Kapitel 54: Ein Schließfach ohne Schlüssel

Der Rostocker Poststempel enthielt die Nummer 18.

Sie bezeichnete das Briefzentrum, nicht den Ort des Einwurfs. Ein zweiter, schwächerer Maschinenabdruck zeigte jedoch die Sortierlinie des Hauptbahnhofs.

Jana verband diese Angabe mit dem Zettel, der auf dem Automatenfoto aus Daniels rotem Ordner geragt hatte. Auf einer vergrößerten Aufnahme waren ein Stationslogo und die Ziffern 204 zu erkennen.

Am Rostocker Bahnhof betrieb eine private Firma Kurzzeit-Schließfächer.

Fach 204 war nicht auf Daniel gemietet. Der digitale Vertrag lief auf die Nordhafen Service GmbH, eine Gesellschaft, die in der Finanzierungsanlage als Materiallieferant geführt wurde.

Die Gesellschaft hatte der Nordbank in sechs Monaten 312.000 Euro Materialkosten gemeldet. Öffentliche Baustellenschilder nannten sie nicht. Eva notierte die Abweichung, ohne daraus eine Scheinfirma zu machen.

„Noch eine Firma ohne Menschen?“, fragte Nora.

Eva prüfte das öffentliche Register. Nordhafen Service hatte eine Geschäftsadresse bei demselben Büroservice wie Nordwerk Ausbau. Keine eigene Internetseite, keine veröffentlichten Beschäftigten.

„Eine Gesellschaft mit wenig sichtbarem Betrieb“, sagte sie. „Nicht automatisch ohne Menschen.“

Jana hatte die rechtliche Freigabe zur Öffnung eingeholt. Das Mietfach war bereits abgelaufen, wurde aber wegen des Verfahrens gesichert.

Im Inneren lag keine rote Akte.

Nur eine alte Firmenzugangskarte und ein gefalteter Zettel.

Die Karte trug Daniels Foto und den Aufdruck Keller Wohnbau – Altbauarchiv. Laut Firma war sie vor fünf Jahren deaktiviert worden.

Auf der Rückseite befand sich ein Kratzer in Form eines X. Lukas hatte erklärt, alte Karten seien nach der Deaktivierung normalerweise eingezogen worden. Daniels Karte war außerhalb dieses Ablaufs geblieben.

„Warum bewahrt er eine nutzlose Karte auf?“, fragte Nora.

„Vielleicht war sie nicht immer nutzlos“, sagte Eva.

Die Kartennummer stimmte mit keiner aktuell vorgelegten Berechtigung überein. Jana ließ prüfen, ob sie früher den Metallschrank, das alte Verwaltungsgebäude oder das Hamburger Lagerfach öffnen konnte.

Keller Wohnbau antwortete, das frühere Zutrittssystem sei ersetzt und die historische Rechteverwaltung unvollständig. Ein Wartungsprotokoll zeigte jedoch, dass Karten der Serie 31 den Archivbereich geöffnet hatten. Daniels Nummer begann mit 31.

Das bewies nicht, dass er den Schrank geöffnet hatte. Es bewies, dass die Karte ursprünglich dafür geeignet gewesen sein konnte.

Auf dem Zettel stand eine Adresse:

Billstraße 74, Haus 9.

Die Billstraße war dieselbe Straße wie das HanseLager, aber die Hausnummer war falsch. Unter Nummer 74 gab es laut öffentlichem Verzeichnis eine Werkstatt, kein Haus 9.

„Daniel macht keine Zahlendreher“, sagte Eva.

„Jeder macht Zahlendreher“, sagte Jana.

„Ja. Aber er hat uns schon Zahlen als Aktenwege hinterlassen.“

Sie notierte die Möglichkeit, ohne die Adresse eigenständig aufzusuchen.

Auf der Rückseite des Zettels stand:

Erste Zahlung nach M.B.

Kein Betrag, kein Datum.

Nora dachte an die Tabelle auf der Speicherkarte, an das Konto B-Treuhand und an die Zahlungen, die Peter nach Marlenes Tod erhalten hatte.

„M.B. kann wieder Marlene Brandt sein.“

„Wahrscheinlich“, sagte Eva. „Nicht sicher.“

Das Schließfach lieferte keine Schlüssel zu Daniel.

Es lieferte eine deaktivierte Karte, eine falsche Adresse und eine Zahlungsfrage.

Jana ließ die Zugangsprotokolle der Schließfachanlage sichern. Der Vertrag war drei Monate zuvor online eingerichtet worden. Bezahlt hatte Nordhafen Service. Das Fach wurde zweimal geöffnet: am Abend von Daniels Ankunft und am Morgen seiner Abreise.

Die Zugangsdauer betrug beim ersten Mal vier Minuten, beim zweiten siebenundvierzig Sekunden. Daniel konnte dort eine Tasche deponiert oder abgeholt haben. Für das Sortieren eines umfangreichen Ordners war der zweite Zugriff kurz.

„Dann hat er die Sporttasche dort geholt“, sagte Nora.

„Das ist möglich. Die Kamera zeigt den Innenbereich nicht.“

Eva betrachtete den Zettel. Hausnummer 74, Haus 9. Zwei Zahlen, die zusammen keinen realen Ort ergaben.

Daniel hatte ihnen keinen Schlüssel hinterlassen.

Er hatte ihnen eine Adresse gegeben, die absichtlich nicht passte.

Und eine Karte, die früher genau in das Archiv geführt haben konnte, aus dem die rote Akte verschwunden war.

Jana nahm beides als zusammenhängende Spur auf: Zugang zum Altarchiv und Hinweis auf die erste Zahlung. Das Schließfach war leer an Gewicht, nicht an Absicht.

Daniel hatte zwei Wege in demselben kleinen Fach zusammengelegt.

Beide führten zurück zur Firma.

Unvermeidlich.