Kapitel 10: Ein Echo unter Stein

Das Echo führte Mara nicht mit einer Stimme.

Es begann als Geschmack von Eisen, während sie im Speisesaal Haferbrot aß. Dann kam der Geruch von nasser Rinde. Beides gehörte zu keinem Essen auf ihrem Teller. Als sie das Kräuterbuch öffnete, flatterten die Seiten bis zu einer Zeichnung von Bärenmoos.

Lena hatte daneben ein kleines Zeichen gesetzt: drei gebogene Striche über einem Stein.

Mara kannte es aus ihrer Kindheit. Lena markierte damit Pflanzen, die nur an der Nordseite feuchter Brücken wuchsen.

„Sie wollen jetzt nicht wirklich Moos suchen“, sagte Elin gegenüber.

„Doch.“

„Wir haben in einer Stunde Einführung in die Prüfungsordnung.“

„Sie können mir später sagen, welche Regeln ich verpasst habe.“

„Das war keine Einladung.“

Joris schob sein Brot beiseite. „Ich brauche dringend Bewegung.“

Mara schüttelte den Kopf. „Nicht diesmal.“

Sie mochte ihn. Gerade deshalb wollte sie nicht jede unklare Spur sofort zu einer Gruppenpflicht machen. Joris akzeptierte die Grenze mit einem kurzen Nicken.

Mara nahm den öffentlichen Weg zur alten Nordbrücke. Sie verließ das Akademiegelände nicht. Die Brücke verband den Wortflügel mit einem stillgelegten Verwaltungsturm und war tagsüber frei zugänglich.

Unter dem ersten Bogen fand sie nichts. Beim zweiten wurde der Eisengeschmack stärker. Eine Wartungstreppe führte zu einem schmalen Absatz knapp über der Schlucht. Ein Schild erlaubte den Zugang bis zur markierten Kette.

Mara blieb davor stehen.

Jenseits der Kette wuchs Bärenmoos.

Sie hätte hinübergreifen können. Stattdessen kniete sie auf der erlaubten Seite und prüfte den Stein darunter. Eine kleine Platte saß lockerer als die übrigen. Kein Schloss, kein Siegel, nur ein altes Reparaturstück.

„Sie sind erstaunlich gut darin, Grenzen bis auf einen Fingerbreit zu benutzen.“

Cassian stand oben an der Treppe.

„Sie verfolgen mich besser.“

„Ich verfolge eine gemeldete Resonanz. Der Wortflügel hat unter der Brücke einen nicht zugeordneten Ausschlag registriert.“

„Und zufällig war ich hier.“

„Sie waren fünf Minuten früher.“

Er kam bis zur Kette und zeigte sein Amtssiegel. „Darf ich den gesperrten Wartungsbereich betreten?“

„Sie fragen mich?“

„Sie sind die anwesende Zeugin. Die Verwaltung ist informiert.“

Mara nickte.

Cassian öffnete die Kette mit einem amtlichen Prüfzeichen. Er setzte keinen Fuß weiter, bis eine kleine Protokollplatte den Beginn der Maßnahme bestätigte. Dann löste er den flachen Stein aus der Fuge und legte ihn auf den Absatz.

Auf der Rückseite war Lenas Kräuterzeichen eingeritzt.

Mara vergaß zu atmen.

„Kennen Sie es?“, fragte Cassian.

„Nein.“

Der äußere Ring wurde warm. Cassian kommentierte die Lüge nicht.

Neben dem Zeichen verlief eine zweite Gravur, die wie ein halbes Wortzeichen aussah. Mara öffnete das Kräuterbuch auf der Bärenmoosseite. Die Linien passten zusammen, wenn sie Buch und Stein nebeneinanderhielt.

„Nicht berühren“, sagte Cassian.

„Sie haben ihn gerade aus der Wand genommen.“

„Mit Handschuhen und Protokoll.“

Er hatte recht. Mara hasste es erneut.

Cassian ließ eine Kopie der Oberfläche anfertigen. Erst danach legten sie gleichzeitig je zwei Finger an die freien Ränder. Keine geheime Geste, keine Anweisung für einen Ritus. Nur zwei Zeugen, die eine bereits aktive Resonanz prüften.

Die Schlucht verschwand.

Mara stand in einem Korridor aus dunklem Stein. Vor ihr ging eine Frau mit langem Zopf. Lena trug die graue Akademiekleidung des Wortflügels. Zwei Gestalten begleiteten sie. Sie hielten sie nicht fest, doch alle Türen hinter ihr schlossen sich.

„Lena“, rief Mara.

Die Frau drehte den Kopf.

Ihr Gesicht blieb unscharf. Nicht wie in einem Traum, sondern wie eine Stelle, die aus einem Bild herausgeschnitten worden war.

Cassian stand neben Mara, ebenfalls in der Erinnerung. „Das ist keine gegenwärtige Person.“

„Ich weiß.“

Lena hob die Hand. In ihrer Handfläche lag ein silberner Ring, der sich in die entgegengesetzte Richtung bewegte.

Der Korridor senkte sich.

Eine der Begleitpersonen sagte: „Unterarchiv.“

Die andere antwortete: „Der Name ist bereits getrennt.“

Mara versuchte, ihnen zu folgen. Der Boden hielt sie nicht auf; die Erinnerung selbst tat es. Jeder Schritt ließ eine Kleinigkeit verschwinden. Zuerst wusste Mara nicht mehr, ob sie am Morgen Tee getrunken hatte. Dann verlor sie für einen Atemzug die Farbe von Lenas Haar.

„Zurück“, sagte Cassian.

„Noch nicht.“

„Sie verlieren Details.“

Er griff nicht nach ihr. Er stellte sich nur in ihr Blickfeld. „Nennen Sie drei Dinge, die Sie jetzt wissen.“

„Lena lebt.“

„Das zeigt die Erinnerung nicht.“

„Lena ging nach unten. Unterarchiv. Ihr Ring lief andersherum.“

„Und Sie stehen unter der Nordbrücke“, sagte Cassian. „Es ist der zweite Aufnahmetag. Ihr Kräuterbuch liegt rechts von Ihnen.“

Mara wiederholte die Sätze. Der Geruch von Regen kehrte zurück, noch bevor die Erinnerung zerbrach.

Die Szene brach.

Mara kniete wieder unter der Brücke. Regen sprühte über den Absatz. Cassian hatte seine Hand vom Stein genommen. Sie auch.

Das Protokoll zeigte eine gemeinsame Resonanz von sieben Herzschlägen.

„Sie haben es gesehen“, sagte Mara.

„Eine unvollständige gespeicherte Erinnerung.“

„Eine Erinnerung, die unter einer Akademiebrücke auf uns gewartet hat.“

„Lena.“

„Eine Frau, die auf den Namen reagierte.“

Mara wollte ihn anschreien. Dann bemerkte sie, dass seine rechte Hand zitterte.

„Was haben Sie gehört?“

Cassian sah auf die Gravur.

„Nicht Ihre Schwester“, sagte er. „Jemand nannte mich bei einem Namen, den ich seit meiner Kindheit nicht mehr gehört habe.“

Unter ihnen lief nun ein silberner Lichtfaden durch den alten Brückenstein.

Er führte nach unten.