Kapitel 83: Die Mail in ihrem Namen

Die E-Mail existierte elektronisch.

Eva hatte gehofft, der Ausdruck würde an einem fehlenden Original zerfallen. Stattdessen zeigte Jana ihr eine gesicherte Datei mit vollständigen Kopfzeilen.

Absender war ein privates Konto unter Evas Namen.

Versendet aus dem Heimnetz.

Signatur:

Eva Keller
Leitung Payroll & Finance

Im Text stand dieselbe formelle Anrede wie auf dem Ausdruck. Zusätzlich enthielt die Datei eine Projektkennung, die zum damaligen Zeitpunkt nur im internen Vorbereitungssystem von Keller Wohnbau verwendet worden war.

„Die Mail ist also echt“, sagte Eva.

„Die Datei und der Versand sind echt“, sagte Jana. „Wer sie verfasst und ausgelöst hat, ist weiterhin zu prüfen.“

Das private Konto hatte Daniel Jahre zuvor eingerichtet, angeblich für gemeinsame Verträge. Eva hatte es selten benutzt. Die Wiederherstellungsnummer gehörte zu seinem Telefon.

Der Versand lief über den heimischen Router um 14.18 Uhr, während Eva in Bremen an der Schulung teilnahm.

Das Routerprotokoll war nicht mehr vollständig vorhanden. Der Anbieter konnte nur den damaligen Anschluss und die öffentliche Verbindungsadresse bestätigen. Es gab keine Liste, welches Familienmitglied vor dem Bildschirm saß. Jana erklärte die Lücke ausdrücklich, bevor Eva aus der technischen Sprache eine Person machte.

„Dann war Daniel zu Hause“, sagte Nora.

„Wir wissen, dass die Verbindung zu Hause genutzt wurde“, sagte Jana.

Daniel hatte an diesem Tag laut seinem Kalender im Homeoffice gearbeitet. Ein Paketdienst bestätigte eine Unterschrift an der Haustür um 13.52 Uhr. Das machte seine Anwesenheit plausibel, bewies aber nicht automatisch den Versand.

Eva las die Mail Zeile für Zeile. Der Text behauptete, sie habe die Risiken geprüft und akzeptiere, dass „weitere private Sicherheiten der Beteiligten“ in die Finanzierung einbezogen würden.

Nora wurde nicht genannt.

Der Projektcode dagegen war exakt.

„Woher hätten Sie den kennen können?“, fragte Jana.

„Gar nicht. Ich hatte keinen Zugang zu Keller Wohnbau.“

„Hat Daniel ihn zu Hause erwähnt?“

„Nicht, dass ich mich erinnere.“

Jana zeigte ihr eine interne Nachricht von Daniel an Helene, gesichert aus den konkret freigegebenen Finanzierungskommunikationen. Zwei Stunden vor der Mail schrieb er:

Projektkennung für Zustimmung verwenden.

Kein Name. Kein ausdrücklicher Auftrag zur Fälschung. Aber Daniel kannte die Kennung und plante, sie in einer Zustimmung zu verwenden.

„Er hat das vorbereitet“, sagte Eva.

„Die Nachricht ist ein wichtiger Zusammenhang“, sagte Jana. „Wir prüfen die Antwort und Geräte.“

Die Mail enthielt keine elektronische Signatur im technischen Sinn. Sie war nur eine Erklärung unter Evas Namen. Für die spätere Garantie wurde sie als Nachweis ihres Wissens verwendet.

Eva fragte, wann die Datei erstmals in Keller Wohnbaus System gespeichert worden war.

Zwölf Minuten nach dem Versand.

Hochgeladen über Daniels Benutzerkonto.

Helene hatte sie zwei Tage später in einem Finanzierungstermin freigezeichnet. Ihre Notiz lautete:

Evas Beteiligung dokumentiert.

Damit war nicht bewiesen, dass Helene wusste, wer die Nachricht geschrieben hatte. Es war bewiesen, dass sie das Dokument als Zustimmung verwendete.

„Sie hätte mich fragen können“, sagte Eva.

„Ja.“

Jana sagte es ohne Einschränkung. Helene hatte Evas angebliche berufliche Verantwortung übernommen, ohne mit ihr zu sprechen.

Am Abend erhielt Tobias eine Kopie der freigegebenen technischen Zusammenfassung. Die Bank verlängerte die Aussetzung erneut. Sie wollte die Gerätekennung des Versands mit dem Familien-Tablet und dessen Sicherungen vergleichen.

Eva erinnerte sich an die Reparatur des Tablets. Daniel hatte behauptet, der Akku sei defekt. Er hatte das Gerät allein abgeholt und danach alle Konten wieder eingerichtet.

„Wann war das?“, fragte Nora.

„Einige Wochen vor der Mail.“

Eva suchte nicht im Gerät. Es lag bereits bei den Ermittlern, soweit rechtlich gesichert. Sie suchte in ihren eigenen Kaufbelegen und fand die Rechnung des Reparaturdienstes.

Darauf stand:

System zurückgesetzt. Datensicherung durch Kunden wiederhergestellt.

Kunde: Daniel Keller.

Die E-Mail in Evas Namen war keine bloße Papiererfindung.

Sie war verschickt, empfangen und als Beweis benutzt worden.

Ihre technische Echtheit machte die behauptete Zustimmung nicht wahr. Sie machte nur die verantwortliche Nutzung fremder Identität konkreter und für die Bank prüfbar.

Genau deshalb wurde die nächste Frage enger:

Wer hatte das Tablet nach der Wiederherstellung kontrolliert, als die Mail aus Evas Heimnetz an Daniel ging?