Kapitel 71: Die Postkarte aus Wismar

Die Postkarte zeigte den Marktplatz von Wismar im Regen.

Eva erkannte Daniels Handschrift nicht auf der Vorderseite. Dort stand nur ihre Adresse, mit Druckbuchstaben geschrieben. Auf der Rückseite gab es einen einzigen Satz:

Die Möwen haben wieder deinen Kuchen gestohlen.

Niemand außer Daniel kannte diese Formulierung.

Vor zwölf Jahren hatten sie ein Wochenende an der Ostsee verbracht. Eva hatte ein Stück Kuchen auf eine Mauer gestellt, und eine Möwe war damit davongeflogen. Daniel hatte danach bei jeder misslungenen Reise gesagt, die Möwen hätten wieder ihren Kuchen gestohlen.

Es war keine geheime Information im kriminalistischen Sinn. Sie konnte in alten Nachrichten stehen. Daniel konnte sie jemandem erzählt haben.

Für Eva war sie trotzdem persönlich genug, um die Karte als seine Kontaktaufnahme zu behandeln.

Sie steckte sie nicht in die Handtasche. Sie fotografierte den Fundort im Briefkasten, legte die Karte auf sauberes Papier und rief Jana an.

Der Poststempel stammte aus Wismar. Zwei Tage alt.

Auf der Karte stand keine Bitte, kein Treffpunkt und kein Hinweis auf eine Gefahr. Unten links war mit Bleistift eine Uhrzeit notiert:

Donnerstag, 16.20.

Heute war Mittwoch.

„Er erwartet, dass Sie wissen, wohin“, sagte Jana.

Eva dachte an Cafés, Hotels und den Hafen. Daniel und sie waren nur einmal gemeinsam in Wismar gewesen. Damals hatten sie in einem kleinen Café am Wasser gesessen, nachdem die Möwe den Kuchen genommen hatte.

„Café Möwenblick“, sagte sie.

Nora war am Telefon zugeschaltet. „Dann fahren wir.“

„Nein“, sagte Eva.

Die Antwort kam schneller als die Erinnerung.

Ihre Regel lautete: keine Reise aufgrund einer einzelnen Botschaft Daniels. Wismar war bisher durch keinen unabhängigen Beleg mit den Dokumenten, Zahlungen oder Marlene verbunden.

„Wenn er dort wartet, verlieren wir ihn“, sagte Nora.

„Er hat uns keinen überprüfbaren Grund gegeben.“

Jana erklärte, sie könne die Karte sichern und örtliche Möglichkeiten prüfen. Eine Postkarte mit privatem Satz begründete keine umfassende Überwachung einer ganzen Stadt. Wenn Eva ein Treffen erwartete, sollte sie nicht allein fahren und keine Zusagen machen.

„Ich habe keinem Treffen zugestimmt“, sagte Eva.

Tobias bat um eine Kopie. Er bemerkte auf der Bildseite eine kleine Markierung neben dem Hafen. Kein Kreis, eher ein Druckfehler. Die Kartenserie wurde an vielen Orten verkauft.

Am Nachmittag kam eine unabhängige Spur.

Die Bank übersandte Tobias eine Auskunft zu den fünf Zahlungen. Eine begleitende Buchungsnotiz verwies auf eine Beratung durch:

Bader & Partner, Wismar.

Die Kanzlei existierte nicht mehr. Ihr früherer Inhaber, Ernst Bader, war derselbe Name, der in alten Keller-Unterlagen als steuerlicher Berater von Rolf Keller erschien.

Wismar war nun nicht mehr nur Daniels Ziel.

Es war mit einer belegten Zahlungsnotiz verbunden.

Eva änderte ihre Entscheidung nicht in eine heimliche Fahrt. Sie informierte Jana, gab Tobias die Unterlage und bestand darauf, dass Nora mitkam, falls ein rechtlich unbedenklicher Termin zustande kam.

„Sie haben gerade Nein gesagt“, sagte Nora.

„Zu einer Karte. Jetzt haben wir eine unabhängige Verbindung.“

Jana kontaktierte die örtliche Polizei nicht für einen dramatischen Zugriff. Sie ließ lediglich prüfen, ob das Café existierte, ob es einen öffentlich zugänglichen Bereich gab und ob konkrete Fahndungsmaßnahmen gegen Daniel eine Koordination erforderten.

Das Café Möwenblick gab es noch.

Die Uhrzeit auf der Karte lag in seiner Öffnungszeit.

Eva betrachtete Daniels Satz. Er hatte eine Erinnerung gewählt, die sie zurück in die Rolle seiner Frau ziehen sollte. Ein gemeinsamer Witz statt einer überprüfbaren Erklärung. Dann hatte er gerade genug Zeit gelassen, damit sie reagieren konnte.

„Er möchte, dass Sie allein kommen“, sagte Nora.

„Er hat das nicht geschrieben.“

„Aber er hat meine Erinnerung nicht benutzt.“

Eva widersprach nicht.

Am Abend bestätigte Jana, dass sie von der Fahrt wusste und einen Kontaktweg festlegte. Eva und Nora sollten im öffentlichen Bereich bleiben, keine Gegenstände übernehmen, ohne die Herkunft zu dokumentieren, und bei einer Änderung des Ortes abbrechen.

Eva packte keine Reisetasche.

Sie nahm ihren blauen Ordner, eine Kopie der Banknotiz und die Telefonnummern von Jana und Tobias.

Daniel hatte wieder versucht, den Takt mit einer halben Wahrheit zu setzen.

Diesmal führte seine Postkarte nur deshalb nach Wismar, weil eine unabhängige Buchung dort bereits auf sie wartete.