Kapitel 39: Das leere Fach

Fach 318 war nicht verschlossen, als die Polizei kam.

Das äußere Zugangssystem war gesichert. Die Metalltür des Fachs selbst stand jedoch einen Fingerbreit offen. Jana fotografierte den Zustand, bevor der Betreiber sie vollständig öffnete.

Nora durfte nicht allein hinein. Sie war mit Tobias im Flur anwesend, während Jana und ein Kollege den Inhalt sichteten. Eva wartete draußen vor dem Gebäude.

Das Fach war fast leer.

Auf dem Boden lagen Staubstreifen, die rechteckige Flächen aussparte. Dort hatten bis vor Kurzem Kisten oder Ordner gestanden. Zurückgeblieben war nur eine zusammengerollte Bauzeichnung.

Der Betreiber hatte eine alte Bestandskarte gefunden. Darauf waren bei Vertragsbeginn sechs Archivkartons und ein flacher Metallbehälter vermerkt. Die Karte dokumentierte keine späteren Entnahmen, weil Peter einen Vertrag ohne Einzelinventur abgeschlossen hatte.

Jana maß die staubfreien Flächen. Vier passten ungefähr zu Archivkartons, eine war länger und schmaler. Ob dort tatsächlich dieselben Gegenstände gestanden hatten, ließ sich daraus nicht beweisen.

An der inneren Tür befanden sich frische, helle Kratzer nahe dem Schloss. Der Betreiber erklärte, sie könnten von einem verkanteten Rollwagen stammen. Auch dieser Hinweis wurde fotografiert, nicht gedeutet.

„Wann war der letzte Zugang?“, fragte Tobias.

Der Betreiber übergab die protokollierten Daten im zulässigen Umfang. Drei Tage vor der vorläufigen Sperre hatte sich eine Person mit einer alten Firmenberechtigung angemeldet. Die Karte war Keller Wohnbau zugeordnet. Der Name des damaligen Nutzers war im modernen System nicht hinterlegt.

„Drei Tage vor unserem Fund“, sagte Nora.

„Vor Ihrer Meldung“, sagte Jana. „Wir wissen noch nicht, ob der Zugang mit Ihren Ermittlungen zusammenhing.“

Der Betreiber erklärte, das Fach sei bei der Kontrolle nach dem Zugang als ordnungsgemäß verschlossen markiert worden. Warum die innere Tür jetzt offen stand, wurde geprüft.

Die Kamera im Flur hatte wegen einer technischen Umstellung nur Standbilder gespeichert. Man sah eine Person mit zwei Rollkisten hineingehen und später mit denselben Kisten zurückkehren. Ob sie auf dem Rückweg leer oder voll waren, ließ sich nicht erkennen.

„Das ist keine spontane Suche gewesen“, sagte Nora.

Jana notierte den Satz nicht als Tatsache. „Die Person hat Transportmittel benutzt. Mehr sehen wir bisher nicht.“

Nora sah die Staubspuren. „Jemand hat alles geholt.“

„Jemand hat Gegenstände entfernt“, sagte Jana. „Ob es alles war, wissen wir nicht.“

Die Bauzeichnung wurde auf einem freien Tisch ausgerollt. Das Papier war an den Rändern brüchig. In der Ecke stand:

Keller & Brandt Wohnbau – erstes Verwaltungsgebäude.

Datum: Juli 1999.

Der Plan zeigte das Backsteingebäude aus dem Gründungsfoto. Büros, Archiv, Teeküche, ein kleiner Besprechungsraum. An der hinteren Wand des Archivs befand sich ein schmaler Hohlraum, handschriftlich mit „Bestand“ markiert.

Auf einem späteren Umbauplan, den Tobias aus dem öffentlichen Bauarchiv anforderte, existierte dieser Raum nicht mehr. Die Wand war durchgehend eingezeichnet.

„Vielleicht wurde der Hohlraum zugemauert“, sagte Nora.

„Oder der erste Plan war falsch“, sagte Jana.

Auf der Rückseite stand eine Notiz in blauer Tinte:

Kassetten / Protokolle – nicht ins neue Archiv.

Keine Unterschrift.

Der Plan war nicht das Original aus einer Bauakte. Er trug Faltspuren und einen Kaffeering. In einer Ecke befand sich derselbe violette Eingangsstempel, der auch auf dem gescannten Sitzungsprotokoll von der Speicherkarte teilweise sichtbar war.

Eva zeigte im Foto auf die Form. Jana ließ beide Stempel getrennt vergleichen. Eine Übereinstimmung konnte die Herkunft aus demselben Aktenbestand stützen, aber nicht erklären, wer den Plan im Fach zurückgelassen hatte.

Nora erkannte die Handschrift nicht sicher. Hilde sollte sie später getrennt prüfen.

Die Polizei nahm den Plan mit. Das Lagerfach wurde versiegelt, obwohl nichts Weiteres sichtbar war. Jana ließ die Firmenberechtigung und die Zugangskamera des Betreibers auswerten.

„Wir waren zu spät“, sagte Nora draußen.

Eva stand unter dem Vordach. „Für die Kisten vielleicht. Nicht für den Plan.“

„Wenn wir sofort mit dem Schlüssel gekommen wären—“

„Dann hätte Helene behauptet, wir hätten die Kisten entfernt.“

Nora wusste, dass Eva recht hatte. Das machte den leeren Raum nicht weniger schmerzhaft.

Tobias zeigte ihnen auf dem Tablet die aktuelle Adresse des alten Verwaltungsgebäudes. Keller Wohnbau nutzte es noch als Projektbüro. Eine öffentliche Bauanzeige hing am Datensatz.

Beginn Innenumbau: Mittwoch.

In zwei Tagen.

Der erste Arbeitsabschnitt betraf Archiv und hintere Trennwand.

Jemand hatte das Lagerfach geleert und einen Plan zurückgelassen, der genau auf diese Wand zeigte.