbeiteten Tannwalder Erwachsene an den unteren Markierungen.

Mara ging mit Bram Ort, der Heilerin Sanna Veit und ihrem Vater. Keiner von ihnen trug ein Amtssiegel. Sie hatten lokale Verantwortung für Stein, Gesundheit und Handelswege.

„Die Wachen werden dich erkennen“, sagte ihr Vater.

„Ja.“

„Willst du zurück?“

„Nein.“

Er akzeptierte die Antwort, ohne sie tapfer zu nennen.

Am ersten Messstein zeigte die Nadel Grün. Fünf Schritte weiter war der Boden noch mit schwarzem Frost überzogen.

„Der Zeiger lügt“, sagte Bram.

„Oder misst etwas anderes“, antwortete Mara.

Sie wollte keinen Beweis passend machen. Sanna nahm drei gewöhnliche Prüfungen vor: Temperatur, Metallrichtung und Reaktion einer unbezeichneten Wasserschale. Alle zeigten, dass der Bruch hier entlanggelaufen war.

Mara öffnete das Kräuterbuch. Lenas Randnotiz blieb dunkel. Der achte Ring hörte einen Rhythmus in der Wallleitung: drei kurze, zwei lange Schläge, danach eine Pause, die zu groß war.

„Der offizielle Stein hängt nicht mehr am lokalen Abschnitt“, sagte sie.

Bram grub die Leitung frei. Unter der alten grauen Fassung lag ein neuer goldener Draht. Er führte nicht zum Pass, sondern zurück zum königlichen Messturm.

Eine Grenzwache kam den Hang herab. Hauptfrau Oda Kern war fünfzig und kannte Maras Vater aus den Winterdiensten.

„Mara Falk“, sagte sie. „Ich habe einen Meldebefehl.“

„Dann melden Sie.“

Oda blieb stehen. „Der Befehl sagt auch, ich soll Sie festhalten.“

„Wer hat ihn unterschrieben?“

„Das Kanzleramt.“

Mara zeigte ihr Cassians Abschrift und den unvollständigen Notfallnachweis. Oda las alles. Ihre Pflicht verschwand dadurch nicht.

„Ich kann den Befehl nicht aufheben“, sagte sie.

„Ich verlange nicht, dass Sie so tun.“

Sanna zeigte auf den schwarzen Frost. „Bevor Sie sie mitnehmen, brauchen wir eine Erklärung für den falschen Zeiger. Sonst trifft die nächste Welle das Schutzhaus.“

Oda entschied, Mara für die Dauer der örtlichen Gefahrenprüfung unter ihrer Aufsicht zu lassen. Keine Freiheit, aber auch keine sofortige Übergabe an einen königlichen Reiter, der noch nicht da war.

Gemeinsam stiegen sie zur schwachen Stelle.

Der Wall war dort keine sichtbare Mauer. Er zeigte sich als flimmernde Fläche zwischen zwei Felstürmen. In seinem unteren Drittel zog sich ein matter Streifen entlang. Mara hörte Namen darin, aber nur einer trug den vertrauten Takt.

Sanna band Mara ein Orientierungsseil um die Taille. „Wenn du zweimal dieselbe Frage nicht beantworten kannst, ziehe ich dich zurück.“

„Auch wenn ich glaube, noch etwas zu hören.“

„Gerade dann.“

Mara erklärte sich einverstanden. Bram markierte alle zehn Schritte einen Stein, Oda nannte laut die Uhrzeit. Sie arbeiteten nicht nur für eine Entdeckung, sondern für einen Befund, den andere wiederholen konnten.

„Lenas Abschnitt“, sagte sie.

Ihr Vater zuckte bei dem Namen. Ein Schmerz lief durch sein Gesicht, gefolgt von keiner Erinnerung.

„Bist du sicher?“

„Sicher, dass ihre Resonanz hier belastet wird. Nicht, dass sie den Bruch verursacht.“

Bram prüfte die Steinanker. Die Last war in der Nacht von drei benachbarten Abschnitten auf diesen einen umgeleitet worden. Der Befehl trug eine königliche Zeitmarke, aber keinen lokalen Namen.

Sanna verglich die Frostlinie mit den Verletzungen im Schutzhaus. Verlust von Richtung und Berührung hatte jeweils kurz nach den Lastspitzen begonnen. Sie konnte keine magische Ursache beweisen, doch der zeitliche Zusammenhang passte dreimal.

„Schreiben Sie auch die Unsicherheit auf“, sagte Mara.

Ihr Vater notierte: Zusammenhang beobachtet, Ursache nicht abschließend festgestellt.

Severin arbeitete mit Gewissheiten, die nur sein eigenes Amt prüfen durfte. Mara wollte nicht dieselbe Methode mit anderem Ziel benutzen.

Oda fluchte. „Unsere Wache wurde nicht informiert.“

„Wann wurde umgeleitet?“, fragte Mara.

„Vierzig Minuten vor dem ersten roten Alarm.“

Severins Prognose hatte also eine schwache Westlinie gezeigt, nachdem königliche Leitungen zusätzliche Last dorthin geschoben hatten. Das bewies noch nicht, dass er den Nachtbruch absichtlich erzeugt hatte. Es bewies, dass seine Darstellung unvollständig war.

Mara ließ Oda, Bram und Sanna die Zeitmarke selbst lesen. Dann fertigte ihr Vater eine Papierabschrift an.

„Wir brauchen den Befehlskern“, sagte Oda. „Der liegt im Messturm.“

Der Turm war königlich versiegelt.

Im Wall änderte sich Lenas Takt. Drei kurze Schläge. Zwei lange. Dann vier schnelle.

Mara kannte die letzte Folge nicht.

Das Kräuterbuch klappte in ihrer Hand auf. Auf der Seite mit dem Tannwalder Pass erschien ein neuer, feuchter Satz.

Nicht warten.

„Ist das von ihr?“, fragte ihr Vater.

Mara hörte genauer hin. Der Ton war Lenas, doch zwischen ihnen lagen gelöschte Leitungen und königliche Last. Sie würde aus einem Echo keine Gewissheit machen.

„Wahrscheinlich. Wir brauchen eine zweite Bestätigung.“

Oda versiegelte die Abschrift mit ihrem örtlichen Wachzeichen. „Das geht heute an zwei Grenzstellen und an die freie Steinmetzgilde. Wenn der königliche Bote eine Kopie nimmt, bleiben drei.“

„Das Kanzleramt kann Ihr Kommando aufheben“, sagte Bram.

„Es kann meinen Bericht nicht ungelesen machen.“

Hinter dem Felsturm bewegte sich ein Mensch ohne Wachzeichen.

Er trug kein Siegel und auf seinem Mantel keinen Namen.

Oda zog das Schwert.

Der Fremde hob beide leeren Hände.

„Ich komme von Lena Falk“, sagte er.