Kapitel 91: Das Angebot von zehn Prozent

Helene bot Nora zehn Prozent an.

Nicht fünfunddreißig.

Nicht als Stimmrecht.

Als „wirtschaftliche Beteiligung ohne Einfluss auf die Geschäftsführung“.

Der Entwurf kam über Anwälte und enthielt diesmal keinen Tausch gegen Evas Entlastung. Die Bankgarantie gegen Nora sollte zurückgenommen werden, sobald sie erklärte, Marlene habe vor ihrem Tod auf alle weitergehenden Rechte verzichtet.

Nora las den Satz in Tobias’ Kanzlei.

„Warum bietet sie mir Geld für Rechte, die angeblich nicht existieren?“

Tobias drehte die Seiten nicht sofort um. „Sie kann sagen, sie kauft Frieden und vermeidet Verfahrenskosten.“

„Dann soll sie das auch so nennen.“

Die zehn Prozent waren keine echten Gesellschaftsanteile. Der Vertrag versprach eine erfolgsabhängige Zahlung, berechnet nach einem internen Ergebnis. Helene kontrollierte weiterhin, welche Kosten vorher abgezogen würden.

„Ohne Einsicht kann ich nicht einmal prüfen, was zehn Prozent bedeuten“, sagte Nora.

„Richtig.“

Eine zweite Klausel verpflichtete sie, nie als Gesellschafterin, Begünstigte oder Rechtsnachfolgerin aufzutreten. Eine dritte erklärte die 96.000 Mark zum vollständigen Kaufpreis von 1999.

Nora dachte an ihren Vater. Sein ungesendeter Brief hatte genau diese Bedeutung bestritten. Der Kontoauszug nannte vorläufige Familienabsicherung. A-3 wurde amtlich als Treuhandnachtrag geführt.

Helene wollte siebenundzwanzig Jahre später eine neue Unterschrift, die ihre alte Geschichte bestätigte.

„Wenn ich unterschreibe, wird dann Evas Garantie ebenfalls zurückgenommen?“

„Nein“, sagte Tobias. „Nur Ihre.“

Das Angebot versuchte diesmal nicht, die Frauen direkt gegeneinander zu tauschen. Es trennte ihre Risiken.

Nora konnte ihr Haus schützen und Eva in der Prüfung zurücklassen.

Sie rief Eva nicht an, bevor das Dokument gesichert war. Dann erhielt Eva gleichzeitig mit Nora eine Kopie über den vereinbarten Ordner.

„Ich werde nicht unterschreiben“, sagte Nora.

„Das ist Ihre Entscheidung.“

„Sie dürfen ruhig sagen, dass es die richtige ist.“

„Sie sollen nicht aus Loyalität zu mir auf etwas verzichten oder daran festhalten.“

Nora verstand den Satz besser als vor der Mailboxnachricht. Eva wollte keine Allianz, in der jede Entscheidung ihre Zustimmung brauchte.

Nora stellte Helene über Tobias drei Fragen:

Warum genau zehn Prozent?

Auf welcher Bewertung beruhte die Zahlung?

Warum war ein neuer umfassender Verzicht nötig, wenn A-3 bereits 1999 alles beendet hatte?

Die Antwort kam nach zwei Tagen.

Zehn Prozent seien ein „kaufmännischer Vergleichswert“. Eine detaillierte Bewertung werde erst nach grundsätzlicher Annahme offengelegt. Der neue Verzicht diene nur der Rechtssicherheit.

„Rechtssicherheit für wen?“, fragte Nora.

Für Helene.

Nicht für die fehlenden vier Blätter.

Tobias riet nicht automatisch ab. Er erklärte, Vergleiche könnten sinnvoll sein, selbst wenn ein Anspruch stärker sei. Nora müsse aber Umfang, Wert, Steuerfolgen und Verzichtswirkung kennen.

Er empfahl ihr zusätzlich eine unabhängige wirtschaftliche Bewertung, falls Helene Zahlen offenlegte. Tobias konnte Rechtsfolgen erklären, sollte aber nicht allein den Unternehmenswert bestimmen. Nora wollte nicht noch einmal eine scheinbar vollständige Beratung aus einer einzigen Person erhalten, nur weil diese Person auf ihrer Seite stand.

„Ich lehne nicht ab, weil zehn zu klein klingt“, sagte Nora. „Ich lehne ab, weil sie mir keine überprüfbare Grundlage gibt.“

Sie schickte eine schriftliche Antwort. Bereit zur Diskussion über Sicherung und Zwischenlösungen, nicht bereit zur Bestätigung eines unbekannten historischen Inhalts.

Helene zog daraufhin die Rücknahme der Garantie aus dem Angebot zurück.

Damit zeigte sie, dass die Garantie nicht nur ein unabhängiger Bankvorgang war. Sie nutzte ihre Haltung dazu als Druckmittel.

Die Bank erhielt die Korrespondenz, soweit sie die Garantie betraf. Sie erklärte, ihre Prüfung bleibe unabhängig von einem privaten Vergleich. Helenes Rücknahme hätte Gewicht, aber die Bank werde keine Verzichtserklärung zu A-3 verlangen.

Nora spürte Erleichterung.

Nicht weil ihr Haus endgültig sicher war.

Weil die Bank die beiden Fragen nicht vermischte.

Am Abend legte sie das Angebot neben den Hotelentwurf. Erst sollte sie A-3 aufgeben, um Eva zu schützen. Jetzt sollte sie A-3 aufgeben, um sich selbst zu schützen.

Zehn Prozent ohne Stimme waren kein Geschenk.

Sie waren der Preis, den Helene für Noras Unterschrift festlegte, bevor sie den Wert der verschwundenen Rechte offenlegte.

Nora schrieb ihre Antwort über die erste Seite:

Wer nichts schuldet, braucht keinen endgültigen Verzicht zu kaufen.

Die Frage blieb bei Helene.