Kapitel 101: Keine Zustimmung

Der geschlossene Kreis brannte nicht.

Er war kalt genug, dass Mara glaubte, ihre linke Hand liege in Schnee. Goldene Linien stiegen von ihrem Namen an den sieben Anzeigen herab und zogen sich um ihr Handgelenk zusammen. Dahinter stand weiterhin der Satz der vier Schlüssel:

Ich habe nicht zugestimmt.

Severin hob den königlichen Stab. „Die Erklärung der Kandidatin ist verzeichnet. Aufgrund unmittelbarer Gefahr wird Abschnitt vierzehn der öffentlichen Sicherheit aktiviert.“

Auf den Anzeigen erschien ein neuer Text. Er war länger als Maras Nein und in Gold gesetzt.

Bei unmittelbar drohendem Bruch eines Großsiegels kann eine geeignete Person vorläufig zum Dienst verbunden werden, sofern der erwartete Schaden die persönliche Belastung übersteigt.

„Vorläufig“, sagte Mara. „Wie lange?“

Severin antwortete nicht auf die Frage. Er nannte die westliche Warnstufe und dreitausend gefährdete Menschen.

„Welche Belastung erwarten Sie für mich?“

„Die vollständige Belehrung erfolgt nach Stabilisierung.“

„Welche Möglichkeit zum Abbruch habe ich?“

„Während der Notfallbindung keine.“

Joris fluchte leise. Elin hielt die Schlüsselprojektion offen. Cassian stand am Rand der Tribüne, die beglaubigte Kopie noch in der Hand.

Mara zwang ihre Finger auseinander. Der achte Ring zog ihren Namen nicht vollständig aus ihr heraus. Noch konnte sie Tannwald sagen, Lena, Cassian, Joris und Yara. Aber bei jedem Herzschlag klang Mara Falk über ihr etwas mehr wie der Name einer Fremden.

„Dann ist das keine vorläufige Bewertung“, sagte sie. „Es ist eine Bindung ohne Ausstieg.“

Severin gab der Krone ein zweites Signal.

Eine junge Wortdozentin auf der Tribüne fragte, ob die Erklärung der öffentlichen Sicherheit wenigstens einen persönlichen Beistand vorsehe. Die Rechtsberaterin antwortete, ein Beistand dürfe beobachten, aber nicht verzögern. Mara benannte Yara als Wortzeugin und die Heilerin als medizinische Beobachterin.

„Cassian Dorn vertritt Sie rechtlich?“, fragte Severin.

„Nein. Er ist Zeuge seiner eigenen Eintragung.“

Sie würde Severin nicht erlauben, ihren Widerspruch als Folge eines Mannes darzustellen, der angeblich für sie entschied. Cassian neigte kaum sichtbar den Kopf und blieb auf der Tribüne.

Der silberne Kreis an Maras Hand schloss sich fester. Sie hörte ein Rauschen aus der Mauer, zu groß für eine einzelne Stimme. Unter dem Rauschen lagen Menschen: frühere Hüterinnen, Namenlose, deren Erinnerungen als Leitmaterial genutzt worden waren, und die frischen Spuren jener, die erst geprüft wurden. Mira Albrechts Echo flackerte irgendwo zwischen zwei Ebenen.

Mara griff nicht danach. Sie wusste weder, ob Mira gehört werden wollte, noch ob der Kontakt sie tiefer in das königliche Netz ziehen würde.

Stattdessen wiederholte Mara langsam: „Ich stimme nicht zu.“

Yara nahm die Worte auf. Elin spiegelte sie in die Hallen. Joris nannte den Zustand ihrer Hand. Drei Heilkundige auf der Tribüne standen auf und verlangten eine Untersuchung vor jeder weiteren Belastung.

Severin erklärte die medizinische Prüfung wegen der Mauerwarnung für nachgeordnet.

Seraphine blieb auf ihrer Plattform.

„Direktorin“, rief Mara. „Ist diese Verbindung nach Ihrer Satzung eine Prüfung oder ein Dienst?“

Seraphine sah zu Severin, dann auf die Anzeigen. „Ein Notfalldienst.“

„Habe ich zugestimmt?“

Eine Pause.

„Nein.“

Das Wort traf den Hof härter als die Glocke. Seraphine hatte die Zeremonie nicht angehalten, aber sie bestätigte wenigstens nicht die Lüge.

Severin ließ den goldenen Text vergrößern. „Zustimmung ist in Abschnitt vierzehn bei bestätigter unmittelbarer Gefahr nicht erforderlich.“

„Bestätigt durch wen?“, fragte Elin.

„Das königliche Messamt.“

„Das Ihrem Kanzleramt untersteht.“

„Die Zuständigkeit macht Daten nicht falsch.“

„Sie macht sie auch nicht unabhängig.“

Ein Schlag ging durch die Brücken. Staub fiel von den Bögen. Im Westen färbte sich der Himmel erneut grün. Die Tribüne verstummte. Mara roch feuchten Stein und etwas Scharfes, das an zerrissene Minze erinnerte.

Die Gefahr war kein erfundenes Bild. Aber ihre Ursache, ihr Zeitpunkt und die behauptete einzige Lösung waren nicht bewiesen.

Zwei Studierende begannen zu weinen. Ein Ratsgast forderte laut, Mara müsse endlich aufhören, alle zu gefährden. Mara sah den Mann an, ohne ihm seine Angst abzusprechen.

„Wenn Sie glauben, diese Maßnahme sei nötig, sagen Sie trotzdem, was sie mit mir macht“, sagte sie. „Eine notwendige Gewalt bleibt Gewalt. Sie wird nicht freiwillig, nur weil viele sie für nützlich halten.“

Mara wandte sich zu den Studierenden. „Geht nicht davon aus, dass die Mauer harmlos ist. Geht auch nicht davon aus, dass mein Name sie retten muss.“

Der goldene Kreis zog an ihrer Stimme. Das letzte Wort kam heiser.

Yara hob die vierte Kapsel. „Die Verbindung beginnt, ihre Sprachresonanz zu belasten.“

„Dann beenden Sie sie“, verlangte Joris.

Severin ließ zwei Kronenwachen vor den Zentralring treten. „Niemand unterbricht einen erklärten Notfalldienst.“

Cassian stieg eine Stufe von der Tribüne herab. Er überschritt die Linie zum königlichen Bereich nicht.

„Abschnitt vierzehn“, sagte er, „ist nicht vollständig verlesen worden.“

Severins Blick wurde schmal.

Mara konzentrierte sich auf Cassians Stimme. Sie war ein äußerer Fixpunkt, keine Rettungsleine. Ihr eigener Name blieb ihrer, auch wenn jemand anderes ihn bezeugte.

„Lesen Sie“, sagte sie.

Cassian öffnete eine kleine Ausgabe des öffentlichen Siegelrechts.

Severin hob den Stab. Die Wachen gingen auf ihn zu.

Über ihnen flackerte der goldene Satz der Krone.

Darunter blieb Maras kürzere Antwort sichtbar.

Keine Zustimmung.