Katrins Kalender enthielt keine Geständnisse.
Er enthielt Termine.
Drei davon fielen auf dieselben Tage wie die Veränderungen in den gesicherten Dateien.
„Anlage ersetzen – Bank final“ stand am Abend, an dem Evas Nummer in der Bankfassung erschien.
„Presse Hintergrund E/D“ stand zwei Tage vor Helenes erster Mitteilung über Daniels angebliche Flucht und Evas mögliche Rolle.
„Archiv alt – Freigabe Vernichtung“ stand vor dem geplanten Abtransport der Kisten aus dem Keller.
E konnte Eva bedeuten.
D konnte Daniel bedeuten.
Die Kürzel wurden nicht automatisch aufgelöst.
Der Kalender zeigte außerdem Teilnehmerfelder. Beim Banktermin waren Katrin, Daniel und Helenes Büro eingetragen. Beim Pressegespräch nur Katrin und eine externe Medienadresse. Beim Archivtermin Lukas, Katrin und die interne Verwaltung.
Die technische Prüfung bestätigte, dass der Export aus Katrins Firmenkonto stammte und die Einträge vor Daniels Verschwinden angelegt worden waren. Spätere Änderungen erschienen in einer eigenen Historie. Der Kalender konnte nicht einfach nachträglich als fertige Geschichte erzeugt worden sein.
Helene erschien nicht immer als Person. Mehrere Termine waren jedoch mit ihrer privaten Farbkategorie markiert. Katrins Anwältin erklärte, diese Farbe habe „von Helene angefordert“ bedeutet.
Katrin Vogt hatte sich eine unabhängige Anwältin genommen.
Sie sagte nun aus, nachdem sie wochenlang über Helenes Kanzlei nur schriftliche Erklärungen abgegeben hatte.
Ihre neue Anwältin erklärte, dass Katrin nicht automatisch von jeder Verantwortung befreit werde, nur weil sie Anweisungen erhalten habe. Gleichzeitig dürfe eine Assistenzposition nicht als Grund dienen, ihr jede Entscheidung der Geschäftsleitung zuzuschreiben.
Jana begann mit der Bedeutung der Kalenderfelder, nicht mit Schuld.
Katrin erklärte, dass sie Aufgaben aus Helenes Büro eingetragen, Besprechungen koordiniert und Dateien weitergeleitet hatte. Manche Titel waren ihre eigenen Kurzfassungen. Andere stammten aus Aufgabenlisten.
„Wer verlangte den Austausch der Bankanlage?“, fragte Jana.
„Helene sagte, die externe Prüfung müsse klarer erscheinen.“
„Nannte sie Eva Keller?“
„Bei der ersten Anweisung nicht.“
„Später?“
Katrin sah zu ihrer Anwältin.
„Später sagte sie, Daniels Frau sei glaubwürdig, weil sie in der Lohnabrechnung arbeite.“
Die Aussage passte zu Daniels Darstellung.
Sie blieb eine zweite Zeugenaussage, kein automatisches Urteil. Die Ermittler suchten nach der Datei, die Katrin versendet hatte, und nach einem schriftlichen Freigabevermerk.
Katrin bestätigte den Versand der Bankfassung. Sie behauptete, Daniel habe Evas Nummer bereits eingesetzt. Der technische Verlauf stützte diesen Teil.
Im E-Mail-Anhang war die Version mit Evas Nummer enthalten. Der Begleittext nannte die Anlage „von der externen Lohnstelle plausibilisiert“. Katrin hatte diesen Satz geschrieben. Sie sagte, Helenes Büro habe die Formulierung vorgegeben.
„Wussten Sie, dass Eva nicht bei Keller Wohnbau arbeitete?“
„Ja.“
„Warum stand sie als Finanzleiterin in der Anlage?“
„Helene sagte, die Bank brauche eine verständliche Rollenbezeichnung.“
Katrin hatte den Satz nicht korrigiert.
Beim Medientermin wurde ihre Aussage schwieriger. Sie hatte einer regionalen Redaktion Hintergrundmaterial übermittelt. Darin stand, Eva habe wahrscheinlich Zugriff auf die Finanzierung gehabt. Katrin erklärte, sie habe die Behauptung nicht selbst geprüft.
Die gesicherte Korrespondenz zeigte eine Rückfrage der Redaktion: Arbeitet Eva Keller tatsächlich bei Keller Wohnbau? Katrin hatte nicht geantwortet. Zwei Stunden später kam aus Helenes Büro eine neue Fassung, die nur noch von „finanzieller Fachkenntnis im engen Familienumfeld“ sprach.
„Wer hat den Text freigegeben?“
„Helene.“
Ein Entwurf im gesicherten Ordner trug Änderungshinweise aus dem Konto von Helenes Büro. Wieder musste geklärt werden, wer das Konto bedient hatte.
Der Archivtermin betraf eine planmäßige Vernichtungsliste, die später beschleunigt wurde. Katrin sagte, Helene habe nach Daniels Verschwinden angeordnet, „alle alten Risiken“ vor Abschluss der Renovierung zu erledigen.
„Meinte sie Beweise?“, fragte Jana.
„Sie sagte Risiken.“
Katrin machte aus dem Wort keine größere Aussage.
Ihre Aussage endete nach drei Stunden und wurde für einen weiteren Termin unterbrochen. Jana versprach ihr keine milde Behandlung. Sie dokumentierte nur, dass Katrin aus der gemeinsamen Vertretung ausgeschieden war und nun eigene Angaben machte.
Lukas hatte am Termin teilgenommen. Er hatte bereits eingeräumt, den Metallschrank zuerst bewegen zu wollen. Seine Erklärung lautete, er habe Personal- und Gesellschaftsakten vor der Baustelle schützen wollen. Die Kalenderdaten bestätigten den Termin, nicht sein Motiv.
Eva erhielt eine Zusammenfassung nur zu den sie betreffenden Aussagen. Sie las Katrins Satz über die verständliche Rollenbezeichnung.
Ein falscher Beruf war verständlicher gewesen als eine echte fehlende Freigabe.
Katrin bat nicht um Vergebung. Ihre Anwältin erklärte, sie wolle ihre eigene Verantwortung benennen und nicht länger jede Anweisung als neutrale Assistenz darstellen.
Auch ihre Kooperation würde geprüft.
Der Kalender sagte nicht, dass Helene jeden Schritt persönlich ausgeführt hatte.
Er sagte etwas Strengeres:
Dateiaustausch, Medienmaterial und Aktenvernichtung waren keine voneinander getrennten Zufälle.
Sie standen in derselben Arbeitsplanung.
