Kapitel 89: Das Treffen im Hotel

Daniel kam nicht.

Nora wusste es, sobald sie die Lobby betrat. Nicht weil sie jeden Gast erkannte, sondern weil an dem vereinbarten Tisch eine Frau mit zwei identischen Mappen saß.

Helenes Anwältin.

„Frau Brandt.“

„Wo ist Daniel?“

„Herr Keller hat den Kontakt ermöglicht.“

Das war keine Antwort.

Nora blieb stehen. Der Tisch befand sich im offenen Bereich, Kameras waren sichtbar, und Jana wusste, dass sie angekommen war. Nora schickte das vereinbarte Zeichen: Ort unverändert, andere Person.

„Ich höre mir an, was Sie anbieten“, sagte sie. „Ich unterschreibe nichts.“

Die Anwältin schob keine Mappe über den Tisch. „Sie können die Unterlagen zuerst lesen.“

„Dann bleiben sie auf Ihrer Seite.“

Nora setzte sich.

Das Angebot bestand aus zwei Teilen.

Keller Wohnbau würde gegenüber der Bank erklären, Eva habe nie eine operative Rolle in der Finanzierung gehabt. Helene würde außerdem jede zivilrechtliche Forderung gegen Eva aus den fünf Zahlungen zurücknehmen.

Im Gegenzug sollte Nora bestätigen, dass alle Ansprüche aus Marlenes Beteiligung mit der Zahlung von 1999 endgültig erledigt seien. Sie sollte auf Auskunft zu A-3 verzichten und sämtliche Kopien herausgeben.

„Sie bieten Evas Entlastung gegen meine Rechte.“

„Wir bieten eine Gesamtlösung.“

„Kann Helene die Bankgarantie aufheben?“

„Keller Wohnbau kann seine Position zur Garantie ändern.“

„Das ist nicht dieselbe Antwort.“

Die Anwältin faltete die Hände. „Die Bank berücksichtigt die Haltung des Gläubigers.“

Nora stellte ihre drei vorbereiteten Fragen.

Welche konkrete Unterlage entlastet Eva?

Die Anwältin verwies auf interne Projektakten.

Wo befand sie sich?

Bei Keller Wohnbau und teilweise in rechtlicher Prüfung.

Warum musste Nora dafür auf eigene Rechte verzichten?

„Weil alle Fragen aus demselben familiären Konflikt entstanden sind.“

Nora dachte an Tobias’ drei Kästen. Garantie, Treuhand, heutige Rechtsfolge. Helene versuchte, daraus einen einzigen Preis zu machen.

„Ist A-3 eine Verzichtserklärung?“, fragte Nora.

„Unsere Mandantin vertritt diese Auffassung.“

„Dann warum brauchen Sie meinen neuen Verzicht?“

Die Anwältin antwortete nicht sofort.

Nora stand auf.

„Frau Brandt, wenn Sie gehen, kann Eva weiter belastet bleiben.“

Der Satz war der eigentliche Zweck des Treffens.

„Wenn Helene Belege hat, dass Eva nicht beteiligt war, muss sie sie unabhängig von meiner Unterschrift sichern und vorlegen.“

„Das ist Ihre moralische Bewertung.“

„Nein. Das ist meine Antwort.“

Die Anwältin bat Nora, wenigstens eine Empfangsbestätigung zu unterschreiben. Nora lehnte ab. Die Lobbykamera und die angekündigte Anwesenheit reichten, um das Treffen zu dokumentieren. Tobias konnte später eine Kopie der Unterlagen offiziell anfordern.

Nora notierte Beginn, Ende und jede Person, die den Tisch verlassen oder betreten hatte. Sie fotografierte die Mappen nicht heimlich. Nach dem Treffen übermittelte die Anwältin dieselben Fassungen mit einer formalen Begleitmail. Dadurch entstand eine nachvollziehbare Dokumentenkette, ohne dass Nora ein Papier aus dem Hotel tragen musste.

„Daniel sagte, Sie würden vernünftig sein“, sagte die Anwältin.

Nora hielt inne. „Wann hat er das gesagt?“

„Das ist vertraulich.“

Damit bestätigte sie wenigstens aktuellen Kontakt.

Nora ging nicht zur Tiefgarage und nicht zu einem zweiten Raum. Sie trat vor das Hotel, rief Jana und dann Tobias an. Erst danach informierte sie Eva mit einem einzigen Satz:

Daniel erschien nicht. Helene bot deine Entlastung gegen meinen Verzicht; ich habe nichts unterschrieben.

Eva antwortete:

Verstanden. Bitte vollständige Zeitleiste über Tobias.

Keine Vergebung. Keine neue Nähe.

Aber keine Stille.

Die Anwältin übersandte später beide Vertragsentwürfe. Der Entwurf nannte die 96.000 Mark erstmals „Kaufpreis für sämtliche gegenwärtigen und zukünftigen Rechte“. Dem widersprachen Peters Brief und der damalige Kontoauszug.

Außerdem enthielt er eine Vertraulichkeitsklausel, die Nora untersagt hätte, die Existenz von A-3 zu erwähnen.

Ein bedeutungsloser Entwurf brauchte selten so viel Schweigen.

Nora legte die Dokumente in den gesicherten Kanal und verließ Hamburg.

Auf der Rückfahrt hielt sie nicht an Daniels früherer Adresse. Das Angebot war bereits vollständig genug, und jede private Zusatzsuche hätte nur Helenes nächsten Ort bestimmt.

Daniel hatte kein Beweismittel angeboten.

Er hatte Helene eine Gelegenheit verschafft, zwei Frauen wieder gegeneinander zu verhandeln.

Das Treffen beantwortete seine Mailboxnachricht.

Er konnte Eva nicht einfach befreien.

Er konnte nur versuchen, Noras Angst vor Evas Belastung als Unterschrift zu benutzen.