Kapitel 84: Das alte Tablet

Nora hatte das Tablet oft in Daniels Händen gesehen.

In Bad Oldesloe behauptete er, es sei sein altes Arbeitsgerät. Bei Eva zu Hause nannte er dasselbe Modell offenbar Familien-Tablet. Nora wusste nicht, ob es exakt dasselbe Gerät gewesen war, bis Jana die Seriennummer freigab.

Sie stand auf der Rechnung, die Eva gefunden hatte.

Und auf einem Foto, das Nora Jahre zuvor beim Einrichten eines Urlaubsaccounts aufgenommen hatte.

Gleiche Nummer.

Daniel hatte ein Gerät zwischen beiden Leben bewegt.

Nora saß mit Eva in Tobias’ Kanzlei, als die technischen Ergebnisse erläutert wurden. Das Tablet war sechs Wochen vor der Mail auf Werkseinstellungen zurückgesetzt worden. Daniel hatte beim Reparaturdienst erklärt, er sei alleiniger Verwalter und spiele die Sicherung selbst ein.

Der Dienst hatte keine Kopie von Evas Daten behalten. Seine Protokolle zeigten nur, dass Daniel das Gerät abgegeben, abgeholt und nach dem Zurücksetzen mit seinem Telefon gekoppelt hatte.

Der Mitarbeiter erinnerte sich nicht persönlich an Daniel. Rechnung, Abholbestätigung und Systemvermerk genügten als dokumentierte Grundlage; eine nach Jahren erzeugte Gesichtserinnerung hätte die Kette nicht verbessert.

„Kann man sehen, wer die E-Mail gesendet hat?“, fragte Nora.

„Nicht als Person“, sagte Jana. „Die Gerätekennung passt zum Tablet. Der aktive Wiederherstellungsschlüssel war Daniels Nummer zugeordnet.“

Eva war zur Versandzeit in Bremen. Daniel hatte zu Hause ein Paket angenommen. Nora wollte den Satz „Dann war er es“ aussprechen.

Sie tat es nicht.

Jemand mit Zugang zum Tablet und Heimnetz hatte die Mail senden können. Die Belege machten Daniel zum naheliegenden Nutzer. Eine abschließende Zuordnung blieb Aufgabe der Untersuchung.

„Warum nahm er es mit zu mir?“, fragte Nora.

Das Foto aus ihrem Haus war nach der Reparatur entstanden. Im Hintergrund lag der gelbe Versicherungsordner. Daniel konnte über das Tablet auf das gemeinsame Vertragskonto zugreifen, während er mit Nora ihre Unterlagen besprach.

„Vielleicht hat er dort die Anlage vorbereitet“, sagte sie.

Eva sah auf das Foto. „Oder er hatte es nur dabei.“

Nora spürte den alten Ärger über Evas Vorsicht und gleichzeitig die Sicherheit, die genau daraus entstand.

Die Ermittler fanden auf dem Gerät keine vollständige Garantievorlage. Gelöschte Bereiche waren nicht beliebig wiederherstellbar. Es existierten jedoch Systemverweise auf zwei Sicherungen:

eine mit Evas privatem Vertragskonto;

eine mit einem Keller-Wohnbau-Projektordner.

Die Projektkennung der Mail tauchte in der zweiten Sicherung auf.

Ein weiterer Verweis zeigte, dass Daniels Benutzerkonto kurz nach dem Versand einen PDF-Ausdruck erzeugt hatte. Der Dateiname entsprach Helenes späterem Ausdruck.

„Er hat die Mail nicht nur empfangen“, sagte Nora. „Er hat sie ausgedruckt.“

„Das ist technisch zugeordnet“, sagte Jana.

Der Weg wurde klarer:

Tablet sendet aus Heimnetz.

Daniels Konto empfängt.

Daniel erzeugt PDF.

Keller Wohnbau speichert es als Zustimmung.

Noch war Helenes Wissen über die Erstellung offen. Daniels aktive Rolle war schwerer abzustreiten.

Eva fragte, ob die Ermittler auch private Fotos und Nachrichten gesehen hätten.

Jana erklärte, die Auswertung sei auf die konkret genehmigten Konten, Zeiträume und Projektbezüge begrenzt. Noras alte Urlaubsfotos waren nur verwendet worden, weil sie selbst die Seriennummer als Vergleich angeboten hatte.

Nora hatte nicht das Recht aufgegeben, andere Inhalte privat zu halten.

Sie bat darum, das Foto nach der dokumentierten Verwendung nicht öffentlich zu machen. Es zeigte ihr Wohnzimmer und persönliche Gegenstände. Jana nahm die Einschränkung auf.

Am Abend fuhr Nora nach Hause und sah den leeren Platz im Regal, an dem Daniel das Tablet manchmal geladen hatte. Er hatte die Grenzen zwischen zwei Häusern nicht nur mit Kleidung und Terminen verwischt.

Er hatte dasselbe Gerät benutzt, um Evas Namen und Noras Unterlagen in eine gemeinsame Finanzierung zu führen.

Der technische Bericht machte Eva noch nicht für alle Stellen frei. Ein angemeldetes Konto konnte weiterhin als ihr Konto erscheinen.

Aber er widerlegte die einfache Behauptung, nur Eva habe die Mail senden können.

Daniel hatte das Tablet zurückgesetzt.

Daniel hatte die Sicherungen kontrolliert.

Daniel hatte die Nachricht empfangen und als PDF in die Firma gebracht.

Nora schrieb die Kette in ihr Notizbuch.

Zum ersten Mal stand zwischen Eva und der falschen Mail nicht nur Vertrauen.

Es stand ein Gerät mit Seriennummer, Reparaturbeleg und Daniels Wiederherstellungsschlüssel.