Kapitel 85: Der Ordner „E.“

Der Ordner hieß nicht Eva.

Nur E.

Jana warnte sie, bevor sie die freigegebene Übersicht zeigte. „Der Name allein beweist nicht, dass alles darin gegen Sie gerichtet war.“

Eva setzte sich.

Der Ordner stammte von dem Gerät, das Daniel im Rostocker Hotel benutzt hatte. Die Ermittler hatten ihn im rechtlich freigegebenen Umfang ausgewertet. Er enthielt Kopien der E-Mail, der alten Lohnvorlage, ihrer beruflichen Kurzbiografie und mehrerer Finanzierungstabellen.

Außerdem lag dort ein Entwurf:

Darstellung Beteiligung Eva Keller.

Der Text behauptete, Eva habe als Lohnexpertin das Modell der fünf Zahlungen entwickelt, um kurzfristig Liquidität nachzuweisen. Daniel sei ihr als Ehemann gefolgt und später aus Angst vor Konsequenzen geflohen.

„Er wollte sagen, ich hätte ihn dazu gebracht.“

„Das ist der Inhalt des Entwurfs“, sagte Jana.

Die Datei war zehn Tage vor Daniels Verschwinden erstellt worden.

Noch vor Helenes öffentlicher Erklärung, Daniel habe Geld mitgenommen.

Noch bevor Eva die Garantie gesehen hatte.

Die Metadaten ordneten die erste Erstellung Daniels Benutzerkonto zu. Spätere Änderungen stammten von einem zweiten Konto mit den Initialen K.V.

Katrin Vogt, Helenes Assistentin, war eine mögliche Person. Die Initialen allein reichten nicht. Jana prüfte die Kontenzuordnung.

Eva las die Liste der enthaltenen Dateien. Ein Foto ihres HanseKontor-Ausweises. Ein Scan ihrer Visitenkarte. Eine Aufstellung der Tage, an denen sie im Homeoffice gearbeitet hatte. Eine Notiz über die Pflegekosten ihres Vaters.

Informationen, die in einem Eheleben nicht verdächtig wirkten.

Im Ordner wurden sie zu Material.

Nora saß neben ihr, sagte aber nichts. Eva war dankbar dafür.

„Hat Daniel das alles mitgenommen, um mich zu schützen?“, fragte Eva.

Jana ließ die Frage nicht in der Luft. „Der Entwurf belastet Sie. Dass er später andere Beweise kopierte, ändert den Zweck dieses Ordners nicht automatisch.“

Daniel hatte am Telefon behauptet, er müsse Zeit gewinnen. Nun sah Eva, wofür ein Teil dieser Zeit vorgesehen gewesen war. Wenn die Firma eine verantwortliche Lohnexpertin brauchte, hatte er eine Akte über seine eigene Frau vorbereitet.

Der Ordner enthielt auch eine Version der öffentlichen Erklärung, die Helene später nahezu wörtlich verwendet hatte:

Daniel habe gemeinsam mit einer Person aus dem Lohnbereich unzulässige Zahlungsstrukturen geschaffen.

Im Entwurf stand noch Evas voller Name. In der veröffentlichten Fassung war er entfernt worden, die Beschreibung blieb.

„Helene hatte die Datei“, sagte Nora.

„Oder jemand gab ihr den Text“, sagte Jana. „Wir prüfen den Übermittlungsweg.“

Eva wusste, dass diese Grenze notwendig war. Sie fühlte sich trotzdem wie eine weitere höfliche Verzögerung.

„Was braucht es noch?“

„Kommunikationsprotokolle, Kontenzuordnung und Aussagen. Ein ähnlicher Text zeigt einen Zusammenhang, aber nicht automatisch, wer welche Fassung wann gesehen hat.“

Die Ermittler sicherten den Ordner unverändert. Eva erhielt keine vollständige Kopie mit sensiblen Daten. Tobias bekam eine Zusammenfassung, die für Bank und Arbeitgeber belegte, dass Belastungsmaterial vor Daniels Verschwinden vorbereitet worden war.

HanseKontor verlängerte Evas Freistellung nicht automatisch. Die interne Prüfung erhielt die neue Zusammenfassung und setzte einen Termin in drei Tagen an.

Der Datenschutzbeauftragte bat zusätzlich um eine Liste der HanseKontor-Dateien im Ordner. Eva erstellte sie nicht selbst aus dem Ermittlungsbestand. Jana ließ nur Dateinamen und Herkunft der alten Vorlage bestätigen. So konnte der Arbeitgeber sein Risiko prüfen, ohne Zugang zu Noras Unterlagen oder Daniels gesamtem Gerät zu erhalten.

Am Abend saß Eva wieder an ihrem Küchentisch. Daniels Stuhl stand gegenüber.

Diesmal sprach sie nicht mit ihm.

Sie stellte den Ordnernamen in ihre Zeitleiste:

E. – erstellt zehn Tage vor Verschwinden.

Darunter:

Zweck des Entwurfs: Verantwortung auf Eva lenken.

Offen:

Wer ist K.V.?

Wer übermittelte die Fassung an Helene?

Welche Teile nutzte die Bank?

Der Ordner beantwortete eine alte Frage. Die falsche Geschichte über Eva war nicht erst entstanden, nachdem Daniel weggelaufen war. Jemand hatte sie vorher vorbereitet.

Daniel hatte Beweise kopiert.

Er hatte gleichzeitig eine Frau als Ausweg vorbereitet.

Diese beiden Handlungen konnten in derselben Person existieren.

Der Ordner „E.“ war kein Zeichen, dass er sie am Ende retten wollte.

Er war der Beleg, dass er mindestens zehn Tage lang wusste, wie ihre Schuld aussehen sollte.