Eva bekam ihren Schreibtisch zurück, aber nicht die letzte Freigabe.
Die Personalchefin von HanseKontor erklärte die Regel schriftlich. Eva durfte Stammdaten prüfen, Abweichungen dokumentieren und vorbereitende Kontrollen übernehmen. Zahlungsdateien mussten vorläufig von zwei anderen Personen freigegeben werden, bis die externe Prüfung ihrer privaten Verwicklung abgeschlossen war.
„Das ist keine Feststellung gegen Sie“, sagte die Personalchefin.
„Aber eine Einschränkung.“
„Ja.“
Eva unterschrieb nur den Erhalt, nicht ihr Einverständnis mit jeder Formulierung. Sie ließ sich eine Kopie geben und bat um ein Datum für die nächste Überprüfung.
Ihr Arbeitsplatz roch nach Papier und dem Reinigungsmittel, das das Unternehmen am Wochenende benutzte. Jemand hatte ihre Farbordner ordentlich in einen Schrank gestellt. Nichts fehlte.
Trotzdem fühlte sich die Rückkehr nicht wie Normalität an.
Die Kollegen wussten inzwischen genug, um Gespräche abzubrechen, wenn sie den Raum betrat. Einer fragte, ob ihr Mann gefunden worden sei. Eva antwortete, dass die Ermittlungen liefen, und öffnete die Monatskontrolle.
Sie war nicht zurückgekommen, um Daniels Geschichte im Pausenraum zu verteidigen.
Am Nachmittag erhielt sie auf ihre frühere Anfrage eine exportierte Übersicht der Vorlagenhistorie. HanseKontor durfte ihr betriebliche Systeme nicht für private Ermittlungen öffnen. Die IT hatte deshalb nur geprüft, wann eine bestimmte alte Lohnvorlage erstellt, aktualisiert und offiziell ausgemustert worden war.
Die beschädigte Tabelle aus Daniels Hotel stammte aus einer Version, die Eva vor drei Jahren angelegt hatte. Sie enthielt einen seltenen Druckfehler im Fußtext und ein Feld für manuelle Kostenstellen.
Der Export zeigte zusätzlich einen ungewöhnlichen Abruf.
Sechs Monate vor Daniels Verschwinden war eine Kopie der ausgemusterten Vorlage über Evas berechtigten Arbeitsplatz auf einen von der IT zugelassenen privaten Druckpfad geschickt worden. Damals hatte sie im Büro gearbeitet. Sie konnte nicht sicher erinnern, die Datei geöffnet zu haben.
„Wer konnte meinen Rechner benutzen?“, fragte sie.
Der IT-Mitarbeiter schob ihr keine Liste von Verdächtigen zu. „Ihr Konto war angemeldet. Wir haben keine Kamera und keine biometrische Zuordnung. Der Abruf beweist nur die Sitzung.“
Eva betrachtete das Datum.
Daniel hatte sie an diesem Abend am Büro abgeholt. Er war zwanzig Minuten zu früh gekommen und im Empfangsbereich geblieben. Eva hatte noch einen Fehler in einer Krankenkassenmeldung geklärt. Einmal war sie zum Drucker gegangen und hatte Daniel gebeten, an ihrem Platz zu warten.
Die Erinnerung war kein Zugriffsprotokoll.
Sie schrieb sie als eigene Aussage auf, getrennt von der IT-Bestätigung.
Der Druckpfad gehörte zu einem Gerät, das HanseKontor in einem Besprechungsraum für Gäste freigab. Druckaufträge wurden nach kurzer Zeit automatisch gelöscht. Die Protokolle bewahrten nur Zeitpunkt, Dateiname und Seitensumme.
Die IT erklärte außerdem, dass der historische Datensatz regulär bald gelöscht worden wäre. Wegen der konkreten Anfrage und der bereits bekannten Finanzierungssache wurde er nun unverändert gesichert. Eva bat um die Prüfsumme der exportierten Erklärung, nicht um erweiterten Zugriff auf interne Protokolle.
Der Dateiname lautete:
Lohn_Kostenstellen_alt_Kopie.
Zwölf Seiten.
Dieselbe Seitensumme wie die im Hotel gefundene beschädigte Tabelle.
Eva informierte ihre Personalchefin, bevor sie Tobias oder Jana die Unterlage übergab. Die Firma bestätigte den Export mit einer beschränkten Erklärung, die keine Daten anderer Beschäftigter enthielt.
„Sie dürfen das Dokument für die konkrete Prüfung nutzen“, sagte die Personalchefin. „Nicht veröffentlichen.“
„Das hatte ich nicht vor.“
Am Abend traf Eva Nora in Tobias’ Kanzlei. Sie zeigte ihr nicht das gesamte IT-Protokoll, sondern die freigegebene Erklärung.
„Dann hat Daniel die Vorlage gestohlen“, sagte Nora.
„Die Vorlage wurde in meiner angemeldeten Sitzung an einen Gästedrucker geschickt.“
„Und er war dort.“
„Das ist meine Erinnerung. Noch kein technischer Beweis.“
Nora atmete aus. „Aber sechs Monate vor seinem Verschwinden.“
Das war der belastbare Teil.
Daniel hatte die Lohnvorlage nicht erst auf der Flucht gefunden. Die Kopie war lange vor der öffentlichen Geschichte über Eva vorbereitet worden.
Am nächsten Morgen setzte Eva sich wieder an ihren Schreibtisch. Die Zahlungsfreigabe blieb gesperrt, doch ihre Prüfrechte reichten für die Arbeit, die ihr gehörte.
Sie öffnete die freigegebenen Finanzierungsunterlagen, die sie als Garantin erhalten hatte, nicht HanseKontors fremde Personaldaten.
Daniels Hinweis auf fünf gleiche Zahlungen wartete dort.
Zum ersten Mal wusste Eva, dass die Vorlage für diese Zahlungen bereits ein halbes Jahr vor seinem Verschwinden kopiert worden war.
