Kapitel 165: Ein unabhängiger Geschäftsführer

Der neue Geschäftsführer hieß Martin Claasen.

Nora hatte ihn nicht ausgewählt.

Helene auch nicht.

Die Nordbank, der unabhängige Beobachter, der Betriebsrat und die nicht eingefrorenen Anteilseigner hatten sich auf ein befristetes Mandat verständigt. Tobias durfte für Noras Streitposition Einwände gegen Interessenkonflikte erheben, aber keinen eigenen Kandidaten bestimmen.

Claasen war zweiundfünfzig und hatte bereits zwei mittelständische Unternehmen während ungeklärter Gesellschafterstreitigkeiten geführt. Das machte ihn nicht neutral durch Natur. Sein Vertrag enthielt konkrete Grenzen.

Er musste monatlich offenlegen, welche Vergütung er erhielt und welche früheren Mandate ihn mit Banken, Käufern oder Beratern verbanden. Seifert, Bader und die bisherigen Kanzleien erschienen auf seiner Ausschlussliste. Ein unabhängiger Ausschuss konnte ihn bei Pflichtverletzungen abberufen.

Er sollte den laufenden Betrieb sichern.

Er durfte Löhne, Lieferanten und bereits genehmigte Bauleistungen freigeben.

Er musste Mitarbeitergelder getrennt führen und der Prüfgesellschaft Zugang geben.

Er durfte keine strittigen Projektgesellschaften verkaufen, keine historischen Rechte anerkennen oder auf sie verzichten und keine Vergleiche mit Nora, Eva oder Daniel schließen.

Diese Entscheidungen blieben den zuständigen Gerichten, Anteilseignern und Verfahrensparteien vorbehalten.

„Also verwaltet er alles“, sagte Nora.

„Den Alltag“, sagte Tobias. „Nicht die Vergangenheit und nicht Ihr Ergebnis.“

Helene blieb Geschäftsführerin im Register, soweit die vorläufige Vereinbarung ihre Stellung nicht endgültig änderte. Ihre operative Einzelbefugnis wurde jedoch suspendiert. Bestimmte gesetzliche und gesellschaftsrechtliche Rechte blieben ihr erhalten. Sie konnte Entscheidungen prüfen lassen und gegen Maßnahmen vorgehen.

Es war keine Enteignung.

Es war keine staatliche Übernahme.

Kein Ministerium führte Keller Wohnbau.

Ein vertraglich und gerichtlich abgesicherter unabhängiger Manager überwachte das Unternehmen während des Streits.

Die Vereinbarung galt zunächst sechs Monate. Eine Verlängerung brauchte neue Zustimmung oder eine gerichtliche Grundlage. Auch eine scheinbar neutrale Übergangslösung durfte nicht zur dauerhaften Macht ohne Kontrolle werden.

Die Übergabesitzung fand im großen Besprechungsraum statt. Nora nahm über ihre begrenzte Verfahrensstellung teil. Eva war nur für den Abschnitt zu Lohnkontrollen eingeladen.

Claasen begann nicht mit einer Rede über Rettung.

Er verlangte Kontostände, Vollmachten, Fälligkeiten und eine Liste aller Zahlungen, die in den nächsten zehn Tagen ausgelöst werden mussten.

Helene legte eine Mappe vor.

„Sie werden feststellen, dass die Firma ohne schnelle Entscheidungen nicht funktioniert.“

„Dann brauche ich die Entscheidungen mit Frist und Rechtsgrund“, sagte Claasen.

„Sie kennen die Beziehungen zu unseren Auftraggebern nicht.“

„Deshalb bleiben die operativen Teams im Unternehmen.“

Lukas sollte vorerst den Baustellenbetrieb fortführen, aber keine Zahlungen außerhalb der neuen Freigabewege anweisen. Seine Protokolle und die fehlende Datei blieben Gegenstand der Prüfung.

Der Betriebsrat erhielt einen regelmäßigen Bericht über Löhne und Beiträge. Keine individuellen Daten gingen an Nora oder Eva.

Claasen bat Eva, den vorgeschlagenen Doppelkontrollprozess zu prüfen.

„Ich kann sagen, ob die Schritte nachvollziehbar sind“, sagte sie. „Ich kann ihn nicht für Keller Wohnbau genehmigen.“

„Das erwarte ich nicht.“

Eva fand zwei unklare Zuständigkeiten. Claasen ließ sie im Entwurf korrigieren und übergab den Prozess an die internen Fachleute und Prüfer.

Nora beobachtete, wie Helene am anderen Ende des Tisches schwieg.

Sie war noch da.

Sie durfte ihren Anwalt anrufen, Unterlagen einreichen und ihre Rechte verteidigen. Sie konnte aber nicht mehr eine Überweisung anweisen, ein Projekt verkaufen oder eine Medienstrategie mit Firmenmitteln auslösen, ohne dass die neue Struktur den Vorgang erfasste.

Am ersten Nachmittag stoppte Claasen keine Baustelle. Er gab Löhne frei, nachdem zwei zuständige Stellen die Summen bestätigt hatten. Eine Lieferantenzahlung wurde zurückgestellt, weil die Kontoverbindung kurzfristig geändert worden war.

Die Prüfung ergab später einen normalen Wechsel des Bankkontos.

Der Lieferant erhielt sein Geld einen Tag später.

Helene nannte die Verzögerung einen Beweis für Bürokratie.

Der Betriebsrat nannte den dokumentierten Ausgang einen Beweis dafür, dass Kontrolle nicht Stillstand bedeutete.

Nora nannte es gar nichts.

Sie hatte gelernt, dass ein einzelner richtiger Tag kein System bewies.

Als sie das Gebäude verließ, sah sie Claasen durch die Glaswand mit den Mitarbeitenden der Buchhaltung sprechen. Er saß nicht in Helenes Büro. Für die Übergangszeit hatte er einen neutralen Raum gewählt.

Helene hatte ihre gesetzlichen Rechte nicht verloren.

Sie hatte etwas anderes verloren:

die Möglichkeit, den täglichen Betrieb mit ihrem eigenen Willen gleichzusetzen.