Keine von ihnen bat die andere sofort herein.
Eva stand unter dem schmalen Vordach, Nora im warmen Flur. Zwischen ihnen fiel der Regen in einer geraden Linie vom Dachrand. Das Wasser traf die Steinplatte mit einem gleichmäßigen Geräusch, das plötzlich lauter schien als jedes Wort.
„Seit wann?“, fragte Nora.
Eva wusste nicht, ob sie die Ehe, den Ring oder die Lüge meinte.
„Seit achtzehn Jahren.“
Noras Finger schlossen sich um das Geschirrtuch. „Nein.“
„Doch.“
„Daniel war verheiratet. Früher. Er hat mir gesagt, die Scheidung sei längst—“
Sie brach ab.
Eva hätte Mitleid empfinden können. Vielleicht tat sie es sogar, irgendwo unter dem Schock. Im Moment sah sie nur den zweiten Namen am Briefkasten und die Frau, die Daniels Satz offenbar zu Ende kannte.
„Darf ich reinkommen?“
Nora antwortete nicht. Ihr Blick glitt über Evas nassen Mantel, die Brille, den Bankbrief, den Ring. Dann trat sie einen Schritt zurück.
„Fünf Minuten.“
Der Flur roch nach Tomatensoße und Holzpolitur. Auf einer niedrigen Bank standen ein Paar Damenstiefel und Daniels braune Lederschuhe.
Eva erkannte sie an der helleren Stelle auf der linken Kappe. Daniel hatte dort im vergangenen Winter eine Flasche Mineralwasser fallen lassen. Er hatte die Schuhe danach mit zu dunkler Creme behandelt und sich wochenlang darüber geärgert.
Nora bemerkte ihren Blick.
„Die stehen immer hier.“
Eva zog ihre eigenen Schuhe nicht aus. Sie folgte Nora in die Küche.
Auf dem Tisch lagen zwei Teller. Neben einem Weinglas stand Daniels Lesebrille. Nicht die schwarze Brille, die er zu Hause benutzte. Eine dünne Metallfassung, von der Eva nichts wusste.
„Wo ist er?“, fragte Nora.
„Das wollte ich Sie fragen.“
„Er ist in Hamburg. Ein Termin mit der Bank.“
„Das hat er mir auch gesagt.“
Nora setzte sich nicht. Sie ging zu einer Kommode, nahm ihr Telefon und öffnete die Fotos. Ihre Hände zitterten jetzt sichtbar, doch ihre Bewegungen blieben schnell.
„Das hier war im Juni.“
Sie hielt Eva ein Bild hin.
Daniel stand auf einer Holzterrasse, gebräunt, ein Glas in der Hand. Nora lehnte an seiner Schulter. Hinter ihnen lag ein See.
Im Juni hatte Daniel Eva erzählt, er müsse drei Tage zu einer Projektprüfung nach Schwerin. Er hatte ihr ein Foto aus einem nüchternen Hotelzimmer geschickt. Eva erinnerte sich an die grüne Tagesdecke und den schlechten Empfang.
Nora wischte weiter.
Daniel vor einem Weihnachtsbaum. Daniel mit einer Bohrmaschine in dieser Küche. Daniel im gelben Regenmantel an der Ostsee. Daniel schlafend auf einem Sofa, den Kopf auf einem Kissen, das Eva noch nie gesehen hatte.
Eva legte den Bankbrief auf den Tisch.
„Genug.“
Nora senkte das Telefon. „Sie glauben, ich hätte das gewusst.“
„Ich weiß noch nicht, was ich glaube.“
„Ich bin nicht seine Geliebte.“
„Ich habe Sie nicht so genannt.“
„Sie denken es.“
Eva sah wieder zu den zwei Tellern. „Im Augenblick denke ich, dass mein Mann seit Jahren in einem Haus lebt, dessen Adresse ich in seiner Manteltasche gefunden habe.“
Nora zog den Stuhl zurück und setzte sich, als würden ihre Knie sie nicht länger tragen.
„Sechs Jahre“, sagte sie.
„Was?“
„Wir sind seit sechs Jahren zusammen.“
Sechs Jahre. Eva rechnete automatisch zurück. Daniels erste lange Phase mit angeblichen Finanzierungsterminen. Die neue Position im Familienunternehmen. Der Sommer, in dem er fast jedes Wochenende gearbeitet hatte.
„Und wann genau haben Sie geheiratet?“
Nora strich mit dem Daumen über den Silberring. „Vor drei Jahren. In Dänemark.“
„Standesamtlich?“
Die Frage war sachlich. Nora reagierte trotzdem, als hätte Eva sie geschlagen.
„Es war eine kleine Zeremonie. Daniel sagte, die deutschen Unterlagen würden nachgereicht, sobald die letzten Fragen zu seiner Scheidung geklärt seien.“
Eva schwieg.
Nora hob das Kinn. „Es gab einen Redner. Wir hatten Urkunden.“
„Haben Sie eine Eheurkunde vom Standesamt?“
„Nicht hier.“
„Wo dann?“
„Daniel kümmert sich um unsere Dokumente.“
Unsere Dokumente.
Eva dachte an den verschlossenen Schrank in Daniels Arbeitszimmer zu Hause. An seine Versicherungsmappen, seine Steuerordner, die Art, wie er jede Frage mit einem freundlichen „Das mache ich schon“ beantwortet hatte.
Nora stand abrupt auf. „Rufen wir ihn an.“
„Ich habe es versucht.“
„Dann noch einmal.“
Sie legte ihr Telefon auf den Tisch und wählte Daniel. Eva tat dasselbe. Zwei Bildschirme zeigten denselben Namen. Auf Noras Telefon war ein Foto hinterlegt: Daniel im gelben Regenmantel. Auf Evas Bildschirm nur ein grauer Kreis.
Beide Anrufe gingen auf die Mailbox.
„Noch einmal“, sagte Nora.
„Das ändert nichts.“
„Sie wissen das nicht.“
Nora wählte wieder. Diesmal hörte Eva kein Freizeichen.
Aus dem Nebenraum erklang ein Summen.
Beide Frauen hielten inne.
Das Geräusch kam erneut. Kurz, metallisch, gegen eine harte Oberfläche.
Nora ging in den Flur, Eva hinter ihr. Am Ende befand sich eine halb geschlossene Tür. Nora stieß sie auf.
Der Raum war klein. Schreibtisch, Regal, Drucker, ein grauer Aktenschrank. Auf dem Tisch lag ein schwarzes Telefon und vibrierte im Licht einer Schreibtischlampe.
Nora nahm es in die Hand.
„Das ist nicht sein normales Handy.“
„Offenbar nicht.“
Auf dem Display stand ihr eigener Name.
Nora beendete den Anruf. Sofort erschien darunter ein zweiter verpasster Anruf.
Eva Keller.
Nora sah Eva an. „Er hat ein Telefon nur für uns beide?“
Eva trat näher. Neben dem Gerät lag ein Schlüsselbund. Daran hing ein Ersatzschlüssel zu ihrem Haus in Lübeck.
Sie nahm ihn nicht an sich.
„Nein“, sagte sie. „Er hat ein Telefon, um zwei Leben voneinander zu trennen.“
Das Display wurde dunkel.
Im schwarzen Glas sah Eva ihr eigenes Gesicht neben Noras. Zwei Frauen, die einander bis vor zehn Minuten nicht gekannt hatten.
Dann leuchtete das Telefon wieder auf.
Eine neue Nachricht war eingegangen.
